Eine Beleidigung für Heuchler

Bild: http://www.ad-hoc-news.de/fdp-politikerin-doch-noch-erfolg-fuer-fdp-abgeordnete--/de/Fotostrecke/20350542/0?ms=Thema-des-Tages
Silvana Koch-Mehrin

Andreas vom Duckhome-Blog kommentiert den jüngsten Versuch seitens einer führenden FDP-Politikerin, die Kritik am Geschäfts- bzw. Politikverhalten von Außenminister Westerwelle und seinem Lebensgefährten Mronz im Zuge ihrer Südamerikareise „für Deutschland“(Westerwelle), als Angriff auf alle Schwulen überhaupt umzudeuten:

[…] Silvana Koch-Mehrin (FDP) wird folgendermassen zitiert: „Anstatt zu begrüßen, dass Bundesaußenminister Guido Westerwelle seinen Lebensgefährten mitnimmt und so ein grandioses Zeichen für ein aufgeklärtes Europa setzt, würden niederste Vorurteile gegen Schwule bedient.“ Tja… und unsereins steht da und denkt sich: „Bedenklich, wie diese Frau mit ihren Aussagen mal wieder die niedersten Vorurteile gegenüber Blondinen bedient.“ Denn andere schwule Politiker wie Ole von Beust (Hamburger CDU-Bürgermeister) und Klaus Wowereit (Berliner SPD-Bürgermeister) können auch mit Kritik leben, ohne ihre Kritiker als Schwulenfeinde anprangern zu lassen.

Ausgerechnet jetzt fühle ich mich erinnert an den Versuch der Liberalen um 2002, Israel-Kritik mit Antisemitismus zu versöhnen. Im Zusammenhang mit der Karsli-Causa wollten damals Scheindebatten, ob Israel-Kritik legitim sei schier kein Ende nehmen. Damit das damals von Parteichef Westerwelle ausgelobte „Projekt 18“ (Prozent bei der Bundestagswahl 2002) mit Erfolg gekrönt werde, war sich die FDP nicht zu unfein, niederste antijüdische Instinkte zu kitzeln. Ein Michel Friedman bot hier eine mehr als nützliche Projektionsfläche. Der mittlerweile verstorbene Münsteraner Möllemann, spielte, ohne dass Westerwelle etwas dagegen zu unternehmen gewillt war, in der gesamten Angelegenheit eine maßgebliche Rolle:

Möllemann attackierte bei der Zurückweisung dieser Angriffe gegen seine Person insbesondere Michel Friedman, den damaligen Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, in einem ZDF-Interview: „Ich fürchte, dass kaum jemand den Antisemiten, die es in Deutschland leider gibt und die wir bekämpfen müssen, mehr Zulauf verschafft hat als Herr Scharon und in Deutschland ein Herr Friedman mit seiner intoleranten und gehässigen Art, überheblich. Das geht so nicht, man muss in Deutschland Kritik an der Politik Scharons üben dürfen, ohne in diese Ecke geschoben zu werden.“

Medien sahen in dieser Charakterisierung Friedmans die Auffassung, Juden seien selbst schuld am Antisemitismus. Politiker anderer Parteien nutzten dies im Wahlkampf und warfen Möllemann Antisemitismus vor. Möllemann und der Bundesvorsitzende der FDP, Guido Westerwelle, wiesen diesen Vorwurf empört zurück. Kurz vor der anstehenden Bundestagswahl 2002 gipfelte der Konflikt in einem umstrittenen Flugblatt, welches Möllemann an alle Haushalte in Nordrhein-Westfalen verteilen ließ; darin wurden Ariel Scharon und Michel Friedman angegriffen, was zu einer Ablehnung dieser Aktion über die Parteigrenzen hinweg sowie zu einer Antisemitismus-Debatte führte.

Dem unhaltbaren Verdikt „Jede Kritik an Israel ist antisemitisch“ begegneten Möllermann, Westerwelle und Co mit dumpfen Parolen, die jeden Stammtischbruder erröten lassen mussten. Rückblickend lässt sich die gesamte Angelegenheit nicht unangemessen als ein (weiterer) Sargnagel für den hiesigen Israel-Palästina-Diskurs bezeichnen. Es ist  mehr als nur unappetitlich, wenn Koch-Mehrin im Zusammenhang mit der Kritik an Westerwelle und Mronz versucht, die Opfer-Karte zu spielen. Aber was will man von einer Dame bzw. einer Partei erwarten, die für den eigenen kurzfristigen Erfolg selbst das letzte Hemd an Substanz abzugeben bereit ist. Da werden gern Mittel angewandt, die man anderen einst zum Vorwurf gemacht hat. Jede Kritik an Westerwelle ist schwulenfeindlich? Und was kommt als Nächstes: Jede Kritik an Westerwelles Außenpolitik ist schwulenfeindlich. Jede Kritik an der FDP ist schwulenfeindlich?

Koch-Mehrins Äußerungen als Heuchelei zu bezeichnen, wäre eine Beleidigung für alle Heuchler.

Nachtrag: Auch wenn ich  den Ausführungen des Autoren nicht zustimmen kann, verweise ich auf einen sehr interessanten Blogeintrag zum Thema auf Metalust und empfehle ausdrüclich die Lektüre der Kommentarleiste.

Ein Gedanke zu “Eine Beleidigung für Heuchler

  1. Danke für die Lektüreempfehlung gegensätzlicher Auffassungen, das verstehe ich ja unter Aufklärung😉 …

    Habe es schon drüben geschrieben: Man kann aus der Intervention von Frau Koch-Mehrin nicht schließen, dass nun jegliche Kritik an Westerwelles Außenpolitik per se als homophob dargestellt würde, wenn man sich auf die Frage beschränkt, ob er seinen Gatten mit auf Reisen nimmt, und da plädiere ich schon dafür, da auch bei zu bleiben und seine ansonsten hochkorrupte Lobbyisten-Tätigkeit unabhängig davon anzugreifen.

    Homophob würde es, wenn man ihm das Operieren in schwulen Netzwerke innerhalb der höheren Wirtschaftschefetagen vorwerfen würde. Da hätte man dann auch eine Analogie zu einem antisemitischen Stereotyp, den es bei anderen Rassismen nicht gibt – die berühmt-berüchtigten „Protokolle der Weisen von Zion“ kann man sich ja auch in einer schwulen Version vorstellen.

    Es ist gar nicht möglich, jemanden als homophob zu bezeichnen, der kritisiert, wasweißich, dass Westerwelle oder wer auch immer die argentinische Militärjunta retrospektiv richtig findet, weil sie den Weltkommunismus aufgehalten habe (hat Westerwelle mutmaßlich meines Wissens nur gedacht, nicht gesagt).

    Und ich glaube, dass man diese Möllemannschen Schweinereien viel eher zu der Reaktion mancher, nicht aller, auf Westerwelle und dessen Gattenmitnehmen analogisieren müsste.

    PS: Kleiner Nachtrag – zu den „klassischen“ antisemitischen Stereotypen gehörte immer auch das Zuschreiben sexueller Perversion.

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