Eine nicht-nationale Außenperspektive auf Israel-Palästina

Dem Freitag scheint es immer mehr zu gehen wie der auf seinen Seiten protegierten Linkspartei: Auf der einen Seite möchte man als die andere Stimme bzw. ein Sammelbecken für andere Stimmen jenseits des Mainstream wahrgenommen werden, andererseits besteht große Sehnsucht nach Anerkennung, wenn nicht Akzeptanz seitens der großen Meinungsmacher und -führer. Entsprechend staatstragend lesen sich in letzter Zeit immer mehr Texte, in denen u.a. auch schon mal die Frage nach „unserer“ Identität  nicht den Rechten überlassen wird – natürlich alles hübsch ironich, den Weg über Südkorea einschlagend.

Auch zum jüngsten Besuch von Israels Staatspräsident Shimon Peres fiel Julian Heißner nicht viel mehr ein, als Ware von der Stange zu bieten, d.h. sattsam Bekanntes aufzuwärmen bzw. wiederzukäuen. Bei diesem Besuch gehe es nicht um Tagespolitik, sondern um Anderes. Um nichts Weniger sei es gegangen als um Versöhnung:

Der Präsident wird am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus eine Rede vor dem Deutschen Bundestag halten – eine besondere Geste, wie er und Kanzlerin Merkel betonten. Außerdem standen Termine an der Gedenkstätte Gleis 17 am Berliner Bahnhof Grunewald, von dem zur Zeit des Nationalsozialismus Juden in die Vernichtungslager transportiert wurden, sowie Treffen mit israelischen und deutschen Jugendlichen auf dem Programm.

Kein Zweifel: Solange Deutsche als Deutsche und Israelis als Israelis über die Shoa gemeinsam nachdenken, ist es schwierig, vielleicht sogar unmöglich, die Realitäten in Israel-Palästina angemessen zu würdigen, gerade wenn es um die gemeinsame Erinnerung an die Shoa geht. Da können sich zahlreiche Nahostinteressierte, die mit der deutschen Brille Palästinasolidarität üben wollen, noch so oft Uri Avnery zitieren, der ja mehr als einmal darauf hingewiesen hat, dass Deutschland als Freund Israels das Recht und die Pflicht habe, an Israel Kritik zu üben. Im binationalen Schulterschluss zwischen Deutschland und Israel gibt es keine Kritik.

Zweifellos hat Bettina Vestring recht:

Zum Frieden müssen nicht nur die Palästinenser gedrängt werden, sondern auch Israel. Der Blick durch die Brille der deutschen Vergangenheit darf dafür nicht blind machen.

Und wie Volksfrontler Jürgen Elsässer kann man sich über das jüngste Welt-Glaubensbekennntnis nach dem Motto „Israels Kampf ist unser Kampf“(Arrgh, Springer-Presse!) ereifern. Allein – ich bezweifele immer stärker, dass es einer deutschen Bundesregierung wirklich darum gehen kann, mit Blick auf Israel-Palästina die realen Gegebenheiten vor Ort anzuerkennen und ernstzunehmen. Marc H. Ellis spricht von einem ökumenischen Deal, der den jüdisch-christlichen Dialog seit jeher kennzeichnet. Vielleicht kann man ja im Hinblick auf das Verhältnis zwischen Deutschen und Israelis von einem geschichtspolitischen Deal sprechen? Solange „wir als Deutsche“ unseren Blick nach Israel-Palästina wenden, blicken wir in einen Spiegel – und sehen, dass alles in Ordnung ist. Für Moshe Zuckermann besteht kein Zweifel, dass

die 1952 abgeschlossenen Abkommen zwischen dem westdeutschen Staat und Israel zunächst und vor allem auf eine Materialisierung der Sühne hinausliefen. […] Mit Moral hatte dies nur in einem zynischen ideologischen Sinne etwas zu tun. Denn was auf der Tagesordnung stand, war die im Rahmen des ausgebrochenen Kalten Krieges zu befestigende Neuordnung der Welt und die mit dieser neuen Weltteilung einhergehende Ortsbestimmung Deutschlands, welches es freilich alsbald zweifach geben sollte.

Und heute – Jahre 20 der „Einheit“ – ist es nicht anders:

selbst die ehrlich Bemühten und Wohlmeinenden kamen nicht aus dem Zirkel des in den Anfangsjahren Israels und Westdeutschlands richtungsweisend etablierten Musters von zweckrationalem Tausch, befindlichkeitsgesteuerter Projektion und zu starrer Ideologie verkommener Moral heraus. Und wenn heute sogenannte Antideutsche glauben, ihre nationalen Identitätsprobleme als in Deutschland lebende Deutsche durch eine überspannte »Israel-Solidarität«, abstruses Schwenken von Israel-Fahnen und sonstiges ideologisches Getue, das durch ein falsch verstandenes Nie-wieder-Deutschland über »Israel« an den »Juden« etwas historisch »wiedergutzumachen« vermeint, überwinden zu können, dann sind das im besten Fall gutwillige Ignoranten, im großen Ganzen aber doch eher Gesinnungsschmarotzer, die ihr unreflektiertes Identitäts- und Befindlichkeitsdefizit in eine moralisch sich wähnende, letztlich regressive politische Reaktion kanalisieren, ohne sich bewußt zu werden, daß sie durch die Ersetzung des Antisemitismus durch Islamophobie gerade das Andenken jener mißbrauchen und kontaminieren, in deren Namen sie meinen, sprechen zu dürfen und derer sie sich projektiv bedienen, um sich selbst zu setzen.

damit betreiben aber besagte (Anti-)Deutsche dasselbe Geschäft wie jene Staats- und Volksvertreter hierzulande, die auf der Suche nach einer Legitimierung für ihren Nationalstolz Israel benutzen. Von sog. Islam-„Kritikern“ ganz zu schweigen!

Was ich aber eigentlich sagen wollte: Wer seinen Blick von außen auf Israel-Palästina durch nationale Interessen oder religiös-sektiererische Nebenschwaden sich verstellen lässt, d.h. nichts dabei finden mag, sich „gerade als Deutscher“ oder „auch als Christ etc.“ für Israel-Palästina zu „engagieren“, landet immer wieder bei sich selbst. Jahrelang gemachte Erfahrungen etwa auf Delegiertenversammlungen von Pax Christi oder Vorstandssitzungen der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft haben mich gelehrt: Gaza mag brennen, israelische wie palästinensische Opfer zu beklagen sein – bei der Frage „Was können wir tun?“ endet meist der Bezug zur Realität – und es beginnt die Selbstbespiegelung. Israel-Palästina muss leben, damit Deutschland gedeihe, damit christliche Friedensarbeit glaubwürdig bleibe…

Die Alternative für eine angemessene Außenperspektive? Schwer zu beantworten, diese Frage.  Allein: Worüber ich mich in diesem Blog nicht mehr echauffieren werde, ist die einseitige deutsche Wahrnehmung des Nahostkonflikts. Wo immer deutsche Interessen geltend gemacht werden, ist Israel mit im nationalen Boot – als Anker und als Steuerrad. Das Problem aber liegt nicht bei Israel. Ich bin mir sicher, dass jeder andere Nationalstaat unter ähnlichen Bedingungen eine nahezu identische Politik wie der Deutschen liebste Projektionsfläche betreiben würde. Auch bin ich der festen Ansicht, dass sich national definierte Kollektive unter ähnlichen Bedingungen wie jene, unter denen die Palästinenser zu existieren – Leben kann man das nicht nennen – haben, nahezu gleich verhalten würden wie die zweitliebste Projektionsfläche national gesinnter Nahostbeobachter aus diesem unserem Lande.

Das Problem liegt im Nationalen. Was vonnöten wäre, ist eine nicht-nationale Perspektive bzw. ein nicht-nationaler Standpunkt von außen auf Israel-Palästina. Ein Standpunkt, der Kategorien wie Nation oder Religion/Glaube als für viele Menschen sinnstiftend anerkennen kann, besagte Kategorien aber nicht (allein) für die eigene Argumentation übernimmt. Wie das gehen kann? Let’s see.

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2 Gedanken zu “Eine nicht-nationale Außenperspektive auf Israel-Palästina

  1. Vor allem sollte man das Thema Holocaust nicht mit den aktuellen Problemen in Nahost vermischen. Es sollte möglich sein, dass Peres im Bundestag zum Holocaust spricht, ohne dass man reflexartig mit den Palästinensern kommt. Das meine nicht nicht direkt auf diesen Blog bezogen, sondern allgemein.

    Aber das scheint nicht zu gehen.

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    1. So ist das mit Reflexen… Sind es Leute, die sich „als Deutsche“ von einem Juden nicht erklären lassen wollen, was richtig und falsch ist, gebe ich Dir recht.
      Ansonsten, d.h. z.B. außerhalb des Bundestags, sollte man einem Menschen wie Peres schon vor dessen erstem Morgenkaffee mit den Palästinensern kommen.

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