Ein paar Gedanken über einige Leidenschaften von mir

Meine Frau und ich – wir sind umgezogen, in ein wunderschönes weißes Haus mit türkisen Fensterläden, einem Garten, der wunderschön verschlungen und dabei nicht einmal so riesig  ist – und viel Platz. Zwar befindet sich unser Grundstück in einer Siedlung, aber wir liegen am Rand. So hab ich es schon immer am liebsten gehabt. Das Haus bietet alles, womit sich die Träume und Wünsche von uns zwei beiden verwirklichen lassen. Und: Ich komme hier wirklich zur Ruhe. Wie lange habe ich das schon nicht mehr tun können – in der alten Wohnung konnte ich – so gern ich auch im Stadtzentrum Osnabrücks gewohnt habe – nicht so gut entspannen, vom ruhigen Dasitzen und dem Lauschen einer CD ganz zu schweigen. Hier sitze ich im Wohnzimmer, umgeben von unseren Büchern und ganz viel Grün, und höre aktiv Musik. Hier meine derzeitige Top 5:

1. Rolling Stones, Let it Bleed

2. Radiohead, OK Computer

3. Nick Drake, Way to Blue

4. Neil Young & Crazy Horse, The Year of the Horse

5. Tocotronic, weißes Album

– auch wenn mir „Schall und Wahn“ sehr zusagt, ist das weiße Album der Tocos in der Tat das allerbeste – warum? Ich halte mich an die Worte von momorulez:

Wie zur Kompensation der Erfahrung der ungelenken Zerstückelung musste ich anschließend das weiße Album von Tocotronic einstarten. Das ist wie eine andere Welt. Wer nicht in Meeresnähe lebt (oder wenigstens am Zürichsee), der kann gar keinen Sinn für Ästhetik entwickeln, behaupte ich jetzt einfach mal.Oder gelegentlich wie Thomas Mann einst wenigstens auf Sylt residiert oder wie Tschechow am schwarzen Meer. Keine Ahnung, wie Adorno das in Frankfurt gelungen ist, das muss Teil seines Genies sein. Was mein Kumpel Tobias da mit den Tocotronics entwickelt hat, das ist ja einfach so was von sensationell, immer wieder. Bei dem „Zombie“-Album von Kante ist ihm das ja auch gelungen, mit jazzigen Einsprengseln, die Ambient und Elektro und Acid-Jazz-Atmosphären einfangen und doch diese seltsame Reise durch die Welt der Untoten begleiten, umschmeicheln, einrahmen und so fast beiläufig zu pointieren wissen.

Kein Wunder, dass manch Künstler dieses Niveau nicht durchstehen möchte, diese Konzentration in der Weite, ein Paradox, ja, aber das trifft es. Im aktuellen Rolling Stone beklagen Tocotronic im Interview, dass das weiße Album so schwer live zu spielen gewesen sei – denn auch da ist es gelungen: Diese so konsequent durchinszenierten, fließenden Soundwelten, Klangräume, Wellenbewegungen, in die sich die Lakonie des Gesangs und der Sprache einfügt, so dass man nicht wie bei diesem peitschenden „Reim Dich jetzt!“ dieser Münchener Musikerdarsteller ständig aufschreckt – wie Felsen aus der Brandung erheben sich Worte wie „Unwissenheit“ und bilden Akzente, Reibungen. Bruchlos ist das gerade nicht, aber es zelebriert sich nicht so penetrant und ist gerade deshalb eben HAMBURGISCH.

Ich bin weiß Gott kein Hamburger, aber: Besser kann man das, was beim Hören des weißen Albums sich in Raum und Zeit ergießt, nicht ausdrücken. Jahrelang hat es gedauert, bis ich mich mit den Songs besagter Platte habe anfreunden können. Manchmal sind es dann Worte – wie die eben zitierten -, die eigene Befindlichkeiten nicht nur auf den Punkt bringen, sondern eine Richtung geben. Das passiert mir manchmal bei der Verbindung meiner zwei Leidenschaften: Wörter und Klänge.  Bei Neil Young half mir hier Navid Kermanis wunderschön-subektivistisch-mystisches Buch der von Neil Young Getöteten, bei Let it Bleed tat die Lektüre des Inspektor-Rebus Krimis gleichen Titels ihr Übriges.

Ich liebe diese Momente des ruhigen Lauschens, Lesens und Sinnens. In meinem Blog habe ich mich desöfteren ablehnend geäußert zu den Verwertungsmechanismen hiesiger und anderer Propagandindustrien – sei es in Bezug auf Israel-Palästina, sei es einfach im Umgang mit dem Anderen und dessen Rechten. Nun merke ich gerade, dass ich die von mir aufs Neue so genossenen Momente der Entspannung ebenfalls verwerte, verwurste, verblogge. Dabei will ich doch nur sagen: Ich will mich nicht zum Sklaven des Bloggens machen. Der von mir – nicht zuletzt aufgrund seines Schreibstil, welcher m.E. gepägt ist von einem permanenten Vorbehalt gegenüber sich selbst und den Thesen, die er unters Volk bringen möchte – hochgeschätzte Phil Weiss hat es schon recht früh erkannt:

The internet is a free printing press, and so you have a zillion people setting up their printing presses in the street and covering the town with paper. How are any of us readers going to sort it out? As a reader and writer, I feel overwhelmed by the internet. My computer is sitting their waiting like a landfill: I wade through spam and beautiful emails from old friends. It’s too stimulating. I already don’t know how to set borders in my life. And now that I’m blogging, it sort of owns me. When I sit down, it says, What do you have to throw in the landfill?

Was Weiss hier beschreibt, habe ich auch schon so ähnlich erfahren – und ich empfand es als ziemlich gefährlich. Also: Ich werde alles tun, damit mein Computer mich nicht (auch wieder) in Besitz nimmt. Die vier Wochen ohne Internet waren seltsam, einige Freunde und Bekannte wussten teilweise gar nicht, wie sie mit mir in Verbindung treten sollten. Mein Lebensstil war so eng verbunden mit dem Internet – warum ich meine Sucht nicht schon längst als eine solche erkannt hatte, ist mir schleierhaft.  Aber dazu soll es nicht mehr kommen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s