Islamkritik ohne Anführungszeichen

Hamed Abdel-Samad erläutert hier die Notwendigkeit, aber auch die Grenzen von Islamkritik (ohne Anführungszeichen):

Erst wenn die etablierten politischen Partien sich ungehemmt kritisch zum Islam und zu jeder anderen Religion äußern können, werden die Rechtspopulisten keine politischen Argumente mehr finden, um Wählerstimmen zu mobilisieren. Der radikale Islam ist der beste Freund dieser Strömungen, denn er bietet ihnen täglich Vorlagen für ihre Kritik. Für mich ist die Islamkritik aber viel zu wichtig, um sie der Polemik zu überlassen. Sie ist viel zu wichtig, um sie in Emotionen zu verwandeln. Diese Kritik darf hart, aber muss ohne Ressentiment daherkommen. Sie muss nicht unbedingt immer sachlich, aber möglichst ergebnisorientiert sein. Und wenn Muslimen diese westliche Islamkritik so scharf erscheint, sollten sie das Heft in die Hand nehmen und diese Kritik selbst üben, denn der Islam hat in aller erster Linie ein Problem mit sich selbst, und dieses Problem kann nur von innen gelöst werden.

Kann ich mich mit anfreunden. Kritik ist notwendig, andernfalls droht der Verlust des Kontakts mit der Realität – ein Verlust, der dem nicht kritisierenden Kritiker genauso droht wie dem nicht mit Kritik behelligten Gesprächspartner.  Man schaue sich die Wirklichkeit in Israel-Palästina zum beispiel an bzw. das, was wir Solidaritätsgeübten und -geplagten uns erlauben, davon wahrzunehmen.

Was aber meint „ungehemmt kritisch“? Und wenn man jetzt einfach Abdel-Samads Forderung einer ungehemmt scharfen, aber vorurteilsfreien Religionskritik auch auf andere Religionen hin anwendete – etwa Judentum und Christentum -, was genau wäre dann gemeint mit dem Wort „ungehemmt“?  Hier ist Abdel-Samads Plädoyer für mehr Schärfe etwas, ähem, unscharf geraten.

2 Gedanken zu “Islamkritik ohne Anführungszeichen

  1. Ich kann dieses ewige Schattenboxen manchmal nur schwer ertragen.

    Nur wenige (dies betrifft aufgeklärte Muslime ebenso wie jeden anderen, der sich für das gesellschaftliche Zusammenleben interessiert) haben etwas dagegen, wenn die Auswüchse des radikalen Islams und die archaischen Traditionen mancher Länder mit muslimischer Mehrheitsbevölkerung sachlich und auch mit Verve kritisiert werden.

    Die wenigen kann man dabei grob in drei Kategorien unterteilen:

    A) Selbstdarsteller: Leute wie Broder, Ulfkotte, Wilders und andere. Denen geht m.E.n der Islam eigentlich am Arsch vorbei. Das einzige was sie interessiert ist Beachtung und Auflage. Da „der Islam“ aber gerade durchs Dorf getrieben wird, erfährt auch der am meisten Beachtung, der am lautesten schreit.

    B) Radikale Islamisten und fundamentale Traditionalisten: Die haben natürlich kein Interesse an Kritik und verwehren sich dagegen auch nur Hinweise anzunehmen, die ihr heimeliges patriarchalisches Weltbild erschüttern könnten. Findet man u.a. beim Muslim Markt.

    C) Menschenfeinde, Rassisten und sonstige pathologisch veranlagte „Kritiker“. Die haben natürlich Interesse daran die Kritik ins unsachliche zu ziehen, um Aufmerksamkeit für ihre abartige Denkweise zu finden. pi-news dürfte der maßgbliche Pfuhl für derartige Sudeleien sein.

    Irritierenderweise schaffen es diese drei Gruppen eine sachliche Auseinandersetzung hartnäckig zu torpedieren. Bei den Selbstdarstellern mischen die Medien kräftig mit, versprechen die Propagandisten doch Aufruhr und damit wieder Auflage (ein sich selbst befruchtender Prozess).

    Dass ein verständiger muslimischer Bürger oder ein verständiger nichtmuslimischer Bürger (meiner Beobachtung nach ist die Quote derjenigen mit Migrationshintergrund bei pi-news recht hoch(Aussiedlerkinder Spätaussiedler,andere Migranten) wohl ein Mechanismus des nach unten Tretens, wenn man sich der eigenen Stellung in der Gesellschaft unsicher ist und nach jemanden sucht, der in der Hierarchie unter einem stehen soll) jedoch Kategorie B oder C ernstnimmt, kann man eigentlich nicht erwarten.

    Dennoch schaffen es diese Gruppen durchaus einen sachlichen und kritischen Diskurs zu sabotieren.

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  2. Jedenfalls hängt vieles auch mit dem Zustand zusammen, in welchem sich der gewissermaßen qua Gesellschaftsvertrag als solcher ausgerufene Kampf gegen Antisemitismus und Rassismus befindet. Da sind „wir“ ziemlich auf den Hund gekommen, scheint es bei entsprechenden Projekten in der Tat doch oft am ehesten zu gehen, dass sich bestimmte Akteure profilieren wollen. Die Solidarität mit Opfern von Gewalt ist da nur ein Aufhänger. Vielleicht lässt sich sogar von einer Unfähigkeit sprechen, das Leid anderer Menschen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen, ohne reflexartig nach Wegen zu suchen, dieses für eigene Belange nutzbar zu machen. Ich weiss es nicht…

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