Franziska Drohsel und die Frage: Gibt es einen erträglichen Antisemitismus?

Juso-Bundesvorsitzende Franziska Drohsel scheint noch nicht so recht zu wissen, in welchen Wind sie beim ach so wahnsinnig wichtigen Thema, vulgo Komplex, „Die Linke und der Nahostkonflikt“ ihr Fähnchen zu hängen gedenkt. Alles was sie sagen will oder auch kann: Die Linke ist doof. Dass sie dabei gar nicht so unrecht hat, wurde jüngst anhand der Angelegenheit Finkelstein ersichtlich. Am Ende eines Interviews mit konkret, dem Fachblatt für diskursive Rahmenrichtlinien und Israel, verliert Drohsel sich dann aber doch im Kielwasser von Partei-Neusprech und Wortschwurbel:

Der unerträgliche Antisemismus unter dem Label Israelkritik hat die letzten 15, 20 Jahre die linken Debatten teilweise dominiert.

Ist Antisemitismus, so man ihn denn finden möchte, nicht immer unerträglich? Oder gibt es ihn doch, den „erträglichen Antisemitismus“? Jean Amery prägte einstmals bzw. dereinst, wenn nicht seinerzeit, den Begriff  „ehrbarer Antisemitismus“, den es aber in Wirklichkeit so gar nicht gebe…

Ich vermute ja, dass es eben jene sind, die behaupten, mit den jüdischen Bewohnern des Staates Israel besonders gut zu meinen, die man eines „erträglichen Antisemitismus“ zeihen könnte: Wenn jüdische Kritiker israelischer Besatzungs- und Siedlungspolitik fertig gemacht werden bzw. gemacht werden sollen (sofern sie nicht, wie unlängst besagter Norman Finkelstein) ihren Besuch in diesem Lande absagen, wird das sicherlich von Leuten wie Frau Drohsel als ehrbar verstanden. Oder? Man weiss es nicht…

Die Juso-Bossin spricht sogleich weiter – in Rätseln:

Diese schwierige Auseinandersetzung war richtig und notwendig, weil sich die Linke nur so weiterentwickeln konnte.

Mit Antisemiten, noch dazu unerträglichen, reden? Mit solchen Leuten die Auseinandersetzung suchen und führe? Ich bin verwirrt. Aber lesen wir weiter:

Daß Teile der Linkspartei die Debatte verschlafen oder ignoriert haben, um jetzt in der Bundestagsfraktion überwintern zu können,

– und jetzt kommts! –

ist auch ein Problem der Appeasement-Politik innerhalb der Linkspartei, die Gegensätze nicht diskutiert, sondern den Konflikt durch Fokussierung auf einen äußeren Feind verschoben hat.

Nun ist bekannt, dass Drohsel eben nicht Teil der von ihr kritisierten Fraktion ist, ansonsten wäre klar, wer im Falle  Drohesls der äußere Feind ohne Zweifel ist: die Logik. Ich frage mich hier wirklich: Wem will Drohsel gefallen? Ihrer eigenen guten alten großen Partei SPD oder konkret oder will sie zeigen, dass es sich bei der Sozialdemokratie doch um eine weitere linke Partei handelt, die sich mit Identitätsfragen auf ähnlichem Niveau in die Haare zu bekommen vermag wie andere , die sich für links halten?

Der Gebrauch der Worthülse Appeasement verrät Drohsels Kenntnisse im Hinblick auf Szenevokabular der Hardcore-Pro-Israel-Fraktion in der (ehemals) (anti)deutschen Linken. Nur dass deren Akteure Appeasement beklagen, wenn die von ihnen als solche wahrgenommene, israelfeindliche, wenn nicht antisemitische Öffentlichkeit nur müde lächelt,wenn die Wertmüllers, Bozics, SpiritofEntebbes und Lizas dieser Welt nächtens vom bösen Araber oder Perser unter der Bettdecke besucht und angepupst wurden.

Appeasement – wer dieses Wort benutzt, will erkannt werden als einer/eine, der oder die auf dem Pro-Israel-Ticket fährt. Der macht sich gemein mit jenen „ehrlich besorgten“ Geistern, die in der Tat der Meinung sind, Auschwitz durch die Bejublung von Siedlungspolitik und Gaza-Mord und den Aurfruf zur Bombardierung von zivilen Zielen, sei es in Palästina, im Irak oder Iran, wieder gut machen zu können.  Da hat Drohsel nun aber was verwechselt: Sie wirft der Linkspartei Appeasement vor, weil es da einen äußeren Feind gebe.  Wer das sein soll? Vertreter eines „unterträglichen Antisemitismus“ vielleicht? Vielleicht hatte Hannah Arendt ja wirklich recht: Vor dem Antisemitismus sei man nur auf dem Mond sicher.

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