Clemens Heni, Malte Lehming und das antiantisemitische Dilemma

Vielleicht ist es ganz gut so, dass es im hiesigen Meinungsmainstream zum guten Ton gehört, eher auf Seiten Israels zu stehen. Schließlich besteht eine nicht unwichtige Basisbanalität darin, dass, wer immer „Israel“ sagt, im Grunde Deutschland meint. Und wem’s ums deutsche Vaterland weh ums Herzilein wird, der ist nunmal in weniger Erklärungsnöten, wenn er sich als glühenden Bewunderer des zionistischen Staatsprojekts auszuweisen nicht müde wird. Ein bewährter Trick, den sich Axel Caesar Springer hätte patentieren lassen sollen. Wie es unter dem ach so israelfreundlichen Deckel in Wahrheit mitunter auszusehen pflegt, beweist ein Blick in einen, von Clemens Heni verlinkten, Artikel des Neo-Frontstadtkämpfers vom Berliner Tagesspiegel, Malte Lehming. Lehming, sich seiner eigenen Funktion als treuer Nordatlantiker und Israel-Verteidiger ansonsten allzu bewusst, hat es gar nicht so mit „den Juden“, besonders, wenn  sie bzw. ihre Repräsentanten hierzulande sich  nach eigenem Empfinden allzusehr aufspielen:

„Nicht ungewöhnlich ist ebenso die Überkompensation eines schlechten Gewissens, als Diaspora-Jude nicht beim Aufbau des zionistischen Gemeinwesens zu helfen, sondern am Kampf gegen die Intifada, dem Libanon- und Gazakrieg mit der Fernbedienung in der Hand aus sicherer Distanz teilzunehmen, zwischen Heidi Klum und Dieter Bohlen. Die Rolle des hyperventilierenden Antisemitenentlarvers folgt gelegentlich aus einer solchen Überkompensation.“

Clemens Heni hätte sich den Hinweis, dass es sich bei seiner Person um einen Dr. phil aus Yale handelt, durchaus sparen können, um für seine Einwände Zustimmung von mir zu erhalten. Lehming, von dessen besten Freunden sicherlich einige auch Juden sind, und seine Ausführungen atmen jenen Geist, der von allen vermeintlichen Nichtmitgliedern seines Mehrheitsclubs fordert, sie mögen sich gefälligst benehmen, ansonsten könne man es der deutschen Bevölkerung in ihrer berechtigten Sorge nicht übelnehmen, wenn sie einmal scharf reagiert. Der Ruf Deutschlands steht schließlcih auf dem Spiel. Lehmings Zeilen ist das Ressentiment gegen jene Juden zu entnehmen, die nicht als „Wüsten-Rommels“ oder „Muskeljuden“ durch noch nicht ergrünte Wüstenlandschaften wemsen. Es ist einfach nur abstoßend, gewissermaßen antisemitische Folklore.

Nur gehört Clemens Heni offenkundig  zu jenen Apologeten israelischer „Sicherheitspolitik“(n-tv), die ihr eigenes Antisemitenentlarvertum allzu intim mit ihrer hingebungsvollen, beinahe stalinistisch anmutenden Israel-Liebe, vulgo: Liebe zum israelischen Siedler- und Militärwesen in Einklang zu bringen versuchen. Und wenn Heni dann „früheste Formen von Antisemitismus“ zu analysieren vorgibt, liest sich das so:

Kritik an diesem Begriff sollte wenigstens an zwei Punkten ansetzen: Erstens gehören bereits früheste Formen von Antisemitismus analysiert, kritisiert und bekämpft; wir befinden uns in der post-Auschwitz Zeit, wir wissen wohin Antisemitismus führte. Der Iran droht Israel mit einem zweiten Holocaust, wenn Ahmadinejad sagt, er möchte Israel „von der Landkarte löschen“. Die Hamas ist einer der verlängerten Arme Irans. Zweitens: Was meint „Entlarven“ hier? Eine Larve (als Raupe) wird zum Schmetterling. Im Gaza Krieg jedoch reagierte die israelische Armee auf jahrelangen, tausendfachen Raketenbeschuss ihres Staatsgebietes durch die Hamas und anderer Terrorgruppen aus dem Gazastreifen, der von Hamas derzeit regiert bzw. kontrolliert wird. Die Hezbollah war im Jahr 2006 weit entfernt sich erst entlarven zu müssen: sie war bereits eine vom islamistisch-faschistischen Regime in Teheran und von Syrien hochgerüstete Armee, welche für Israel und seine Soldaten eine ernste Gefahr  darstellten und immer noch darstellen. Diese beiden Beispiele, welche Lehming neben der Intifada anführt, zeigen, da musste nichts entlarvt werden: sowohl Hamas als auch Hezbollah sind ausgewachsene Antisemitenorganisationen, vollkommen flügge sozusagen.

Man muss kein Verteidiger von Hamas, Hizbollah, Syrien, dem Iran oder Wiltrud Rösch-Metzler sein, um gängige Muster unverzüglich zu erkennen.  Wieder sind wir da, wo wir allzu oft sind: Auf dem Kampfplatz all jener, denen es um schließlich darum geht, als um das eigene Recht, andere als Antisemiten zu bezeichnen. Wem gebürt die Rolle der Rampensau am proisraelischen Stammtisch?

Heni und Lehming – eigentlich handelt es sich bei beiden um Verbündete im leninistischen Sinne. Beide sind sie tapfere Freunde eines Staates Israel, der nicht einmal verhehlen muss, dass es ihm um Siedlungsbau und Verdrängung, vulgo Illegalisierung einer wie auch immer artikulierten palästinensischen Perspektive geht, nur dass Lehming von seiner eigenen politischen Herkunft her mit diesem Umstand weniger Probleme haben dürfte als ein Clemens Heni, der, so darf man nach Ansicht seines Blogs mutmaßen, noch ein gerüttelt Maß an linkem Stallgeruch abzuschütteln hat und der sich von einem Denken, dass nach Mitteln und Wegen zur Realisierung einer Welt ohne zumindest nicht völlig distanziert haben dürfte. Wo Lehming der Dampf des dumpfen Biedersinns umweht, ist Heni ganz erfüllt von akademischem Geist, sein Duktus geschult, wenn nicht gestählt, an diversen Traditionen linker bzw. links-tönender und dabei noch schwer besorgter Theoriebildung und -imitation.

Wie schreibt Wolfgang Geiger:

Die Aufarbeitung der jüdischen Geschichte ist bei uns durch die Abarbeitung an der deutschen Schuld geprägt und daher perspektivisch auf den Verfolgungsaspekt verengt. Das Problem des Anti-Antisemitismus ist er selbst, sein „search and destroy“ des Antisemitismus. Bei allen Unterschieden dominiert die ethisch-moralische Verurteilung der Gewalttaten als Darstellungs- sowie Lernziel, was natürlich richtig, aber nicht nur unzureichend ist, sondern auch, wie gezeigt, oft mit kontraproduktiven Effekten der Perpetuierung von Vorurteilen einhergeht. Das heißt, es werden Vorurteile zwar verurteilt, aber kaum durch Urteile im Sinne einer adäquaten historischen Beurteilung ersetzt. Schon die durch das Schuldbewusstsein produzierte Idee einer ungebrochenen Kontinuität der Geschichte vom Mittelalter zum 20. Jahrhundert ist problematisch, weil sie letztlich die Kehrseite dessen ist, was die Nazis auch behauptet haben („der ewige Jude“).

Das Dilemma, das ein Autor wie Heni im wahrsten Sinne des Wortes repräsentiert, wird in den Fußnoten seines wissenschaftlich gelayouteten Blogpostings deutlich. Geht es Heni wirklich um den Kampf gegen Antisemitismus und gegen jede Art von Stigmatisierung von Juden? Ich hab da so meine Zweifel. In Fußnote xv ist die Rede von „antisemitischen Juden a la Hefets“. Der richtige Kampf, den Antinationale einst angefangen haben, zu kämpfen, ist degeneriert, auf den Hund gekommen. Antiantisemitismus, der auch vor Juden nicht haltmacht.

Wie gesagt, es geht gar nicht um Antisemitismus oder um Israel, es geht einem Heni offensichtlich um nichts Anderes als um Deutungshoheit – und sei es nur in der hinterletzten Nische. „Wer Jude/Antisemit/jüdischer Antisemit ist, bestimme ich“.

Und wenn Heni schreibt – und das nicht zu unrecht:

Doch ganz spontan wählte Lehming einen anderen Weg. Sein Text zeigt, wie ein nicht-jüdischer Deutscher im Jahr 2010 Antisemitismus verharmlost und die sehr selten hörbaren Kritiker des Antisemitismus als „Antisemitenentlarver“ meint karikieren zu müssen. Das ist ein gefundenes Fressen für die Feinde der Antisemitismuskritik, welche ja umgehend dem Tagesspiegel Lob zollten.

– so könnte man mit Blick auf seine eigentlichen Intentionen dasselbe auch über ihn sagen. Man ersetze Lehming mit Heni, und schon freuen sich „die Feinde der Antisemitismuskritik“ abermals. Heni, Lehming und das antiantisemitische Dilemma – Antiantiantisemiten lachen sich ins Fäustchen. Wenn Kritik an Lehming, dann schon lieber von Schmok

Oder wie seht ihr das?

3 Gedanken zu “Clemens Heni, Malte Lehming und das antiantisemitische Dilemma

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