Noam Sherzav: Hören wir auf, von Frieden für Israel-Palästina zu reden

http://www.cortland.edu/ministry/shalom.gif„Kein Friede mit den Feinden Israels“, so schreiben es gern sogenannte FreundInnen Israels auf ihre Plakate – und nennen dies dann gern Friedensdemonstration. Wer auch immer ein Feind Israels sein soll, das bestimmen diese verkappten Jünger Carl Schmitts selbst, sowie, wo sie schon einmal dabei sind, wer Jude ist und wer nicht. Diese neueste Form von Selektion – eine, die ernstlich im Namen der Opfer der Shoa vorgenommen wird – ist, so haben wir aus Iris Hefets‘  taz-Kommentar gelernt, nichts Anderes als ein Teil der Liturgie im heutigen Shoa-Kult. Doch mit einem haben linke, christlich-fundamentalistische, (anti)deutsche und ehrlich besorgte Extremisten der Mitte – und ihre stillschweigenden Unterstüter – nicht ganz unrecht: In Israel-Palästina geht es nicht (allein) um Frieden.

Mit Noam Sherzavs Einschätzung werden die hiesigen Israel-Fans allerdings nicht so recht Freude haben. Nach seiner Ansicht geht es beim israelisch-palästinensischen Konflikt im Kern nicht um Frieden, sondern um die Frage, wie lange es noch brauchen wird, bis die am längsten andauernde Besatzung ihr verdientes Ende findet. Das Gerede von Friede, vulgo shalom, vernebele nur den Realitätssinn:

In other words, talking about peace hides the real nature of the problem, which is the occupation. When we set peace as our goal, it means that the absence of peace – meaning the violence – was the problem. This is true for the Israeli side, but it’s only partly true for the Palestinians. Their main concern is the lack of civil and human rights. For them, the violence that they suffer is only the result of the initial problem, which is the occupation. By talking about peace and peace only, we are accepting the Israeli definition of the problem as well as its solution.

Wenn Menschenrechte mit Füßen – nicht nur metaphorisch – getreten werden, wie kann man dann, Sherzavs Argumentation folgend, ernstlich von Frieden sprechen, es sei denn in christlichen Gottesdiensten mit Neuen Geistigen Liedern bzw. Palästinenser gehen einem sowieso am Allerwertesten vorbei? Noam Sherzav geht sogar noch weiter: Der von aller Welt gehegte Wunsch nach Frieden für Israel-Palästina bilde  gewissermaßen die Grundstruktur einer sehr einseitigen Lesart des Konflikts:

When we discuss peace, only the two state solution is acceptable, since that’s how you make peace – between states. On the other hand, if it’s a human or civil rights problem, we can also think of other solutions, such as a confederation, or “one person, one vote”. These ideas are totally unacceptable for Israel, so again, by returning to the idea of “the peace process” the world actually chooses the Israeli narrative over that of the Palestinians.

Weiterhin werde so getan, als begegneten sich in diesem Konflikt zwei Parteien auf Augenhöhe. Nichts könnte falscher sein!

I even think that by this endless talk of the would-be-Palestinian state, we almost tend to believe that such state exists, or that at least the Palestinians are running their own lives, when in fact, the army’s control over the West bank has never been tighter, and the measures against the Palestinians have never been harder. Not many people notice that, because in order to understand what’s going on now, when there is no apparent violence, we must ask questions about rights, not peace.

Ich kann mich erinnern, wie ich vor Jahren versuchte, von Jerusalem aus den Checkpoint Kalandia gen Ramallah zu passieren, was mir ohne große Mühe gelang. Aber die Massen von Menschen, die von gelangweilten israelischen Teenagern in Armeeuniform geheißen wurden, sich langwierigen „Sicherheits“-Überprüfungen zu unterziehen, bleiben mir nachdrücklich im Gedächtnis. Und ich muss denken den palästinensischen Straßenhändler im muslimischen Viertel Alt-Jerusalems (Ostjerusalem), der Touristen zurief: „Welcome to the land of peace!“, während eine Gruppe von Siedler-Kindern, eskortiert von schwer bewaffneten Security-Fachkräften, vulgo Eltern, vulgo Lehrern, durch die engen Gassen des Suqs geführt wurden.  Die Sehnsucht nach Frieden, vielleicht das einzig verbliebene Aphrodisiakum für alle LiebhaberInnen des Heiligen Landes, der verbliebende Blindmacher inmitten eines Siechtums, das Nahostfriedensprozess genannt wird? Sherzavs Einschätzungen wirken ernüchternd, machen beklommen – und das ist auch gut so.

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