Neues aus Gaza: Über Bekenntniszwang, Faktenwissen und Mindeststandards

Was auch immer sich zugetragen haben mag in den internationalen Gewässern Nähe Gaza – es scheint, die Zeit für Bekenntnisse und Offenbarungen ist gekommen. Which side are you on? Das Entsetzen dauert keine dreißig Sekunden, schon mischt sich die Artikulation desselben mit dem dringenden Wunsch, zu deuten, zu interpretieren, einzuordnen. Was gilt es einzuordnen? Das Geschehen an sich? Nicht so sehr… Es gilt, sich selbst einzuordnen, sich zu bekennen – übrigens: Heute ist Fronleichnam, happy cadaver. Entweder, weil man Teil einer politischen Gruppierung oder Sekte sein möchte, oder, weil es da ganz private Bedürfnisse (gemeint sind die des H.M. Broder ;-)) zu geben scheint, die gestillt werden möchten.

Interessant, diese Reflexe. Wie schnell das Wort „Massaker“ die Runde machte am Montagmorgen – wie schnell aus einer Twitter-Äußerung eine offizielle Linie abgeleitet werden konnte. Bemerkenswert die immer gleichen Worthülsen von seiten der Meinungsführern der sog. „Israelkritik“. Kaum einer, der die Indizien, die aufzeigen können, warum auch Kritik am Verhalten der Aktivisten kritikwürdig sein könnte, auch nur in Erwägung zu ziehen bereit war. Auch wenn ich die  Bezeichnung „‚anti-Israel‘ comunity“ im Großen und Ganzen unpassend finde, Schlesinger vom Transatlantikblog stellt eine zumindest bedenkenswerte Frage:

Will die “anti-Israel” community belastende Indizien unterdrücken?

Von der „anti-Palestine“ community ganz zu schweigen. Dieselben Argumente – ob Libanon 2006 oder Gaza 2008/2009 – das pathologische Festhalten an der generellen Unschuldsvermutung in Bezug auf israelische Soldaten ist zu einem Bekenntnisreflex von schier katholischen Ausmaßen angeschwollen. Man muss sich nicht als „Wachhund der herrschenden Ideologie“ (Lothar Baier) so stark selbst offenbaren, um lautstark vorgetragende Forderungen nach einem „Tod Israel[s]“ abstoßend zu finden:

Am Montag, 31. Mai 2010 fand am späten Nachmittag eine Demonstration gegen das israelische Vorgehen gegen die als Hilfsflotte getarnte Terrorflotte im Mittelmeer statt. Während dieser Demonstration, auf der Rufe wie „Tod Israel“ gebrüllt wurden, stürmten einige Teilnehmer ein vollbesetztes Starbucks Café am Münsterplatz und forderten die Gäste laustark auf, mit dem Trinken und Reden aufzuhören, da sie eine Meldung zu verkünden hätten.

Mit der Beer7 bin ich mir in kaum einer Sache einig, aber hier geht sie nicht fehl:

Der ideologische Graben besteht sicher. Aber auf die Fakten sollten wir uns einigen koennen.

Aber mit den Fakten, so erweist sich gleich im nächsten Absatz,  ist es so eine Sache:

Israel hat eine Blockade gegen den Gazastreifen errichtet, dessen de-facto Regierung Hamas sich in einem kriegerischen Konflikt mit Israel befindet. Das ist voelkerrechtlich legitim. Das Brechen einer bekannten Blockade dieser Art ist ein Verstoss gegen Voelkerrecht. Israel hat das Recht, einen solchen Bruch zu verhindern.

Die Hilfsgueter haetten jederzeit an die Bewohner in den Gazastreifen geliefert werden koennen (die natuerlich keineswegs hungern) und zwar sowohl ueber Israel wie auch ueber Aegypten. Dass die Veranstalter daran kein Interesse hatten, sollte eigentlich zu denken geben.

Biederste Propaganda, die selbst in der Jerusalem Post belächelt wird.

Ich will mich selbst gar nicht herausnehmen aus diesem Chor der Bekloppten. Auch ich möchte zuweilen „Teil einer Jugendbewegung“ sein, und mein Unbehagen an der eigenen Religion lässt mich zu Übersprunghandlungen neigen. Das habe ich in meinem letzten Gaza-Posting deutlich gezeigt. Mir ist bewusst, Nick Hornby hat in Bezug auf Fußball recht, wenn er sagt, dass man kein faires Spiel will, sondern einen Sieg der eigenen Mannschaft. Was auch immer in den Wassern vor Gaza vorgefallen sein mag, muss untersucht werden. Wer auch immer sich dort welchen Vergehens schuldig gemacht hat – er oder sie muss angemessen (ich weiß, schwammiger Begriff) zur Verantwortung (ich weiß, schwammiger Begriff) gezogen werden. In diesem Zusammenhang zitiere ich hier die weisen Worte rhizoms, der uns in seiner Funktion als Kommentator bei Schmok bestimmte Mindeststandards in Erinnerung ruft:

Es wirkte auf den ersten Blick extrem unwahrscheinlich, aber mittlerweile muss man, wenn man die Berichte in der Ha’aretz liest, tatsächlich die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass die Armee die Situation falsch eingeschätzt und die Soldaten aus der vielleicht nicht ganz unbegründeten Angst heraus gehandelt haben, sie könnten, wenn sie das Feuer nicht eröffnen, von der Schiffsbesatzung gelyncht werden.

Allerdings sollte man auch endlich mit der Dämonisierung der Aktivisten aufhören: Diese Leute haben ihr Leben riskiert (und verloren), um auf die völkerrechtswidrige Belagerung der Menschen in Gaza aufmerksam zu machen. Die dramatischen Ereignisse beim Aufbringen der Flotte könnten nun tatsächlich so etwas wie einen Wendepunkt markieren: zum Guten oder Schlechten, Frieden oder Krieg, das liegt nicht zuletzt an uns selbst!

Ich weiß aber noch etwas. Die Geschehnisse vom frühen Montagmorgen belegen nichts Anderes als das Scheitern dessen, was man als Israels Gaza-Politik bezeichnen könnte. Nicht mehr und nicht weniger.

Eine weitere Selbstkritik: Schon symptomatisch, dass ich diesen Text mit „Neues aus Gaza“ überschreibe, dabei aber gar nicht direkt auf die Situation im „Streifen“ eingehe… oder?

18 Gedanken zu “Neues aus Gaza: Über Bekenntniszwang, Faktenwissen und Mindeststandards

  1. Wenn Zivilisten in so großer Zahl von Spezialeinheiten erschossen und angeschossen werden, dann ist ein Blutbad. Menschen sind sehr resistent. Alle schauen nur auf die Toten. Dass da noch mehrere Dutzend weitere auch Kugeln abbekommen haben, wird dabei völlig vergessen. Denn dann wurde theoretisch mit mehr als nur 10 Toten gerechnet,

    Die Frage kann höchstens sein, ob der Ausdruck Massaker politisch das eigene Anliegen nicht u.U. beschädigen könnte. Aber das ist eine andere Diskussion. Die Aussagen der Aktivisten, egal ob Linke, Liberale oder Religiöse, widersprechen den Aussagen der IDF fundamental. Und wie die IDF beim Gaza-Massaker (bei 1400 Toten ist der Ausdruck dann schon legitim, oder?) danach reagierte, sollte doch klar machen, dass man von der israelischen Seite nichts mehr als Lügen zu hören bekommt. Es gab nicht eine Verurteilung eines Soldaten wegen der vorsätzlichen Tötungen, die zu Dutzenden belegt sind. Doch, einer hat glaube ich eine Kreditkarte missbraucht, oder?

    Ja, mag sein, dass die Seite, die dort die Verluste hatte, extrem aufgebracht ist. Und natürlich wird der Tod der Aktivisten politisch von der pro-palästinensischen Seite missbraucht. Insofern ist dem Recht zu geben, dass man auch die Kritik an der beschädigten Seite, vor allem bei dem stumpfen Zujubeln für Erdogan, nicht komplett unter den Tisch fallen lassen sollte.

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    1. „Aber das ist eine andere Diskussion.“ – Stimmt, und mein Anliegen besteht eben darin, verschiedene Diskussionen voneinander säuberlich zu trennen. Wenn jemand vor Entsetzen „Massaker“ twittert, ist das was Anderes als wenn jemand nur wieder mal drauf gewartet hat, dass die IDF Palästinenser tötet, weil er/sie dann endlich mal wieder mit zustimmenden Blicken bzw. Bloposts rechnen kann, wenn es „gegen die Juden“ geht.

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  2. Larry Derfner widerlegt meine Darstellung nicht. Zwischen der Strohmannbehauptung, im Gazastreifen herrschten paradiesische Zustaende und meiner Aussage, dass dort nicht gehungert wird, liegen Welten.

    Ich empfinde diese Manipulation als unredlich.

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      1. Das muesstest Du herausfinden. Bis jetzt hast Du aber kein ernsthaftes Argument vorgelegt.
        Wir sollten den Versuch zunaechst einschraenken.
        Moechtest Du mir „Hunger im Gazastreifen“ belegen?

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        1. Im Jahr 2002 bereiste ich den Gazastreifen als Teil einer Jungpolitiker-Delegation. Wir bewohnten ein Hotel direkt am Strand und aßen abends hervorragenden Fisch. Wir wurden verwöhnt, wie es nur ging, wir hungerten nicht. Wenn wir tagsüber von Fatah-Funktionären durch den Streifen chauffiert wurden, sah ich sehr wohl, dass es den Menschen, besonders den Kindern, nicht gut ging. Sinnbildlich waren für mich rostige, marode Karren, gezogen von abgemagerten Esels, auf denen Menschen zusammengekauert lagen… Ich weiß nicht, ob sie hungerten, aber ich interpretiere rückblickend mal wild drauf los: Es ging ihnen nicht gut.
          Vom Gazastreifen begaben wir uns, weil es uns möglich war, nach Jerusalem. In einem Ostjerusalemer Buchladen wurde ich aufmerksam auf ein Werk namens „The Palestinian Holocaust“. Ich kaufte das Buch nicht. Es stieß mich, im Gegenteil, ab.
          Was ich mit all dem sagen will?
          Es ist müßig, über ein propagandataugliches Thema wie „Hunger in Gaza“ zu diskutieren. Den Menschen in Gaza geht es schlecht – wegen Hamas und auch wegen Fatah, aber ganz besonders aufgrund der israelischen Blockade. Was die israelische Regierung bzw. israelische „Sicherheitskräfte“ da betreiben, ist falsch.
          „Hunger in Gaza“, „Holocaust an den Palästinensern“… Damals in Gaza war gerade ein Hamas-Funktionär durch eine Targeted-Kiling-Aktion von seiten der Israelis – und mit ihm zusammen eine ganze Anzahl Herumstehender (auch Kinder und Kleinkinder) ermordet worden. Wir hatten das zweifelhafte Vergnügen, an einer „politischen Trauerfeier“ der Fatah (sic!) teilzunehmen, auf welcher Redner und Funktionäre immer wieder – den Blcik auf uns gerichtet – davon sprachen, dass sie, die Palästinenser, doch wirklich bemitleidenswerte Opfer wären. Genau wie die Juden im Holocaust… So angewidert ich von der Aktion der Israelis gewesen war, die Beileidsbekundungen blieben mir im Halse stecken. Was ich damit sagen will?
          „Hunger in Gaza?“, „Holocaust“, historische Vergleiche – all das brauche ich nicht, um festzustellen: Wer als Palästinenser in Gaza lebt, lebt im Knast. Ich brauche dazu weder ein Pallywood-Kinogänger noch ein Hamas-Fan sein. Ich bleibe dabei: Die israelische Blockade des Gazastreifens ist falsch.
          Von mir aus war’s das.

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      2. Deine Meinung sei Dir unbenommen – Du wuerdest sie Dir auch nicht durch Argumente nehmen lassen.

        Im Grunde schreibst Du selber, dass die Menschen im Gazastreifen nicht hungern. Deine anderslautende Aussage in meinem Blog war also eine Uebertreibung. Dass es ihnen gut ginge, habe ich nirgends behauptet.

        Dann kommt Dein Quantensprung: Israel und die Blockade sind schuld. Das widerspricht schon Deinen persoenlichen Schilderungen: 2002 gab es naemlich noch keine Blockade. Du meinst also die Kurzformel: Israel ist schuld, ganz ohne Argumente.

        Argumente scheinen ueberhaupt nicht Deine Sache zu sein. Du reagierst anscheinend ueberwiegend gefuehlsmaessig. Dagegen ist nichts einzuwenden, nur eruebrigen sich dann Diskussionen und so sagst Du auch gleich „das war’s dann“.

        Kein Problem, nur empfinde ich dann Deine Unterstellung, ich sei ARgumenten nicht zulaessig, als Porjektion und wieder etwas unredlich.

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  3. Also ich versteh´auch nicht so ganz, warum sich an dem Wort „Massaker“ (und an anderen Begriffen) derart aufgerieben wird. Ich für meinen Teil habe es zwar kein einziges Mal erwähnt, störe mich jedoch wohl nicht allzu sehr daran, wenn jemand diesen Begriff zur Beschreibung des Sachverhalts benutzt.
    Ich teile – auch wenn Du mir offenbar gern das Gegenteil unterstellen möchtest – durchaus Deine Besorgnis (ja, und auch rhizoms´), dass eigene Meinungen und Einschätzungen, die in der Öffentlichkeit breit getreten werden, mitunter dazu beitragen, dass Massenhysterie, unbedachte Vorverurteilungen, etc. entstehen. Natürlich entsteht da eine gewisse Massendynamik, die auch durchaus erschreckende sozial-politische Auswirkungen nach sich ziehen kann.
    Dennoch: Ich „fühle“ mich in dieser Debatte Schmok dann doch etwas näher – wohl auch, weil ich ein überzeugter Anarchist bin. Da wo Macht im Spiel ist, ist es mit den Lügen und der Propaganda auch nicht weit her.
    Was ist so falsch daran, seine Skepsis zu verlautbaren?
    Freilich müssen hier die Geschehnisse möglichst lückenlos aufgeklärt werden — ich schätze, da sind wir uns ja wohl alle einig. Trotzdem habe ich auch da wieder so meine Zweifel, dass das so funktionieren wird, wie wir das gerne hätten oder uns vorstellen möchten. Herrje, es geht da um gnadenlose Macht- und Politinteressen, die vertreten werden möchten. Natürlich wird da auch immer „a weng“ gelogen.
    Und ja, freilich bietet mir mein Blog einen Rahmen, um mich „nach Herzenslust“ auszukotzen. Daher stimmt es vielleicht auch, wenn Du mir rein private Interessen unterstellst. Aber – und jetzt kommt vielleicht die große Überraschung – freilich will ich mich auch austauschen, diskutieren und mitunter auch über Dinge berichten, die sonst wohl keiner so schnell erfahren hätte (Siehe: „Bloß keine Kritik an der Kritikmaximierung“). Und jetzt mal ganz ehrlich: verhält es sich das bei anderen etwa anders? Wieviel eigene und subjektive Meinung steckt in Deinen Texten? Wird sich da auch nicht immer „exhibitioniert“? Du positionierst Dich doch ebenfalls immerfort zu irgendwelchen Geschehnissen.
    So ist das nunmal.
    Meines Erachtens driftet aber diese Diskussion in ne ganz andere Richtung ab als das heiß diskutierte Thema rund um die Erstürmung der Solidaritätsflotte.
    Eigentlich willst Du über die Verantwortlichkeit aller Autoren und Schreiberlinge diskutieren. Über den möglichst korrekten und sachdinglichen Gebrauch von Wörtern. Eventuell auch über die Macht der Wörter, etc.
    Und wieder muss ich mich da Schmok anschließen und sagen: aber das ist eine andere Diskussion.

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    1. Da hast Du mich missverstanden. Ich fand das, was Du über Broder geschrieben hast, sehr treffend – und ich bezog mich auf SEINE privaten Interessen, und was Du da über ihn in Deiner Überschrift geschrieben hast, ist doch was Privates, oder ;-)))

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  4. Ihr ruhiger, nüchterner Beitrag ist eine Wohltat angesichts der bisweilen hysterischen anderweitigen Kommentierungen. Bei Israel-Kritikern wie Israel-Verteidigern hat angesichts dieser Tragödie sofort der Beißreflex gegriffen. In einem anderen Beitrag sprachen Sie von der mangelnden Diskussionskultur in Sachen Palästina / Israel. Stimme leider zu.

    Während des entfesselten Sturms in den Medien, unter den Bürgern und seitens der Politk (Erdogan) habe ich wenigstens zwischendurch den Eindruck gewonnen, als würde man aus schierer Gerechtigkeit und tiefem Humanismus gerne einen kleinen Vergeltungsschlag gegen Israel sehen.

    Beste Grüße, Schlesinger

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  5. Die Situation in und um Gaza zu bewerten ist sicherlich schwierig. Es gibt kaum neutrale objektive Berichterstattung.

    Auch rund um den Vorfall mit diesen Friedensaktivisten sind eine Menge tendenziöser Kommentare im Umlauf, denen man sich je nach Weltsicht anschließen kann.

    Versuche ich das mal abzuschmelzen, dann bleibt bei mir aber letztlich dennoch der Eindruck, dass dies ein vollkommen sinnloser Akt der Gewalt durch das israelische Militär war, der mehreren Menschen das Leben gekostet hat und der in keiner Weise dazu geeignet ist das Bild Israels in der Welt zu verbessern.

    Naja, Lieberman wird es egal sein.

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