„Meine Kritik geht immer an das Individuum als handlungsfähige selbstverantwortliche Instanz.“

Daniel Dagan frohlockt auf seiner Website:

Galgen Richter Richard Goldstone, der für die Tötung von 28 Schwarzen in Südafrika verantwortlich ist, wurde aus dem Verwaltungsrat der Hebräsichen Universität [sic!]  in Jerusalem entfernt. Goldstone, der diese Todesurteile persönlich gefällt hat, hielt seine Vergangenheit als Apartheid-Richter viele Jahre geheim. Das erinnert fatal an den Fall Hans Filbinger. Vor wenigen Wochen aber wurde diese Vergangenheit durch die israelische Zeitung Yediot aufgedeckt.

Man schaue sich mal die Bilder im Banner oberhalb des zitierten Textes an. Der Vorplatz der Westmauer in Jerusalem ist zu sehen. Die Kuppel des Felsendoms ist fein säuberlich herausgetrennt worden – wahrscheinlich aus Platzgründen. Dies nur als Einleitung…

Wie schrieb genova 68 unlängst treffend in seinem Blog:

Früher, sagen wir, noch in den 1980er Jahren, waren die Leute, die sich mit Israel solidarisierten, sich in irgendeiner Art aktiv für Israel aussprachen, eher links. Es war die Rede von Kibbuzim, von Gemeinschaft, von Aktion Sühnezeichen, linker Intellektualität, Kultiviertheit und was weiß ich. Israel war damit, aus deutscher Sicht, eine Möglichkeit, seine Fähigkeit zum humanen und zivilen Umgang überhaupt zu demonstrieren. Und sich natürlich auch gegen die alten und neuen Nazis zu positionieren.

Heute ist das anders. Von Kibbuzim redet kaum noch jemand. Israels Unterstützerkreis hat sich in weiten Teilen ausgewechselt. Es sind größtenteils rechte und rechtsradikale Gruppierungen, die ihre angebliche Verbundenheit mit Israel demonstrieren. Die jüdische Weltverschwörung wurde ersetzt durch die islamische. Die ehemaligen Unterstützer Israels sind ruhiger geworden. Wieso?

Der Autor bezieht sich auf Solidaritätskreise hierzulande, und was „Solidarität mit Israel“ heutzutage hierzulande bedeuten kann – dafür genügt ein klein wenig Browsen bei WordPress und blogsport. Oder man packt seinen Rest zivilisatorischer Grundsensibilitäten in einen sicheren Ordner und lässt sich ein auf die politpornographische Seite PI, wo sich niemand etwas dabei zu denken scheint, dass die Junge Freiheit beworben wird – Hauptsache, man ist „pro“ Israel.

Der Blogposts gibt es viele, in denen der auf PI betriebene Rassismus aus Sorge um Israel kritisiert wird. Nun hat sich auch der Betreiber eines sich offensichtlich als durch und durch israelsolidaririschen Blogs – die Website ist, Ehre, wem Ehre gebürt – im Perlentaucher verlinkt worden –  zu Wort gemeldet  und sich in einem offenen Brief an PI empört gezeigt über die dort präsentierte und praktizierte Form von Israelsolidarität. Nun ist zu sagen, dass der Tenor des Textes über weite Strecken nach jener Partitur zu singen versucht, die dereinst (1992-1993)  deutsche Politiker angesichts brennender Aylbewerber- und Migrantenunterkünfte anstimmten: „Ihr Rassisten macht uns unseren guten Ruf kaputt.“ Ging es Kohl, Seiters und Co damals um „Deutschland“ nach seiner „Wiedervereinigung“, sieht der Briefschreiber nicht etwa Israel oder die – wie auch immer hierzulande verfasste – Israelsolidarität in Gefahr: Es geht um die Aufklärung. Aber ich wollte mich ja positiv über den tapferen Blogger im Nirgendwo äußern. Am Ende schreibt er:

Ich bin bekannt für meine scharfen Kritiken und hab auch schon heftige Reaktionen ausgelöst, aber eins möchte ich hier klar stellen: Meine Kritik geht immer an das Individuum als handlungsfähige selbstverantwortliche Instanz. Sie soll, sie darf, sie muss kritisiert werden. Wenn mir da auch mal eine grobe Verallgemeinderung widerfährt, wie z.B. „die Medien“ (das passiert mir schon mal) oder „die Deutschen“ (da bin ich halt in dem Heinischen Zwiespalt), dann entschuldige ich mich und sage:

Ich mache Fehler. Ich versuch mich zu bessern. Das nennt man Leben! Verantwortliches Leben.

Und das, meine Damen und Herren, ist eine Maxime, die ich mir nur allzu gern ins Stammbuch schreiben lasse: der Hauch einer Ahnung von einer für viele Beteiligte in diversen Nahost-Diskursen akzeptablen Kommunikationsebene! Respekt.

Auf welcher Kommunikations- oder Intelligenzebene manche Veranstaltungen auf (vermeintlich) pro-palästinensischer Seite vorbereitet oder durchgeführt werden, ist auch so eine Frage, die mich zuweilen umtreibt. Hat der hierzulande üblich gewordene Antiantisemitismus das Nachdenken über geeignete Formen der Erinnerung an die Shoa, die Frage einer Solidarität mit allen Jüdinnen und Juden bzw. mit dem Staat Israel samt und sonders in eine tiefe Krise gestürzt – die Folgen werden von genova 68 oben benannt -, befindet sich auch gerade jene Palästinasolidarität, die öffentlich von sich reden macht, nicht gerade in Topform. Schlesinger, offenbar wohlauf zurück aus dem Heiligen Lande, hat Schauderhaftes beobachten müssen: Eine Free-Gaza-Demo in München:

Aus Sicht der vielleicht 400 Teilnehmer mag die Veranstaltung ein Erfolg gewesen sein.

Schließlich hatte man sich lautstark geäußert, hatte den Rednern heftig zugestimmt und viele türkische, palästinensiche und Hammer-und-Sichel-Fahnen geschwenkt. Auch die 5 oder 10 jüdischen Bürger, von denen einer eine große israelische Flagge und einer ein kleines Fähnchen geschwenkt hatten, hatte man gründlich angeschrieen, ausgebuht und nieder gepfiffen.

Sollte aber irgend jemand annehmen, diese Demonstration hat der Sache des “Free Gaza Movement“, oder den Palästinensern in Gaza oder der Westbank etwas Gutes gebracht, unterliegt einem monströsen Irrtum.

Die in aller Fairness angelegte Fehlerliste von Schlesinger hinterlässt bei mir z.T. atemlose Fassungslosigkeit, z.B. dies:

Wer die pro-palästinensische Demonstration gegen den Gaza-Krieg um die Jahreswende 2008/09 auf dem Odeonsplatz gesehen hat, wird feststellen, dass damals dieselben Parolen verwendet wurden. Beispiel:
“Kindermörder – Israel” im Kontext der Gaza-Hilfsflotte anzustimmen, wird die umstehenden Zuhörer, die nicht zur Demonstration gehörten, eher irritiert haben. Welche Kinder sind beim Überfall auf die Flotille ums Leben gekommen?

Insgesamt scheint die Münchner Demo bei Passanten ebenjene Bilder heraufbeschworen zu haben, die man in der Tagesschau oder im Weltspiegel in Bezug auf Muslime bzw. Araber bzw. Palästinenser seit jeher produziert: Brennende Flaggen, aufgepeitschte Menschenmassen, Hass-Slogans. Mob rules.

Apropos „Hass-Slogans“: So etwas ließ sich auch in Israel – nein, nicht in jenem „Israel“, von dem unsere Leitmedien sprechen, wenn sie dann aus dann von israelischen Soldaten berichten, die in der Westbank sich gegen aggressive, Steine schmeißende Jugendliche mit scharfer Munition zur Wehr setzen – beobachten. In Tel Aviv fand gestetrn abend eine Demonstration gegen die nunmehr 43 Jahre andauernde israelische Besatzung von Westbank, Gaza, Ostjerusalem und Golan statt. An dieser demo nahmen zwischen 7000 und 17000 Menschen teil. Wahnsinn! Doch dann kam es zu einem Zwischenfall.

AFP berichtet:

Obwohl die Kundgebung von einem großen Sicherheitsaufgebot begleitet wurde, ereigneten sich am Rande Zwischenfälle mit einigen Dutzend rechtsgerichteten Gegendemonstranten. Sie warfen eine Rauchgranate auf den Demonstrationszug und pöbelten den Friedensaktivisten und ehemaligen Abgeordneten Uri Avneri an.

Bei Noam Sheizaf finden wir dazu dieses Video:

Rechtsradikale Kreise gibt es auch in Israel. Der Mob regiert zuweilen auch dort, etwa neulich vor der türkischen Botschaft in Tel Aviv.  Mob rules in Tel Aviv, Daniel Dagan im Internet.

Uri Avnery pflegt besorgten Deutschen gegenüber, die auf gar keinen Fall als Antisemiten gelten wollen und sich deshalb bei ihm die Erlaubnis holen wollen, Israel zu kritisieren, oft darauf hinzuweisen, dass wer es wirklich ernst meint mit seiner Freundschaft zu Israel, dessen Politik auch kritisieren könne, ja müsse. Dies lässt sich auch auf die Palästinenser anwenden. Und: Auch die jeweiligen Solidaritätskreise müssen sich Kritik gefallen lassen. Nun ist das Netz voll von Polemiken, in welchen Israelfans Pali-Freunde des Antisemitismus‘ zeihen bzw. umgekehrt FreundInnen Palästinas Israel-Unterstützern Heuchelei, Islamophobie, Rassismus und Anderes vorwerfen. Wie wäre es endlich mal mit Binnenkritik? IsraelfreundInnen kritisieren IsraelfreundInnen, FreundInnen Palästinas hinterfragen FreundInnen Palästinas? Das wäre doch mal was Neues, oder?

Schluss machen mit der Wagenburg-Mentalität , und über kurz oder lang könnte sie, diese Binnenkritik, dazu beitragen, dass es endlich endlich endlich zu einem wirklichen Diskurs zu Israel-Palästina kommt. Palästina-Solidarität, die den Antisemitismus in ihren eigenen Reihen nicht ignoriert oder vertuschen oder billigend in Kauf nehmen will, Israel-Solidarität, die nicht zulässt, dass es einen Rassismus „für“ Israel gibt, eine Solidarität mit Israelis und Palästinensern, die sich distanziert von Propaganda, Geschichtsklitterung und bodenloser Dummheit – eine Solidarität, die keine Opfer fordert. Wie sagte einst Berti Vogts: Das wär‘ doch was.
Was meint ihr?

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5 Gedanken zu “„Meine Kritik geht immer an das Individuum als handlungsfähige selbstverantwortliche Instanz.“

  1. Die Überwindung der Wagenburg-Mentalität ist ein weiter weiter Weg. Aber wenn das dann bedeutet, dass einige Blogs nichts mehr zu schreiben haben, sollte man es angehen.

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  2. Das wär doch mal was! Aber die Schiffschaukel der öffentlichen Meinung bevorzugt die „cheap thrills“. ZDF und Spiegel wissen dass „die Isrealis“, also der „Mann auf der Strasse“ geschlossen hinter dem Kurs der Regierung steht; gleichzeitig wird pauschal „die Linke“ gebasht so dass antisemitisches Ressentiment und alt eingesessener Antikommunismus gleichermassen befriedigt werden. Genau das ist wohl das Kalkül des PI-Mainstream.

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