Daniel Bax über die große proisraelische Nebelmaschine

Ob es Irans Präsident Ahmadinejad wirklich möglich ist, „an alte Wunden [zu] rühren“, sei einmal dahingestellt. Ansonsten halte ich Daniel Bax‘ Artikel „Wir Israelversteher“ für den bisher gelungensten Beitrag in der taz-Debattenreihe „Unser Israel“. Von Ausnahmen (z.B. Tsafrir Cohen und Muriel Asseburg) abgesehen, haben sich die bisherigen acht Artikel zu dieser Reihe als so dermaßen unverdaulich, unverträglich, wenn nicht unerträglich ausgemacht, dass man nur den Hut ziehen kann vor Schmok, der sich in seinem Blog die Mühe macht, besagten Klumpatsch zu analysieren und zu kommentieren. Ich könnte und wöllte das nicht!

Daniel Bax‘ Text liefert eine Abrechnung mit jener staatlich verordneten, aber auch innerhalb der hiesigen Linken immer weiter grassierenden, Israel-Solidarität, bei der man nicht weiss, welche ihrer Ingredenzien brechreizerregender sind – ihre Empfänglichkeit für Propaganda, diverse historische Kurzschlüsse oder aber ihre Selbstgerechtigkeit:

Denn in wenigen Ländern kann Israels Politik mit so viel Verständnis rechnen wie hierzulande. Das gilt nicht nur mit Blick auf Bundeskanzlerin Angela Merkel oder die Zeitungen aus dem Axel-Springer-Verlag, deren Vorstandschef Mathias Döpfner einmal voller Ernst von sich sagte, er sei „ein nichtjüdischer Zionist“. Das trifft auch auf vermeintlich „linke“ Blätter wie Konkret oder Jungle World zu, die Israel bevorzugt als Opfer ausländischer Mächte zeichnen und sogar seine rechte bis rechtsextreme Regierung mit Inbrunst verteidigen.

Überzeugend, mutig, aber auch notwendig, dass Daniel Bax die Verfechter einer Israelsolidarität beim Namen nennt, die „Israel“ nur benutzt, um den je eigenen Hass zivilisiert erscheinen zu lassen:

Es ist ja kein Zufall, dass unter den größten Israelfans auch die schärfsten Islamgegner zu finden sind – und umgekehrt. Ob Henryk M. Broder, Ralph Giordano, der holländische Rechtspopulist Geert Wilders oder Internet-Hetzblogs wie Politically Incorrect – sie alle preisen Israel als Vorbild und plädieren dafür, Muslime in Europa zu diskriminieren.

Solche Polemik wird von Bax eingebunden in eine überzeugende Argumentation, in deren Verlauf er bei der Betrachtung der hierzulande „herrschenden“ Israelsolidarität sehr wohl zu differenzieren weiss zwischen harmloser Schwärmerei und gefährlichem Hass. Was mich besonders für den Artikel einnimmt, ist die Tatsache, dass Bax sich nicht lang aufhält mit zeremoniellem Gerede über die – ja zweifellos vorhandene, aber dennoch wirklich bis zum Ausgelutschtsein besungene – besondere Verantwortung Deutschlands für Israel. Beschwörungshülsen und quasi religiöse Bekenntnisformeln lenken ab und vernehbeln. Wer nach „unbedinger“ Solidarität – mit Israel, den Palästinensern, den Schlümpfen – ruft, ist Teil der Nebelmaschine. Zudem entgeht Bax dem Kurzschluss, Israel ohne Not gleichsetzen zu müssen mit allen Juden und Jüdinnen in diesem Firmament – wir wissen von Marc H. Ellis: Der Staat Israel ist nicht gleichzusetzen mit dem Judentum.

Wer sich bewusst in Solidarität mit dem jüdischen Staat üben will, kommt an jenen Fragen, die Bax am Ende seines Artikels stellt, nicht vorbei – da kann der Ruf nach Unbedingtheit noch so laut schallen:

Der Ruf nach unbedingter „Solidarität mit Israel […] lenkt von anderen, wichtigeren Fragen ab: Kann ein Demokrat gezielte Tötungen von „Terroristen“ (wer immer diese als solche definiert) als Mittel der Politik gutheißen? Kann er die Besatzung und den Siedlungsbau im Westjordanland, Blockade und Bombardierung des Gazastreifens unterstützen? Oder zumindest begrüßen, dass die deutsche Kanzlerin dazu kaum Kritik äußert aufgrund unserer „Verantwortung für den Holocaust“?

Gehört es also zu den Lehren aus der deutschen Geschichte, eine rechte Regierung zu unterstützen, die Friedensgespräche ablehnt und von einem Israel bis zum Jordan träumt? Es ist ja kein Geheimnis, dass deren Positionen kaum mit den Werten westlicher Demokratien zu vereinbaren sind.

Mit Israel mag uns viel verbinden. Ein Grund, begeistert seine Flagge zu schwenken, wie manche Israelfreunde das tun, ist es nicht.

Auch wenn ich mich zu „uns“ (Bax) nicht einfach dazustellen möchte: Auch hier hat der Autor nicht unrecht. Dass so ein Text in der taz stehen darf!

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5 Gedanken zu “Daniel Bax über die große proisraelische Nebelmaschine

    1. Danke für den Hinweis – aber wie komme ich zu der Ehre, dass Du edles Gemüt mich mit diesem Hinweis beehrst?
      Rein inhaltlich möchte ich andererseits die Antwort gar nicht wissen, lieferst Du doch aufs Beste Veranschaulichungen für genau das, was Bax in seinem Artikel geschrieben hat.
      Aber von der Arbeitsorganisation her, lass mich raten: Du hattest Deinen Text grad‘ fertig, und Du hattest keine Lust, hier das alles wieder aufzuschreiben… 😉

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  1. Bei einigen Artikeln bietet es sich ja an, hinterher noch einmal durchs www zu streifen und das Feedback zu durchstöbern – so auch beim Bax-Artikel. Dabei bin ich auf deine Seite gestoßen und dachte, dass es dich vielleicht interessiert. 😉
    Ob mein Artikel Bax‘ These bestätigt, würde ich nicht behaupten. Ich kritisiere ja seine Anmaßung, darüber zu befinden, wie bedroht sich Juden und Israelis fühlen dürfen.

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  2. Das langweilige an Nexus Kommentar ist, dass es inhaltslos ist. Er psycho-pathologisiert ein wenig über die „wahren Gründe“ von Bax nach, macht uns also den Freud. Aber inhaltlich geht er auf die Kernthesen von Bax rein gar nicht ein: Deutschlands Staatsräson und der Islamhass der Linken oder was sich so als Links hält. Und weiter: Netanyahus heuchlerische Beschuldigung Irans, während man selbst nichts tut, um den Konflikt zu entschärfen. Das Hauptproblem des Konflikts heisst: Besatzung, Siedlungsbau, Tötungen und Verhaftungen. Was soll man da groß diskutieren, wenn vom Gegenüber wieder nichts als Antisemitismus unterstellt wird?

    Es ist ja unerhört, wie Nexter schreibt, dass man das Argument der Holocaustverharmlosung, das sonst ja immer gegen Kritiker des Umgangs Israels mit den Palästinensern bemüht wird, jetzt gegen die israelische Regierung selbst wendet. So what? Wenn die selbsternannten Freunde Israels konsequent wären und es ihnen wirklich darum ginge die Verharmlosung des Holocausts aufzuzeigen, dann würden sie dies nicht nur bei den jüdischen Kritikern Israels tun (das sind ja dann immer sogar Antisemiten), sondern auch bei der entsprechenden Gegenseite. Diese ganze „Psychoanalyse“ des „Gegners“ ist genau darum auch so ergebnislos und endet nur im stumpfen Schlagabtausch. Inhaltlich vorwärts, vielleicht sogar zu einem Dialog, kommt man mit so etwas nicht. Dies ist auch ein Grund, warum ich bei den Inhalten bleibe und mich in der Regel nicht an solchen Selbstdarstellungsspielchen, wo es nur um die Diffamierung des Gegners geht und nicht um das Problem selber, enthalte. Sollen die anderen sich doch mit ihren Sandschaufeln auf den Kopf schlagen.

    Den einzigen richtigen Punkt macht er, indem er aufzeigt, dass das Argument, viele Rechte und Linke wären wegen ihres Islamhasses auf der Seite Israels, ein schwaches Argument gegen die Fahnenschwenker ist. Aber Bax sagt das auch gar nicht. Er macht nur auf die Parallele aufmerksam. Das ist ja nichts anderes, als wenn Nazis wegen ihrem Judenhass auf Seiten der Palästinenser stehen. Da kann man sich auch schon mal fragen, ob eine dumpfe kritiklose Unterstützung des palästinensischen Widerstandes nicht nur die Kehrseite der Medaille ist. Das Problem bei den Linken ist ja auch anders (diesen Fehler machen hingegen die linken Palästinaunterstützer in der Regel nicht, da sie bewusst gegenüber Rassismus und Antisemitismus sind): sie sind erst Israels Verteidiger (aus was für einem Grund auch immer), sehen dann die Feinde Israels, bemerken, dass diese überwiegend Muslime (weils eben muslimisch dominierte Nachbarstaaten) sind und werden erst jetzt, im zweiten Schritt (getrennt von ihrer Religionskritik; das sieht man vor allem daran, dass sie gegenüber der jüdischen oftmals schlicht schweigen) zu den größten und oftmals offen rassistischen „Islamkritikern“.

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