Tote und Verletzte bei Gaza – und der sich nicht erst anbahnende Nahost-Stellvertreter-Konflikt

Zu vergleichen weder mit der Lage der Bewohner des von der israelischen Blockade betroffenen und deshalb faktisch unter Besatzung stehenden Gazastreifens und noch mit dem Engagement der Aktivistinnen und Aktivisten der Solidaritäts- und Hilfsflotte und deren erlittenem Leid – und dennoch nicht von der Hand zu weisen sind die Zumutungen, auf die wir uns anlässlich des jüngsten israelischen PR-Fiaskos rund um den Angriff auf Friedenstauben und Menschenrechtler in internationalen Gewässern hierzulande im Nahost-Stellvertreter-Konflikt gefasst machen müssen. In der Tagesschau ist von mindestens 10 Toten die Rede. Im Freitag sogar von bis zu 20…

Dabei war die Propagandaschlacht schon vor heute morgen in vollem Gange, wie diese „kleine deutsche Presseschau“ der jungen welt trefflich beweist. Publizistische Munition zu Gunsten der israelischen Einsatzkräfte zur See kam nicht zuletzt vom „anti-antisemitischen und pro-israelischen Springer-Verlag“ (diesen Umstand lobend hervorhebend: Clemens Heni).

Noam Sherzav hat in seinem Blog Reaktionen auf die Geschehnisse vor Gaza. Man beachte, wer sich da alles kritisch äußert zum israelischen maritimen crowd control Einsatz, von Newsweek bis Jerusalem Post ist die gesamte antisemitische Pressemeute um einen Kommentar nicht verlegen (Heni, übernehmen Sie!):

Dan Ephron (Newsweek): Israeli Attack highlights failure of Gaza blockade.

Jo Klein (Time): This is an insane use of disproportionate force. It is a product of the right-wing radicalization of the Israeli government.

Adrian Blomfield (Telegraph): Under the stewardship of Benjamin Netanyahu, its abrasive prime minister, Israel has developed an extraordinary knack for inopportune timing.

Gideon Rachman (financial Times): “three particular angles for the Israelis to worry about. First, that there will be some sort of new intifada. Second, the continued deterioration in their relationship with Turkey. Third, their fraying ties with the Obama administration” [I don’t agree. there won’t be Intifada over this. the major problem is Europe and world public opinion, not US].

Yossi Melman (Haaretz): the government acted in such a tragic and stupid way, it’s hard to even understand it [Hebrew].

[…]

David Horvitz (Jerusalem Post’s editor): A race to contain the damage: The “humanitarian aid” flotilla was clearly a perniciously well-conceived initiative, for which Israel prepared inadequately.

Blake Hounshell (Foreign Policy): t’s not hard to imagine boycott campaigns gaining momentum, damaging the Israeli economy and isolating the country diplomatically, especially in Europe.

MJ Rosenberg (Huffington Post): Israel is in trouble. At the present rate, the remarkable accomplishment that is Israel will be lost because the right (i.e, Netanyahu, AIPAC, etc) prefers the settlements, smashing Gaza and building in Arab East Jerusalem to Israel itself.

Marc Lynch (Foreign Policy): It is difficult to fathom how the Israeli government could have thought that this was a good way to respond to a long-developing public relations challenge, but its actions will certainly fuel its evolving international legitimacy crisis.

Avi Trengo (Ynet): When Israel conveys a sense of weakness is it any wonder that a mob would charge at a commando and attempt to lynch him?

Richard Spencer (Telegraph): Whether on land or now at sea, there is a terrible symmetry to Israel’s engagement with the Palestinians and those who support them.

Rafi man (Seventh Eye): The Palestinian Exodus [Hebrew].

Richtig gelesen, da ist von einer palästinensischen Version der Exodus die Rede, wenn das Leon Uris, dem Autoren jenes großen „Epos um die Gründung Israels“ noch erlebt hätte…

Lutz Herden hat vielleicht gar nicht einmal so unrecht:

Manchmal entsteht der Eindruck, es sitzen fanatische Antisemiten in der Regierung des Premiers Netanjahu, die Israel um jeden Preis schaden wollen.

Apropos „Antisemiten“: Propaganda wird natürlich auch von unter einem ganz anderen Stein her betrieben. Auch von vermeintlich israelischkritischer Seite aus kann ein Nuntius in einem der zahllosen Blogs des Freitag seine offenkundige Genugtuung darüber nicht verhehlen, dass der Wind mal wieder günstig zu stehen scheint für eine Reform des Geschichtsunterrichts:

in einigen Wochen werden wir feststellen können, das nichts passiert sein wird. Wie bei allen Themen die sich mit Israel und jüdischer Religion in Deutschland beschäftigen. Deutschland wird blind alles unterstützen was von dort kommt. Aus einem mir noch nicht ganz klaren Grunde müssen wir wegen der Verbrechen unserer Großväter zu den Verbrechen der Enkel schweigen.

Und im ohnehin schon vor Wut schäumenden Blog des ehemals geschätzten Jürgen Elsässer will sich “ ramseyrs6″ einfach nicht mehr zufrieden geben mit dem Recht auf freie Meinung bzw. freie Meinungsäußerung für Juden hierzulande und beschwört die Mächtigen dieser Welt:

Juden sollen und müssen sich einfach mal ganz kritisch mit dem Staat Israel und seiner so genannten „Außenpolitik“ auseinander setzen, die im Prinzip nur aus Militärschlägen gegen Palästinenser und andere Araber besteht.
Danke auch J.E. dass er das hier publiziert, dass die Systemmedien schon wieder mal verniedlichen und verharmlosen. Unter den Opfern soll übrigens auch der bekannte Autor Henning Mankell sein. Sogar Westerwelle äußerte Kritik an dieser menschenverachtenden Aktion, die Israel hoffentlich noch mal mächtig auf die Füße fallen wird. Warten wir mal Obamas Kommentar ab….

Was ich von all dem halte. Zunächst denke ich an die Toten und Verletzten. Und ich denke an jene Menschen, die unter einer Blockade zu leiden haben, für deren Aufrechterhaltung israelische „Sicherheitskräfte“ über Leichen gehen. Ich bleibe dabei: Die Nakba dauert an. Und solange Israel seine eigene Existenz dadurch zu untermauern sucht, Opfer zu verursachen – palästinensische und nicht-palästinensische Opfer -, wird es in Gefahr sein. Ich sage damit nicht, dass es nicht auch von außen bedroht sein könnte. Doch solange die israelische Regierung eine Politik gegenüber ihren nächsten Nachbarn (aka den Palästinensern) verantwortet, die eben nichts Anderes schafft als Opfer, so lange werden die Bürger dieses Staates nicht zur Ruhe kommen. Und so lange keinerlei Verantwortung übernommen wird für das in Vergangenheit und Gegenwart begangene Unrecht, so lang wirken die nicht eben dezenten Hinweise gar so vieler (pro)israelischer Sprachrohre auf den Iran, die Hamas und die Hizbollah, so richtig die Kritik der Sache nach auch sein mag, als bloße Ablenkungsmanöver.

Die von SpOn kolportierte Empörung über den israelischen Angriff wird in den nächsten Tagen noch weiter abflauen. Das Zurückrudern hat ja schließlich schon begonnen:

Als “humanitären Hilfskonvoi” haben die pro-palästinensischen Organisatoren die Flotte bezeichnet, mit der sie die israelische Seeblockade des Gaza-Streifens am Montagmorgen durchbrechen wollten. Doch als die israelische Armee das größte Schiff, die “Mavi Marmara”, stürmte, traf sie keineswegs nur auf gutmütige und gewaltfreie Gandhis: Einige der “Friedensaktivsten” empfingen die Israelis mit Eisenstangen und Steinschleudern, manche der selbsternannten “Menschenrechtler” sollen den Soldaten gar ihre Waffen entrissen und selbst geschossen haben.

Beim Perlentaucher, sowie in diversen Blogs und Webforen wird die Rede sein vom angeblichen Antisemitismus „der“ Linken und aller Israelkritiker überhaupt, und antisemitische Genugtuung ala Nuntius wird nicht weiter stören. Und Friedensaktivisten sind sowieso Antisemiten, und Linke sind Rechte…

6 Gedanken zu “Tote und Verletzte bei Gaza – und der sich nicht erst anbahnende Nahost-Stellvertreter-Konflikt

  1. Es ist das Zurückrudern, was vor allem derzeit von palästinensischer Seite befürchtet wird. Gaza, Palästina, hat einfach die kleinere Lobby, vor allem in den USA. Gestern war es gut zu beobachten: nach dem ersten Schock gingen die Relativierungen los und nun hat man, auf der Seite von FreeGaza stehend, alle Hände voll damit zu tun, zu erklären, dass jemand, der angegriffen wird, sich verteidigen darf – und dass der Angriff hier im Entern des Schiffes durch Bewaffnete bestand.
    Wobei noch nicht geklärt ist, ob nicht bereits aus den Helis geschossen wurde – derzeit ist ja keinerlei Kontakt zu den Gekidnappten möglich. Presseorganisationen sind bereits am protestieren, dass sämtliche Gefangenen, auch die Journalisten seit gestern incommunicado gehalten werden. Warum wohl? Und: werden die Israelis Kameras und Filme unbeschädigt herausgeben?

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  2. Was vergessen: tatsächlich dachte auch ich an die „Exodus“ während der Stunden des Wartens. Nur sind hier die bedürftigen Kinder – zum Glück – nicht auf dem Schiff gewesen, sondern warten in Gaza. Vergleiche hinken ja bekanntlich immer.
    Aber wenn nun die Rachel Corrie unterwegs ist, wie ich höre, weil man sich nicht einschüchtern lässt durch die Gewalt, dann erinnert es noch mehr daran, wie damals Schiffe nach Palästina fuhren, egal, ob man sie dort haben wollte oder nicht.
    Möge die Rachel Corrie sicher ankommen.

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