Lena – aus „antideutscher“ Sicht

Köstlich! Micha Brumlik bedenkt Lenas Sieg für Deutschland aus Sicht einer Sekte, der er gar nicht angehört:

Dunkelhaarig und keineswegs im Trachtenkleid mit blondem Dutt sang sie ihr Liedchen nicht etwa – wie die portugiesischen oder israelischen Bewerber – in eigener Landessprache, sondern auf Englisch, der nationalen Wurzel entfremdet, sie geradezu verleugnend. Zudem dürfte es in solchen Augen kein Zufall sein, dass das Liedchen „Satellite“ heißt – überdeutlicher Tribut an die globale Herrschaft des amerikanischen Kapitals. Freilich lässt sich ein überzeugungs- und theoriefester Antideutscher von derlei Oberflächenphänomenen nicht blenden. Da Antiamerikanismus ein Leitsymptom offenen Nationalismus ist, war es nur zu geschickt, sich des Englischen zu bedienen – oberflächliche Tarnung einer ansonsten nur schwer zu verhehlenden Hegemonialstrategie. Kulturwissenschaftlich inspiriert und damit wissend, dass die populäre Kultur Grundtendenzen einer Gesellschaft genauer zum Ausdruck bringt als jeder Leitartikel, eröffnen sich weitere Analysemöglichkeiten. Dann aber fällt es einem wie Schuppen von den Augen: Ebenso wie – das hat sogar Jürgen Habermas festgestellt – die deutsche politische Klasse unter Führung von Angela Merkel im Windschatten eines „erschlafften“ Joschka Fischer Europa beinahe vor die Wand gefahren hat, fuhr nun Lena Meyer-Landrut den symbolischen Surplus dieser Strategie ein.

Festzustellen wäre also ein Formwandel des deutschen Nationalismus: Vom monokelbewehrten, schnarrenden und von Mensuren gezeichneten „General Dr. Ritter von Staat“ zur Hosenanzüge tragenden, betont unscharfen Angela Merkel und ihrem symbolpolitischen Pendant, dem unverbildeten Mädchen aus Hannover. Denn was hat es wohl zu bedeuten, dass Lena bei ihrer Ankunft in Hannover, einen schwarz-rot-goldenen Kranz im Haar, mit ihrem Komponisten Stefan Raab auf offener Bühne „Ich liebe deutsche Land“ sang? War das nicht zugleich eine Verhohnepipelung mediterraner Immigranten wie der Versuch, sie in die Volksgemeinschaft zu inkludieren?

Dass die Deutschen Lena ins Rennen schickten, wäre damit erklärt, indes: Warum haben so viele europäische Nachbarvölker dieser durchsichtigen Strategie ihren Tribut gezollt? Zudem und vor allem: Was bedeutet es genau, dass der israelische Beitrag nicht besonders gut, also mittig abschnitt? Ist das ein Beleg von europaweitem Antisemitismus? Oder umgekehrt: War der israelische Beitrag gar ein verkappter Ausdruck jüdischen, antizionistischen Selbsthasses und eben deshalb vergleichsweise erfolgreich? Immerhin sang Harel Skaat, übersetzt man seinen Text ins Deutsche, auch das: „und wieder erhob sich Furcht, das Ende an meinem Fenster“. Der Refrain des israelischen Beitrages „Milim“ (Worte) lautete entsprechend: „Gott, Gott, Worte, du hinterließest nur Worte“; war das am Ende ein abgründiger Abgesang auf das zionistische Projekt? Schließlich drängen sich Fein-, nein Feinstanalysen auf: Welches Land hat jeweils im Vergleich zu welchen anderen Ländern den israelischen Beitrag auf welche Position gesetzt? Insbesondere: Wie haben die deutschen Voter den israelischen Beitrag bewertet?

Lena, man hat es oft nicht leicht…

2 Gedanken zu “Lena – aus „antideutscher“ Sicht

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