Wächter der Wagenburg

Wenn sich Solidarität in dem erklärten Willen ausdrückt, das betreffende Objekt, z.B. Israel, nicht einfach unterstützen, sondern sogar schützen zu wollen – „Save Israel“ -, verlassen wir jene Sphäre, die vielleicht am besten vergleichbar ist mit jener des Fußballfan(un)wesens, und nähern uns dem von Iris Hefets kürzlich als solchen bezeichneten Shoah-Kult an. Die Solidarität mit Israel wird eine Sache auf Leben und Tod, nicht nur für Israel, sondern auch und gerade für jenen, der sich der Solidarität mit Israel im wahrsten Sinne verschrieben hat. Was Wunder, wenn die eigentlichen Realitäten in Israel-Palästina, vor Ort also, vor den Augen der Solidarität verschwimmt.

In Sachen Israel geht es immer ums Überleben. Ständig herrscht Ausnahmezustand, fortwährend sieht sich die (nicht nur virtuelle)  Wagenburg umstellt und harrt des nächsten Angriffs der Rothäute und anderen Barbaren. Wer es wagt, einen Blick über die Wagenburg hinaus zu werfen, wird ausgeschlossen. In den Worten des Wächterrates:

Zwar stimmt es, dass man öffentliche Kritik an Israel hierzulande vorsichtiger äußert als andernorts und sich, wenn auch nicht immer, einseitiger Feindbilder enthält. Dies ist aber zu begrüßen. Dass die andernorts populäre Dämonisierung des jüdischen Staates meist antisemitische Konnotationen aufweist, lässt sich kaum bestreiten. Das zeigt sich an vielen antiisraelischen Karikaturen, Texten oder gar Filmen, in denen antisemitische Stereotype wie das vom Kindesmörder oder vom Weltbeherrscher aufgegriffen werden: diese Propaganda ist weltweit verbreitet.

Mit anderen Worten: Weil Israelkritik „andernorts“ offensichtlich nicht ohne antisemitische Klischees, die indes von Mitgliedern des besagten Wächterrates allzu begierig gesucht und stets gefunden werden, auskommt, ist in hiesigen Gefilden selbst die vorsichtigst geäußerte Anfrage etwa an die israelische Luftwaffe, ob es denn wirklich notwendig war, white phosphorus im Zuge der „Operation“ Cast Lead zu verwenden, unter Generalverdacht zu stellen. Eine Banalität stellt der Hinweis dar, dass Texte wie der eines Alexander Hasgall nicht so sehr auf ihren Inhalt, sondern – surprise! – auf ihre Funktion hin zu untersuchen sind. Die taz achtete mal wieder auf ausgewogene Ernährung. So konnte es nicht genügen, lediglich einer ausgewiesenen Kritikerin des Staates Israel wie Iris Hefets eine ist, allein das virtuelle Podium zu überlassen. Thema und Zentrum hiesiger Erinnerungspolitik auf allen Ebenen (Politik oder Kultur, egal…) ist eben nicht die Erinnerung an die Ermordung der europäischen Juden, sondern die Zionisierung dieser Erinnerung. Das nennt man dann Vergangenheitsbewältigung, das weiß auch die taz.  „Unfähigkeit zu trauern“, ick hör dir trapsen.

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