„Meine Mutter sagte: Sohn, dies ist ein Terrorregime“

Eine Gelegenheit, neue Pics aufnehmen zu lassen von sich zusammen mit politischen Würdenträgern, ließen sich wichtige Amts- und Würdenträger der Stadt Hannover nicht entgehen – und auch Gerhard Schröder war natürlich mit dabei:

Der Teheraner Bürgermeister Mohammad Bagher Ghalibaf hat Hannover besucht und durfte sich bei der Gelegenheit auch gemeinsam mit dem iranischen Botschafter Ali Reza Sheikh-Attar in das goldene Buch der Stadt eintragen – und ein Foto mit Gerhard Schröder gab es noch obendrauf.

Der Autor besagter Nachricht malt ein wenig sehr stark den Teufel an die Wand, wenn er bereits in der Überschrift tut, was man als konstatieren bezeichnen könnte:

Islamfaschisten – in Deutschland wieder willkommen

Was meint der Typ mit „wieder“? Und welche Islamfaschisten waren bisher in Deutschland willkommen? Halt – da war doch was! Richtig, richtig: Indirekt wird auf den palästinensischen Hadj Amin Al-Husseini verwiesen – das alte Spiel also. Passt immer. Dass Hannover mit Deutschland gleichgesetzt wird, okay – what shälls… Dass „Islamfaschist“ neben „Islamist“ und „Terrorist“ ein weiteres Modewort für jene geworden ist, denen nicht egaler sein könnte, wer Muslime  nun wirklich sind, ist zwar eher bitter, interessiert mich jetzt für den Moment aber auch nicht wirklich. Dass es auch in Bezug auf Araber, resp. Palästinenser, und Perser von Seiten besonders besorgter Israel-Fans immer wieder zu Vermischungen und Vermengungen kommt – kennen wir ja auch, ist halt alles Teil eines Rassismus‘ in Sorge um den Likud, äh, um Israel.

Mr Moe, so nennt sich der Autor einer Website, die einen guten Teil der antideutschen aka anti-iranischen Nationalmannschaft beherbergt (Siehe „Autoren“ and meet all your favourite stars), hat sich auch die Mühe gemacht, den in seiner stilistischen Verquollenheit seines Gleichen suchenden Protestbrief einer „FIN-Leserin“ an Hannovers OB Weil beizufügen. Heißen Dank dafür.

So quengelig und indigniert wirkt die Briefschreiberin, dass sie damit der Pax-Christi-Antisemitismus-Kommission Konkurrenz machen könnte, aber: Sie hat’s nicht so mit Religion, und so platzt es aus ihr heraus:

Sie hofieren damit Vertreter eines religiösen Terrorregimes! Ich möchte Ihnen weder Ahnungslosigkeit noch Naivität noch Ignoranz unterstellen. Aber können Sie mir bitte erklären, was Sie dazu bewegt hat, diesen Herrschaften eine solche Ehre zu erweisen?

Insgesamt hat Madame einen Brief geschrieben, den ich mir von seinem Ductus und seinem Inhalt her mal zu einem Word-Dokument zurechtkopiert habe. Ich tausche einfach ein paar Personennamen, sowie Stadt- und Landesbezeichnungen aus, und wenn der frühere kanadische Justizminister Cotler oder den SPD-Politiker Weisskirchen oder Matthias Küntzel  irgendwann mal sich auf einen Cheeseburger am Drive-In an der Autobahnabfahrt Ladbergen (A1 in Richtung Bremen, zwischen Münster und Osnabrück) werde ich dem Filialleiter der Burgerkette schreiben: „Aber können Sie mir bitte erklären, was Sie dazu bewegt hat, diesen Herrschaften eine solche Ehre zu erweisen?“

Wie ich auf die drei Namen nun komme? Knut Mellenthin berichtet:

Auf einer Pressekonferenz in Jerusalem hat der frühere kanadische Justizminister Irwin Cotler am Dienstag (13. Juli) seinen »18-Punkte-Fahrplan« für die Zuspitzung der Kampagne gegen Iran vorgestellt. Cotler ist Initiator eines Aufrufs gegen »die Gefahr eines nuklearen, völkermörderischen und menschenrechtsverletzenden Iran«. Zu den Unterzeichnern zählen in Deutschland der SPD-Politiker Gerd Weisskirchen, der ehemalige Staatssekretär in der Landesregierung von Sachsen-Anhalt Klaus Faber, der Historiker Julius Schoeps und der Publizist Matthias Küntzel. Weitere Unterstützer sind der frühere spanische Premierminister José María Aznar, die Politikerin Fiamma Nirenstein von der italienischen Rechtspartei Popolo della Libertà, der Schriftsteller Elie Wiesel, der frühere Vorsitzende des Dachverbands jüdischer Organisationen der USA Mortimer Zuckerman, der US-amerikanische Rechtsprofessor Alan Dershowitz und der Palästinenser Bassam Eid, der zusammen mit Cotler auf der Pressekonferenz auftrat. Eids Tätigkeit wird in Israel außerordentlich gern gesehen: Er hat sich auf vermeintliche oder tatsächliche Menschenrechtsverletzungen von palästinensischer Seite spezialisiert.

Eine weitere pro-israelische Shitparade also –  mit zahlreichen angehenden Ehrenbürgern Jerusalems, der unteilbaren Stadt Israels! Wie den Stadtvätern Hannovers bzw. Exkanzler Schröder, so möchte ich jetzt auch mal besagte Herrschaften fragen: Wer hat Euch denn ins Hirn gekackt? Die Frage erscheint mir auch in ihrer drastischen Wortwahl nicht unbegründet, denn:

Cotler und seine Mitstreiter wollen erreichen, daß die internationalen und nationalen Sanktionen, die jetzt schon gegen Iran in Kraft sind, sich nicht nur gegen dessen Atomprogramm richten, sondern darüber hinaus auch gegen »dämonisierende und entmenschlichende Reden«, »Verherrlichung der Gewalt«, »Menschenrechtsverletzungen«, »Unterstützung des internationalen Terrorismus« sowie »Anstiftung zu Völkermord und Haß«, die Iran unterstellt werden.

Mahmud Ahmadinedschad soll nach Cotlers Fahrplan wegen »Anstiftung zum Völkermord« vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag angeklagt werden. Aber auch gegen den Iran als Staat soll von möglichst vielen Regierungen Beschwerde in Den Haag erhoben werden. Es geht dabei wieder einmal um das dem iranischen Präsidenten unterstellte Zitat, Israel müsse »von der Landkarte gewischt« werden. Tatsächlich hatte er im Sinn einer politischen Prognose davon gesprochen, daß Israel »aus den Seiten der Geschichte« ebenso »verschwinden« werde wie das Schah-Regime und die Sowjetunion.

Hatten wir das nicht schon kürzlich? Genau:

Zweck der Vermischung verschiedenster Vorwürfe gegen Iran ist offenbar, die »Gefahr« einer politischen Einigung im Atomstreit restlos und garantiert auszuschließen. Mit dem von Cotler und seinen Mitstreitern präsentierten Generalprogramm muß auf die angestrebte Isolierung und Verteufelung Irans zwangsläufig die militärische Konfrontation folgen.

Und wo wir grad beim Verteufeln sind: Das können die Leute vom Free-Iran-Now-Blog bekanntlich besonders gut. Dämonisieren, Romantisieren, das volle Programm. Die gesamte geisteswissenschaft auf einen Blick – sogar Rassismus ist mit drin enthalten.  Diesen Leuten könnte der Iran nicht gleichgültiger sein als, sagen wir, die Realität im Tel Aviver Stadtteil Shapira.

Wie sangen einst die Goldenen Zitronen: „Meine Mutter sagte, Sohn, dies ist ein Terrorregime. Man wird versuchen, Dich zu brechen, Dich umzuerziehn‘.“ Und ich frage mich: Wann wird man je verstehn‘?

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s