Universalismus und Partikularismus – einige Erlebnisse Isaac Asimovs

Je rigider und gewalttätiger eine israelische Regierung mit Palästinensern, ihren Rechten und ihrem Land umgeht, umso mehr verschärft sich der Tonfall in der Frage, ob und inwieweit der Staat Israel kritisiert werden kann. Wie hat es Norman Finkelstein, von Beruf Projektionsfigur, einmal auf den Punkt gebracht: „Kill Arabs, cry anti-Semitism“. Letzten Endes geht es bei der Diskussion um den vorgeblichen Antisemitismus von Israel-Kritikern doch um die Frage der angemessenen Perspektive: Universalismus oder Partikularismus? Geht es beim ersten Standpunkt darum, dass Gewalt und Unrecht als solche benannt und Verantwortliche kritisiert werden müssen, ganz gleich wo dieses Unrecht geschieht und egal, wer dafür zur Rechenschaft zu ziehen ist, beharrt die partikularistische Perspektive darauf, dass  z.B. Israel entweder besonders hart oder aber auf gar keinen Fall verurteilt werden darf. In der Diskussion um Universalismus bzw. Partikularismus wird eine weitere Frage relevant: die nach der Interpretation der Shoa. Während Universalisten die Shoa als ein Ereignis interpretieren, das sich niemals wiederholen darf, beharren Partikularisten der philosemitischen Sorte darauf, dass es nur darum gehen könne, dass sich die Shoa für Juden niemals wiederhole.

Isaac Asimov (1920-1992)
Isaac Asimov (1920-1992)

Einer meiner besten Freunde ist großer Liebhaber von Science-Fiction-Literatur. Zu seinen Leib-und-Magen-Autoren auf diesem Gebiet gehört der amerikanisch-jüdische Schriftsteller Isaac Asimov (1920-1992). In seinen Memoiren (1994) reflektiert Asimov über eigene Erfahrungen mit Antisemitismus und dem Umgang mit Rassismus, sowie er ihn wahrgenommen hat bei einigen Angehörigen der amerikanischen Judenheit:

I tried also not to let myself become unpleasantly obsessed with the idea that antisemitism was the major problem in the world. Around me, many Jews separated the people of the world into two categories: Jews and others, and that was it. There were many who did not care about any problem except antisemitism, wherever and whenever it arose.

Und das führte zu zuweil grotesken Situationen. Asimov gibt seinem Unbehagen hinsichtlich des Phänomens Ausdruck, dass viele amerkische Jüdinnen und Juden leidenschaftlich gegen den Antisemitismus anzukämpfen bereit waren, aber die Anliegen und Nöte anderer Menschengruppen ignorierten.

Although I was Jewish and poor as well, I benefited from the American education system at its best and attended one of its finest universities; I wondered, how many African-Americans would have had the same opportunity at that time? Denouncing antisemitism without denouncing human cruelty in general troubled me constantly. The general blindness was such that I heard Jews condemn unreservedly the phenomenon of antisemitism, and then without skipping a beat move on to the African-American question, and talk about it as if they were little Hitlers. If I pointed this out to them and objected strenuously, they turned on me. They were completely unable to see what they were doing.

Er berichtet von einem Gespräch mit einer Frau, das zur Zeit der afro-amerikanischen Civil Right Movement stattfand:

I once heard a lady speak passionately about the Gentiles who had done nothing to save the Jews of Europe. „You just can’t trust them“, she claimed.

I let it pass for a while, and then I suddenly asked: „And what are you doing to help the Blacks achieve their civil rights?“

„Listen“, she retorted. „I have enough problems of my own“.

And I said: „That’s exactly what the Gentiles of Europe said“. I saw a complete lack of comprehension in her face. She couldn’t see what I was getting at. What can we do about it? The whole world seems to be permanently waving a banner that reads: „Freedom! … but not for others“.

Und hier ist sie wieder – die Unfähigkeit des Menschen, das Leid Anderer auch nur in Betracht zu ziehen. Aber ich werde wieder theologisch…

Der Unterschied zwischen Universalismus und Partikularismus – ich denke, er dürfte hinlänglich geklärt sein. Besonders interessant dann eine Passage, in welcher Asimov sich an eine Podiumsdikussion im Jahre 1977 u.a. mit Elie Wiesel  erinnert. Sympathisch, dass Asimov gar nicht erst den Versuch unternimmt, sich selbst als Sieger dieses öffentlichen Disputs hinzustellen. Nicht nur Elie Wiesel war unfähig, ihn zu verstehen. In Wiesel begegnet uns der Typus des partikularistisch argumentierenden Israel-Verteidigers par excellence, der sich seine eigene Ignoranz und Abgehobenheit nicht durch Fakten bestreiten lassen will:

I was invited to a round-table discussion whose participants included Elie Wiesel, who survived the Holocaust and hasn’t spoken about anything else since. That day, he irritated me by claiming that you couldn’t trust academics, or technicians, because they had helped make possible the Holocaust. What a sweeping generalization that is! And precisely the kind of remark that antisemites might make: „I don’t trust Jews, because once, Jews crucified my Savior“.

I let the others argue for a moment while I brooded over my resentment; then, unable to contain myself any longer, I spoke up: „Mr. Wiesel, you’re wrong; the fact that a group of people has suffered appalling persecution does not mean it is inherently good and innocent. All that the persecution proves is that this group was in a position of weakness. If the Jews were in a position of strength, who knows if they wouldn’t become persecutors?“

To which Wiesel replied, very angrily: „Give me one example of the Jews persecuting anyone!“

Naturally, I was expecting this. „At the time of the Maccabees, in the second century BCE, John Hyrcanus of Judea conquered Edom and gave the Edomites the choice of conversion to Judaism, or death. Not being idiots, the Edomites converted, but afterwards they were still treated as inferiors because even though they had become Jews, they were still originally Edomites“.

Wiesel, even more upset, said: „There is no other example.“

„There is no other period in history where Jews have exercised power“, I replied. „The only time they had it, they behaved just like the others.“

That put an end to the discussion. I would add however that the audience was entirely on the side of Elie Wiesel.

Und das Publikum ist Elie Wiesel treu geblieben, dem Shoa-Überlebenden, einem der wichtigsten Autoren sog. Holocaust-Literatur und dem Schöpfer des Jahrhundert-Werkes Die Nacht – und hat ihm die Art und Weise, wie er seine Verbundenheit mit dem Staat Israel zu zeigen nicht müde wird, noch nicht im maßgeblichen Sinne verübelt. Was aber wird bleiben von ihm, dem großen Partikularisten, der dem Unrecht an den Palästinensern das Siegel der Unschuld verliehen hat? Wie so oft: Ich weiß es nicht.

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