„Es gibt Unappetitlichkeiten, die man selbst einem jungen Ideologen nicht nachsehen kann.“

Die Finkelstein-Kontroverse ist an diesem Blog fast gänzlich vorbeigegangen. Neben Mangel an Zeit und Energie hat aber auch ein gerüttelt Maß an Gelangweiltheit über die immer gleichen, vor Befindlichkeitsbesoffenheit nur so triefenden „Argumente“ und „Standpunkte“ der „Verhinderer“ und „Befürworter“ Norman G. Finkelsteins , dazu beigetragen, dass ich mir nicht weiter Gedanken darüber gemacht habe, warum Finkelstein, dem die einen am liebsten sein Judesein absprechen würden, weil er kein Israelfähnchenschwenker zu sein bereit ist, und die anderen als ideales Alibi für ureigenste Gerüchte über die Juden gebrauchen, weil er Nichtjuden, zumal Deutschen, vermeindlich das „Gegen-Juden-Sein“ ermöglicht habe – warum also dieser Finkelstein seinen Deutschlandbesuch abgesagt hat. Alles, was es an Wesentlichem -abgesehen von diesem Brief – zur ganzen Angelegenheit anzumerken gilt, findet sich in diesem hervorragenden Artikel von Moshe Zuckermann. Dort heisst es u.a.:

Worüber auch immer Norman Finkelstein letzten Monat in Deutschland sprechen wollte, klar war von Anbeginn, daß seine Aussagen kontrovers debattiert würden, und zwar noch bevor ihr Wahrheitsgehalt zur prüfenden Disposition gestellt würde. So ist das, wenn jemand bekannt und provokant ist und Unangenehmes ausspricht, welches man zwar selbst vorbewußt bereits registriert hat, sich aber weigert, sich auch selbst einzugestehen. Norman Finkelstein ist kein unbeschriebenes Blatt: von einer »Holocaust-Industrie« wußte er zu berichten, von »Antisemitismus als politischer Waffe«. Starker Tobak für zarte deutsche Seelen, die weder wollen, daß ihre ehrlich gemeinte »Wiedergutmachung« in Verruf gerate, noch daß der Fetisch »Israel«, den sie sich als Schuttabladeplatz für ihre schuldbeladenen Befindlichkeiten erkoren haben, demontiert werde. Seelenökonomisch günstiger, vor allem aber ideologisch lohnenswerter ist es da, Finkelstein gleich als (jüdischen) »Antisemiten« und »Geschichtsrevisionisten« zu apostrophieren, womit sich denn die notwendige Auseinandersetzung mit seinen Aussagen erübrigt. Es ist schon merkwürdig, mit welcher Unbeschwertheit nichtjüdische Deutsche heutzutage Juden als »Antisemiten« zu schmähen sich anmaßen, wenn diese die wackligen Prothesen ihrer über »Juden« und »Israel« gewonnene Identität ins Wanken bringen.[…] Sein Anliegen erklärt der für seine Redlichkeit oft angefeindete Finkelstein jedenfalls wie folgt: »Die moralische Herausforderung, die sich für die Deutschen ergibt, könnte nicht größer sein. Sie besteht darin, einerseits der Verantwortung gerecht zu werden, die ihnen aus den Verbrechen des ›Dritten Reichs‹ gegen das jüdische Volk erwächst, es andrerseits aber auch nicht zuzulassen, daß ihnen aufgrund dieses schrecklichen Vermächtnisses das Recht abgesprochen wird, aktuelle Verbrechen anzuprangern, nur weil diese von einem Staat begangen werden, der sich selbst als jüdisch definiert. Sich dieser Herausforderung zu stellen, ist in Wahrheit die würdigste Form der Holocaust-Erinnerung.«
Ob Israel ein jüdischer Staat ist, ein Staat der Juden, eine von Juden hegemonial dominierte Ethno­demokratie und dergleichen mehr Definitionen, wird bekanntlich in Israel selbst lange und intensiv debattiert. Orthodoxe Juden sprechen dem Staat sein Jüdisches ab. Teile der Siedlerbewegung stellen seinen Zionismus (so, wie sie ihn sich vorstellen) in Abrede. In Israel lebende Araber fordern einen »Staat all seiner Bürger«. Zuweilen kommt auch die strukturell unhintergehbar erscheinende Möglichkeit von Israel-Palästina als binationalem Staat zur Sprache und einige andere Varianten, die allesamt davon zeugen, daß das, was man sich gemeinhin unter »Israel« vorstellt, für viele Betroffene bei weitem komplexer ist, als es sich befindlichkeitsgeschwängerte deutsche Ferndiskutanten ausmalen. Norman Finkelstein ist erklärtermaßen kein Zionist, was eine vollkommen legitime jüdische Position darstellt. Das mag jüdische Israelis wie Nichtisraelis, israelsolidarische Nichtjuden und nichtjüdische »Zionisten« verstören, gar in Rage versetzen. Auch das ist verständlich, wenn man solche Verärgerungen unbedingt verstehen will. Was aber bringt eine vorgeblich linke Parteistiftung dazu, einem Finkelstein die zugesagte Plattform zur Artikulation seiner Positionen wieder zu entziehen? Was hat es damit auf sich, daß der Jugendverband einer Linken-Partei (wie sie sich selbst nennt) sich freudig rühmt, Norman Finkelstein »erfolgreich verhindert« zu haben?

Ich bin weit davon entfernt, Norman Finkelstein in jedem Punkt recht zu geben. Viel eher frage ich mich wieder und wieder: Wie ist es um die Debattenkultur in einer doch ach so freien Gesellschaft wie der hiesigen bestellt, wenn nicht mehr der Streit um bestimmte Sachverhalten und Standpunkte, sondern die Verhinderung der Artikulation zumindest letzterer im Mittelpunkt von Aktivitäten „linker“ Gruppierungen zu stehen scheint? Ob „Pourquoi Israel“ oder Norman Finkelstein – ich mag es nicht begreifen.

Danke, rhizom!

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