Israels Gaza-Politik ist gescheitert. Da können Gessler und Memri schreiben, was sie wollen!

Problem Problem! Hierzulande scheint es in Sachen nicht nur angemessener Nahostsolidarität – was beispielsweise ist damit gemeint, wenn jemand sagt, er oder sie sei solidarisch mit Israel?  Und was bedeutet „Solidarität mit Palästina“? – sondern auch einer akzeptablen Berichterstattung nach wie vor um das Aufstellen von Wagenburgen zu gehen. Mein Eindruck ist, dass es unter den Ministerpräsidenten Sharon, Olmert und Netanyahu nicht nur in hiesigen Gefilden zu einer entsprechenden (Rück-)Entwicklung innerhalb diverser Nahost-Gesprächskontexte gekommen ist. 9/11 hat da sein übriges getan. So fehlgeleitet der sogenannte Nahostfriedensprozess von Anfang gewesen sein mag – einziges Ziel: die Durchsetzung israelischer und amerikanischer Interessen auf Kosten der Belange und Bedürfnesse von palästinensischen und anderen arabischen Betroffenen und Akteuren, unter der gleichsam kolonial anmutenden Annahme, alles, was der Westen goutiere, sei per se dem Frieden dienlich – so fehlgeleitet das Ganze gewesen sein mag, zeitweise war es möglich, über Israel-Palästina anders zu sprechen als wie  im Hause Carl Schmitt. Es ist lange her, dass ein Ministerpräsident Barak konzedierte, wäre er als Palästinenser aufgewachsen, er hätte ebenfalls zu den Waffen gegriffen. Dass er damit keinesfalls auch nur ein Körnchen Sympathie für palästinensische Belange zum Ausdruck zu bringen versuchte, sondern lediglich die innere Mechanik des israelisch-palästinensischen Konflikts verdeutlichen wollte, muss nicht noch extra betont werden. Dennoch: In der heutigen Zeit wäre eine solche Aussage undenkbar.

Und wer in der heutigen Zeit gegen israelische Politik öffentlich und medienwirksam protestieren will, muss auf der Hut sein: Er oder sie könnte gleich doppelt  zu Tode kommen. Zuerst den physischen Tod sterben, etwa durch die Hand israelischer „Sicherheitskräfte“ bzw. „Elitesoldaten“, dann den medialen. Es wird sich immer jemand finden, der ein Bombardement der israelischen Luftwaffe auf ausschließlich von Zivilisten bewohnte Häuser und Gebiete mit dem Hinweis zu rechtfertigen versteht, „zehn leere Flaschen können schnell zehn Mollis sein“. Und Kritiker besagter israelischer Maßnahme haben genug zu tun, sich vom Terrorismus loszusagen, damit sie auch ja nicht in Verdacht geraten, Freunde, Mitglieder bzw. Mitbegründer so sympathischer Kleingartenvereine wie Hamas, Hezbullah oder Staat Iran zu sein.

Auf der anderen Seite dann all jene, die gar nicht genug bekommen können von besagten Kampfverbänden und diese – gemeint sind Hamas und Co – gern hochstilisieren zur Avantgarde der Weltrevolution. Und die Besatzung der Mavi Marmara wird kurzum zu Heiligen erklärt. Nicht nur hierzulande geht es also beim Thema Nahost viel zu oft um nichts Anderes als die Errichtung und Verteidigung bzw. um die Zerstörung dessen, was als heilig empfunden wird. Heilig, so verstehe ich den Begriff, ist immer das, was unter allen Umständen zu schützen gilt.Wen wundert es noch, dass das öffentlich praktizierte Nachdenken über Israel-Palästina viel zu oft in der Romantisierung der einen und Dämonisierung der anderen Seite.

Das Unverständnis über eine derartig theologische Aufladung des Nahostkonflikts  mag Doris Akrap und Philipp Gessler Anlass genug gewesen zu sein, unter Mitarbeit von Susanne Knaul, einen recht kritischen Beitrag über die türkisch-islamistische Organisation IHH für die taz zu verfassen. Die IHH, der immerhin noch der Status einer Hilfsorganisation zugestanden wird, steht federführend hinter der Vorbereitung und Durchführung der Gaza-Solidaritätsflotte, die am 31. Mai auf so blutige Art und Weise von israelischem Militär daran gehindert wurde, die Küste von Gaza zu erreichen.

Nun hat es in den letzten Wochen genügend Texte zu IHH und deren politische bzw. religiöse Verstrickungen (auf Du und Du mit Hamas) gegeben, so dass die Informationen, die uns da vom taz-Trio geliefert werden, nicht wirklich brandheiß sind. Zudem wird in dem taz-Text auf Quellen zurückgegriffen, die aufgrund ihrer mangelnden Seriösität (Memri) eher Fragen aufwerfen:

Al-Dschasira strahlte mehrere Interviews mit Augenzeugen aus, die im Wesentlichen bestätigen, was unter anderem der Al-Dschasira-Journalist Saleh al-Azraq beschreibt: Dass sich auf dem Schiff Leute gewalttätig verteidigt hätten, könne an dem „religiösen Eifer“ gelegen haben, der von Beginn an geherrscht habe: „Es fühlte sich an, als ob wir Teil eines islamischen Eroberungs- oder Angriffsfeldzugs seien“ (Quelle: www.memri.org/report/en/0/0/0/0/0/0/4337.htm).

Zum Beipiel: Was soll dieser Text?

Quergelesen, birgt der Text von Akrap und Gessler die Botschaft: Die Besatzung der Mavi Marmara bestand nicht ausschließlich aus Engeln, und die israelischen Soldaten waren auch Opfer. Und wer sich mit Anhängern von islamischen Eroberungs- und Angriffsfeldzügen umgibt, kann unmöglich als Friedensaktivist durchgehen. Die Romantisierung des Unternehmens Gaza-Solidaritätsflotte muss endlich aufhören, und die Dämonisierung Israels erst recht.

Schade nur, dass ebendiese Forderung auf dem Wege der fortwährenden Romantisierung Israels und der Dämonisierung aller israelkritischen Kräfte und Projekte erreicht werden soll. Ob man das Verhalten etwa von pax christi verstehen muss, deren ranghöchste Nahost-Aktivistin, Wiltrud Rösch-Metzler, ja ebenfalls vom Fach, nämlich Jounalistin ist, ist eine andere Frage:

Die Vertreterin von pax christi ließ jedoch einen Interviewtermin platzen. Begründung: Sie habe in dieser Sache zu schlechte Erfahrungen mit der Presse gesammelt.

Ich kann mir dennoch nicht helfen. Wer wollte, konnte sich in den letzten Wochen bequem auf der Basis anderer, z.T. seriöserer Quellen, ein Meinungsbild machen über die Rollenverteilung von Gut und Böse, so dass der taz-Bericht von seiner eigentlichen Substanz her entbehrlich ist. Sinn und Zweck des Textes ist es, einen Pflock im Sinne der israelischen Version einzurammen: Wer Israel kritisiert, muss schon außergewöhnliche Meriten vorweisen können, um dies auch gefahrlos zu tun. Wer Opfern israelischer Blockadepolitik helfen will, muss einen Schluck Zaubertrank zu sich genommen haben. Wer über die Lage der Menschen in Palästina berichten möchte, und dabei nicht allein auf (pro)israelische Quellen beschränkt sein will, muss nicht von dieser Welt sein.

Der Text u.a. von Gessler, der ja ein ausgewiesener Antiantisemit ist und mit einigem Fug als Hasbara-Mundstück genannt werden darf soll einfach nur ablenken, und zwar von zwei Tatsachen. Die erste, um Richard Silverstein zu zitieren:

The flotilla attack is the disaster that keeps on giving in terms of the negative fallout it provides Israel.

Die zweite: Auch in seiner Gaza-Politik ist Israel gescheitert. Da können Gessler und Memri schreiben, was sie wollen.

4 Gedanken zu “Israels Gaza-Politik ist gescheitert. Da können Gessler und Memri schreiben, was sie wollen!

  1. Aber sie haben ja etwas damit erreicht: die IHH Deutschland wurde unter israelischem Beifall verboten (obwohl sie mit der Flotilla nichts zu tun hatte), und den letzten Nachrichten gemäß will man in den USA die türkische IHH auf die Terrorliste setzen. Damit kann man dann auch gut Erdogan unter Druck setzen, damit er nicht weiter auf einer Untersuchung besteht.

    http://alienineurope.wordpress.com/2010/07/14/ihh-verbot-und-hintergrund/

    Gefällt mir

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s