Fußball und (meine eigenen) Vorurteile

Schade, dass Ghana am gestrigen Abend sein Viertelfinalspiel gegen die graue Eminenz des Weltfußballs, Uruguay (Weltmeister 1930 und 1950) auf so unglückselige Weise hat verlieren müssen. Schade – oder vielleicht dooch nicht so schade? Glaubt man Kurt Wachter, dessen Gespräch mit einem Reporter der Zeit vom Metalust-Betreiber verlinkt wird, bestand die Funktion des Fußballs auch einmal darin, Kolonialmächten als „Disziplinierungswerkzeug“ zu dienen:

Wachter:Ursprünglich war es ein koloniales Spiel. Die Briten, Franzosen und Belgier brachten den Fußball nach Afrika und versuchten, ihn als Disziplinierungswerkzeug einzusetzen und koloniale Werte wie Unterordnung und Gehorsam zu vermitteln. Im Zuge der Dekolonialisierung kam es zu einer Aneignung des Fußballs. Die neuen Eliten nutzten das Spiel für die Nationenbildung. Fußball war quasi ein Werkzeug, um die fragmentierten Nationalstaaten zu einen. Eine Art ideologisches Bindeglied.“

Da kann der Zeit-Reporter noch so sehr an die „Tatsache“ gemahnen, dass Fußball „in Afrika“ – wo genau? – eine immens wichtige Rolle spielt, Wachter zweifellos einige unangenehme Aspekte zu besagter „Tatsache“ zutage. Bestimmte Unsinnigkeiten sind auch einfach nicht totzukriegen. Wachter weiter:

Ich hielt mit Kollegen vom Institut ein Medientraining für ORF-Journalisten ab, um sie für bestimmte Dinge zu sensibilisieren. Wir sind auf offene Ohren gestoßen. Als es aber um bestimmte physische Zuschreibungen für afrikanische Spieler ging – dass sie beispielsweise kräftiger und schneller sind, was sich empirisch nicht belegen lässt –, stießen wir auf Gegenwehr. Keine Chance, wurde uns gesagt, das werden wir weiter so bringen.

Kein Wunder, dass niemand über Jogi Löws Versuch einer fußballerischen Biologie des Afrikaners auch nur den Kopf zu schüttelnd  bereit war – zumindest nicht öffentlich.

Ich liebe den Fußball. Aber ich freue mich auf die Bundesliga. St. Pauli ist wieder erstklassig, und wieder einmal bin ich voller Hoffnung, dass sich die Mönchengladbacher Borussia in der kommenden Spielzeit vielleicht noch ein Mü geschickter bei der Tore- und Punktejagd anstrengen wird als in der abgelaufenen Saison. Aber Fußball fördert Vorurteile. Schalker, Dortmunder, Bochumer, Duisburger? Alles Ruhrpottkanaken! Kölner? Alle schwul! Schwule? Ein Schimpfwort. St. Pauli? Alle links-alternativ und antikapitalistisch unterwegs. Arabische Fußballfans, die mit Deutschlandfahnen durch die Metropolen der Levante  dölmern? Alles Antisemiten, die nur ihren Israelhass auf genehme Weise zum Ausdruck bringen! Dass ich mich selbst von diesen Vorurteilen nicht immer freisprechen kann, will ich gar nicht bezweifeln. Und ja: Mir erschien der entsprechende Text „WM-Fieber im Libanon“ bei Al-Sharq allzu harmlos. Doch ist mir mein Kommentar fast schon unangenehm. Scheiß Vorurteile.

Letzten Endes bin ich nämlich ganz bei genova68:

Was soll die Kategorie des Nationalen? Warum brauchen plötzlich alle wieder diesen Müll? Keine Ahnung, ob das harmlos ist oder nicht. Es ist so harmlos wie es dämlich ist. Es steht nichts dahinter. Zumindest nichts, was die Schwenker checken würden.

Sowieso absurd zu behaupten, Millionen fahnenschwenkender Menschen hätten nichts mit den Millionen Toten zu tun, die die Kategorie des Nationalen auf dem Gewissen hat. Alleine die Aggressivität, die einem entgegenschlägt, wenn man das thematisiert. Und keineswegs nur in Nazi-Kreisen, da reicht mittlerweile der durchschnittliche Grünen-Wähler.

Die argumentieren ja gerne, dass bei der deutschen Elf jetzt so viele Migranten mitspielen, das sei doch toll. Ja, ist ja nett, aber was ändert das an der Kategorie des Nationalen? Die Abgrenzung läuft dann halt nicht mehr übers Blut, aber nach wie vor über den Boden, das ist alles. Sozusagen eine Art Nationalismus der Globalisierung.

Aber auch ich habe schwachen Momente… Und ob es nun politisch korrekt ist, sich darüber zu freuen, dass Ghana nicht mehr mitzumachen braucht beim Kolonialistensport – ich weiss es nicht.

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