Auf dass nationale Gutwerdung einhergehe mit maximalem Profit!

Im Wesentlichen geht es bei den Debatten, die nicht nur in diesem Blog geführt, verfolgt und kommentiert werden, – sei es um Israel-Palästina, Antisemitismus und Israelkritik, Religionskritik und Islam-„Kritik“ – doch nur um eins: Die Unfähigkeit, frei zu sein, d.h. in eigener Verantwortung und auf eigene Rechnung Standpunkte zu vertreten. Vielleicht wollen „wir alle“ ja auch nichts Anderes als nur „gut“ sein. Deshalb fragen wir uns auch immer: Dürfen wir sagen, was wir meinen? Befinden wir uns auch immer im Rahmen des von welchen Diskurs-Wächtern auch immer vorgegebenen Rahmens?

Als Konsequenz: Rassismus und Antisemitismus sind nicht abzulehnen, weil sie Geisteshaltungen wiederspiegeln, die mit Geist auch so gar nichts zu tun haben wollen und in ihrer praktischen Umsetzung Hass säen und Menschenleben gefährden, sondern weil sie als verboten gelten. Verboten. Schmutzig. Ungezogen. Naughty. Sexy…

Letzten Endes geht es also immer nur um uns selbst- und um unser national, kulturell, religiöses oder sonstwie definiertes Kollektiv. Wir wollen unseren Laden sauber halten. Und hat das Gesundheitsamt die Schließung angeordnet, reißen wir alles ab – und bauen den Laden nochmals auf – nur „besser“. Was auch immer „besser“ bedeuten mag, und was genau nun besser sein soll – der Wiederaufbau oder der Laden.

Dass besagte Debatten immer verlogener werden, je öffentlicher sie geführt werden, ist für Hartmut Finkeldey nichts als eine Basisbanalität:

Ein Mahnmal, errichtet ab dem 9. Mai 1945 von aufrichtig Erschütterten, errichtet mit Wut gegen das Nazi-Gesindel – das würde mich berühren. So, wie es errichtet wurde, ist es einfach nur peinlich. Ich bin natürlich gegen den Abriß. Wobei ich nicht einmal das genau weiß. Einer Bürgerinitiative „Massenmord ist nicht mehr gut zu machen – Sprengen wir die deutsche Verlogenheit!“ würde ich vermutlich sofort beitreten. Je nun: Jetzt steht es da und möge stehen bleiben. Errichtet worden ist es nach viel Marketing und mit der klammheimlich erklärten Absicht, „der Welt“ (wer ist das?) das „gute Deutschland“ (was ist das?) vorzuführen. Kurz: Es ging um Machtinteressen, um Außenpolitik, um „unseren“ Ruf. Am geringsten wäre meine ästhetische Kritik, was allerdings persönliche Gründe hat: Das Gefühl, es würde einem der Boden unter den Füssen weggezogen, das Gefühl, von nun an sei nichts mehr sicher, nichts mehr fest gefügt, ist genau jenes, das mich beschlich, als ich zum ersten Mal die Bilder aus Bergen-Belsen sah. Vielleicht sollte man die Stelen wirklich sprengen…? Öffentlich, meine ich…

Wo waren wir? Ach so: Verlogenheit von öffentlichen Debatten. Ich denke, ich bin diesmal stringent beim Thema geblieben. Wenn ich über Katyn rede, rede ich über Katyn. Ich verbitte mir die Unverschämtheit, dann ein kerniges Bekenntnis gegen Auschwitz abgefordert zu bekommen – als wenn ich das nötig hätte. Und wenn ich über das Berliner Holocaustmahnmal rede, rede ich über deutsche Verlogenheit und deutsche Staatsverbrechen. Dass es, wen auch nicht in diesem Ausmaß, Staatsverbrechen und Verlogenheit auch in anderen Ländern gibt – Danke der Nachfrage! -, weiß ich. Ich werde die Aufmerksamkeit der Diskursteilnehmer lobend erwähnen.

Und Roberto J. De Lapuente hebt an zu einer großartigen Abrechung mit den deutschen, allzu deutschen „Nie-Wieder“-Gängern:

Bei so einer Plackerei kann man das Nie wieder! schon mal aus den Augen verlieren. Und weil dem so ist, weil man nur zu gerne vergisst und verbummelt, sind Gedenktage unentbehrlich. Man erinnere jene hohen Herrschaften aus Politik, Presse und Fernsehen, aus den Vorzimmern der staatlichen Allmacht, allerdings nur an jenem Gedenktag an dieses Nie wieder! Während des Jahres erntet man Giftpfeile, wenn man die Hetzpropaganda jener braunen Tage mit derjenigen vergleicht, die heute in gebräunten Runen von weißem Papier stieren. Soetwas könne heute gar nicht mehr vorkommen, beschwichtigt man, der Pogrom sei ausgeschlossen, Volksverhetzung verboten, das Nie wieder! habe man ja auch rituell geschworen. Nur nicht übertreiben! Nicht Äpfel mit Birnen vergleichen! Bloß nicht dramatisieren!

An jenem Gedenktag, diesem geheucheltem Gesellschaftsritual, gilt das Nie wieder! den Morden, den Gruben voller Leichen, der Vergasung, den Kopfschüssen, der Marter durch Arbeit. Nie wieder! Nie wieder! Aber was davor geschah, die Schmähung, die Beleidigung, der Rufmord an einer ganzen Gesellschaftsgruppe, die Verleumdung, die Treiberei, das Gehetze, Berichte voller ehrabschneidender Unwahrheit, Betonung der Fremd- und Andersartigkeit, der Faulheit und Verschlagenheit, all dies und noch mehr, dieses Vorspiel der Vernichtungslager, diese enorme Komposition des deutschen Kampagnenjournalismus‘ jener Tage – all dies beinhaltet Nie wieder! nicht. Es ist, als wollte man in solchen Gedenkzeremonien verdeutlichen, man könne die letzte, die mörderische Konsequenz unschädlich machen. Aber alles andere, das erzeugte Klima aus Angst und Hass, aus Aufwiegelung und Lynchakten, alles was vor dem Mord und dem Arbeitslager kam, könne man behalten. Nie wieder! für Mord, Immer wieder gerne! für den Weg dorthin, für das Geplänkel davor.

Bloß nicht Äpfel und Birnen zu vergleichen – das verordnete Julius Schoeps am vergangenen Freitag im Deutschlandfunk  Wolfgang Benz, der auf strukturelle Parallelen zwischen Judenhass und Islamophobie aufmerksam zu machen nicht müde werden will.

Und schon mache ich einen Gedankensprung: Für Haiti spenden, aber Gaza vergessen, verschweigen, zum Terroristennest erklären? Profit machen und sich gut dabei fühlen? Vielleicht nicht ganz so abwegig: Auf dass nationale Gutwerdung einhergehe mit maximalem Profit – ist es das, was Aufklärung zur Waffe gegen die Ungläubigen macht?  Sieht so gelebte Israelsolidarität aus? Oder Palästinasolidarität? Soll das etwa die eigentliche Konsequenz der Forderung „Nie wieder“ darstellen? De Lapuente trifft am Schluss meine derzeitige Gemütsverfassung:

Nie wieder! Nie wieder!, beten sie alljährlich ihren Kanon herunter. Man wünschte sich, sie würden nie wieder Nie wieder! rufen – rufen müssen! Nie wieder Gedenktage, die an Nie wieder! erinnern müssen! Solange man erinnern muß, ist die Grundlage des Nie wieder!, nämlich der Mensch als Peiniger und Schlächter des Menschen, nicht in weite Ferne gerückt – es steht unmittelbar ante portas…

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