Am 12. Mai war Jerusalem-Tag

Am 12. Mai feierte Israel seinen Jerusalem-Tag.  Nun muss man nicht der (pro-)zionistischen Rechten angehören, um die Bedeutung Jerusalems für die jüdische Tradition und Geschichte anzuerkennen. Sinn und Zweck des Jerusalem-Tages ist es allerdings, dass Israels Bevölkerung bzw. alle, die sich mit Israel verbunden fühlen der Eroberung Jerusalems im Junikrieg/Sechs-Tage-Krieg 1967 zu gedenken und die Stadt als ewig-unteilbare Kapitale von Eretz Israel zu beschwören. Wie besser ließe sich dieser Anspruch demonstrieren als durch gezielte Schläge gegen die palästinensischen Bewohner des – nach internationalem Recht – okkupierten und annektierten Ostjerusalem? Nicht nur kommt es am Jerusalem-Tag zur Vereinigung von religiösen Befindlichkeiten und politischen Ambitionen; der Kitt, der beide zusammenhält, ist die Gewalt.  Und was in vergangenen Jahren immer wieder von „einzelnen“ Siedlergruppen verübt wurde, ist mittlerweile integraler Bestandteil des Methodenschatzes der Regierung Netanyahu. Im Ha’aretz-Editorial heißt es dazu:

For a long time now, Jerusalem Day has served as an excuse for the far right to excoriate Arab residents of the city’s eastern part and violently demonstrate their presence in their neighborhoods. But this year, the baton of incitement has passed from the delusional fringes to the very heart of the political arena – the government.

Of all the places the city has to offer, the Mercaz Harav Yeshiva is the site where Prime Minister Benjamin Netanyahu decided to celebrate the day. In front of the students devoutly singing „If I forget thee, O Jerusalem, let my right hand forget her cunning,“ Netanyahu promised the yeshiva’s head, Rabbi Yaakov Shapira, that „we have never conceded Jerusalem.“

It would be better not to make such statements right now – and especially not in a place so identified with stubborn resistance to any division of the capital. But Mayor Nir Barkat went even further: He promised that the freeze on construction in the city would not continue.

Andre Marty kratzt sich mit Fug am Kopf:

Israels Premier Bibi Netanyahu erklärte anlässlich des sogenannten „Jerusalem Tages“, also jenem Tag, an dem die israelische Armee 1967 Ost- Jerusalem eroberte und später völkerrechtswidrig annektierte, Jerusalem respektive der hebräische Namen Zion sei 850 Mal im alten Testament zu finden. Vor einer parlamentarischen Kommission fragte der Premier: „Ich empfehle zu überprüfen, wieviele Male Jerusalem in den heiligen Schriften anderer Religionen zu finden ist.“ Meine Frage: Will jemand, der solche pseudo- religiösen Argumentationen in die Politik einfliessen lässt, auf ein Nebeneinander oder gar ein Miteinander im Nahen Osten hinarbeiten?

Wo Religion dazu dient, die Unterdrückung und Entrechtung von Menschen, sowie den Raub von deren Grund und Boden, im wahrsten Sinne des Wortes abzusegnen, kann man Martys Frage nur verneinen. Wie aber kommt man als Mensch, der sich als Teil einer bestimmten Glaubenstradition versteht, aus dem Dilemma heraus: wenn das, was man als den eigenen Glauben akzeptiert hat, so unverhohlen benutzt wird, um auf Kosten anderer es sich gut gehen zu lassen?

Man kann es halten wie Elie Wiesel: Zuerst darauf beharren, dass Israels Jerusalem-Liebe die Grenzen der Politik übersteige – nur um sich dann als jener Groß-Propagandist zu erweisen, der man seit jeher war:

Für mich, der ich ein Jude bin, steht Jerusalem über der Politik. […] Es ist in den Heiligen Schriften mehr als 600 mal erwähnt, aber im Koran nur einmal. […] Es gehört dem jüdischen Volk und ist viel mehr als nur eine Stadt. Es ist das, was den einen Juden mit dem anderen verbindet und es bleibt schwer, das zu erklären. […] Entgegen den Berichten bestimmter Medien IST es Juden, Christen und Moslems erlaubt, in der ganzen Stadt ihre Wohnungen zu bauen.

Elie Wiesel und Benyamin Netanyahu – eine Verbindung, die über die bloße Politik hinausgeht? Anders macht es Jerry Haber, seines Zeichens Betreiber des Blogs The Magnes Zionist. Als orthodoxer Jude ist er nicht länger willens, mitzufeiern, was in der Ha’aretz im oben zitierten Artikel  in „Incement Day“ umbenannt worden ist:

Let us start with the annexation of Jerusalem, which nobody in the world recognizes. Let us then talk about the eviction of Palestinians from their homes to facilitate real-estate deals in the Jewish Quarter (which is legally segregated), an artificial construction that mirrors in a sense what Israelis have done to every place to which they returned: mulitiplied the area and call it by the same name. (Gush Etziyon and Jerusalem are good examples). Then let us talk about the years of neglect in housing and services for East Jerusalem. And of course, the Judaization of the city by encircling it with Jewish neighborhoods and Jews coming into the heart of Arab neighborhoods

And in Jewish Jerusalem, what do we have? The elimination of green spaces, the uglification of the city, the failure to preserve historical buildings, the crowded neighborhoods,, the adding of several floors to existing buildings, the poor municipal services,the absentee owners, the flight from the city, the poverty, the extremism, the neighborhood ghettoes. All this has gotten worse, not better, since 1967. Been downtown lately? Enough said.

Als nichtjüdischer Nahostbeobachter bewege ich mich natürlich auf dünnem Eis, wenn ich Leute wie Wiesel einerseits als PR-Zugpferde für ein Groß-Israel zu denunzieren trachte und Autoren wie Haber als Kronzeugen zu gebrauchen scheine. Aber jetzt mal im Ernst: Scheiße ist einfach scheiße. Was aber bedeutet Jerry Habers Entschluss, den Jerusalem-Tag nicht mehr zu begehen, für mich als Angehörigen einer anderen Religion – einer Kirche, die in letzter Zeit allzu oft damit Schlagzeilen gemacht hat, „die Kinder zu mir“ kommen zu lassen? Ich weiß es nicht… Ich hoffe einfach weiter auf den Tag, an welchem es endlich heißt: „Und niemand schreckt mehr auf des Nachts im Schlaf, und niemand fürchtet mehr den nächsten Morgen“(Huub Ooisterhuis).

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