„Shitstorm“ über Mainz

„Shitstorm“ – bis sehr kürzlich hätte ich gedacht, mit diesem Begriff bezögen sich Fans der deutschen Nationalmannschaft auf die Leistungen der vorderen Mannschaftsteile um den in den letzten Monaten verdächtig lahmen Miroslav Klose. Bei „Shitstorm“ wäre mir noch Mario Gomez bei der Euro 2008 in den Sinn gekommen. Doch es geht um Anderes. In der Halbzeitpause des WM-Spiels Schland gegen Australien gab Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein zu Protokoll, das 2:0 durch gerade erwähnten Klose müsse sich ja für ebendiesen ausnehmen wie ein „innerer Reichsparteitag“.  Sebastian Dörfler schreibt dazu:

ZDF-Experte Oliver Kahn zuckte nicht einmal mit der Wimper, als ihm Müller-Hohenstein diesen Ball zuspielte. Doch die Twitter-Welt war aus dem Häuschen. Ein gewitterterter Nazivergleich, und schon entlädt sich ein kleiner „Shitstorm“ über dem ZDF: Sofort feuern, wenn sie nicht selbst zurücktritt!

Der Tenor des Textes hat mir eine zu starke politisch bewusst unkorrekte Schlagseite, doch man erfährt  auch  so manches Wissenswertes in Dörflers Artikel:

Wenn man aber reagiert, dann ganz bedacht. Und bloß nicht so, wie es das ZDF tat: „Innerer Reichsparteitag“ ist eine Redewendung, die bedeutet: mit Stolz erfüllt oder tiefste Befriedigung. „That’s it!“, twitterte die Online-Redaktion zurück. Ob das nun stimmt oder nicht, war eigentlich egal. Die etwas lapidare „Richtigstellung“ machte alles nur noch schlimmer. Als man das auch beim ZDF verstand, und die Meldung wieder vom eigenen Account löschte, war es schon längst zu spät: Denn die Meldung war schon mehrfach retweetet, zumeist mit einem vorangestellten WTF („What the fuck?“). Jetzt regten sich noch mehr Menschen auf. Einige Twitterer der Vernunft verwiesen zwar auf wichtigere Probleme, wie die Koalitionsfrage in NRW oder die neusten Regierungskrisen-Berichte. Aber sie waren chancenlos.

Bis sich dann eben am späten Abend der ZDF-Sportchef meldete und verlauten ließ: „Wir haben mit Katrin Müller-Hohenstein gesprochen, sie bedauert die Formulierung. Es wird nicht wieder vorkommen.“ Für die meisten war die Sache damit gegessen. Die, die sich immer noch aufregen, tun das auch über diese „nervenden Vuvuzelas“. Dass auf entsprechenden Facebook-Seiten, denen sie angehören, im Minutentakt wesentlich drastischere und offen rassistische Kommentare zu lesen sind, darüber regen sie sich seltsamerweise nicht auf.

Also: Ball flach halten, es geht auch noch schlimmer. Oberblogger und Lena-Hypester Stefan Niggemeier hat ja nicht unrecht, wenn er ironisch anmerkt:

Man sieht sie förmlich, die Massen, die sich vor dem geistigen Auge des Autors mit den Armen in den Hüften vom Platz vor dem Fernseher erhoben oder empört von der Public-Viewing-Party nach Hause stapften, um dort erst einmal vor lauter Ärger den Computer hochzufahren — als hätten die Leute, von denen da “gewettert, getwittert und in sozialen Netzwerken online diskutiert” wurde, nicht ohnehin vor dem Computer gesessen.

Was dennoch auffällt: Nicht nur die zelebrierte Empörung über (vermeintliche? Freudsche?) Versprecher wie den von oben erwähnter ZDF-Sport-Moderatorin – ich vergesse ihren Namen immer… – haben Hochkonjunktur. Eine nicht geringe Anzahl an Blogs verdankt auch dem reflexartigen Aufjaulen bei jeglicher als solcher wahrgenommenen Form des Beharrens auf Mindeststandards in Kommunikation und Diskurs ihre Existenz. PI ist da nur ein Beispiel.

Es ist eine Binse, dass besonders solche gegen Political Correctness anzetern, die sich in ihrem Rassismus nicht auch noch als Rassisten beschimpfen lassen wollen.

Und hierüber regt sich keiner auf, was?
Und hierüber regt sich keiner auf, was?

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