Lilian Rosengarten: „I want to say to the world I am a Jew and not a Zionist“

Momentan lese ich die Biographie des kürzlich verstorbenen Ghettokämpfers Marek Edelman. Wahnsinn! Eins der eindrucksvollsten und spannendsten Holocaust-Bücher, das ich je gelesen habe. Edelman war Jude, Widerstandskämpfer und Bundist, kein Zionist.

Es wäre übertrieben zu sagen, Edelman sei Antizionist gewesen, zu eng hat er als Bundist mit Zionisten im Zuge des Aufstands im Warschauer Ghetto (befinde mich momentan auf S. 260, wir schreiben ungefähr den Juni 1943) zusammengearbeitet, und einige seiner engsten Freundinnen und Freunde haben später in Israel, u.a. im Kibbuz Lochamei Hagetaot, unweit der Stadt Akko gelegen, gelebt bzw. tun dies noch immer. Ein Besuch im Museum des „Ghettokämpfer“-Kibbuz‘ lohnt sich meiner Ansicht mindestens genauso wie ein Gang durch Yad Vashem.

Über meine Lektüreerlebnisse im Hinblick auf besagte Biographie werde ich ein anderes Mal ausführlicher schreiben. Schon jetzt aber steht für mich fest: Wer die Geschichte der Shoa ausschließlich durch die zionistische Brille betrachtet, dem entgeht vieles. Ich gehe nicht soweit zu sagen, dem soll auch viel entgehen, denn jede politische Bewegung verdient ihre Bezeichnung nur, wenn sie auch vermag, Traditionen zu schaffen. Problematisch ist allein ein allzu oft abgeleiteter Absolutheitsanspruch, was die Sicht auf die (eigene?) Geschichte betrifft. Wohlgemerkt, mir geht es jetzt darum, wie europäische bzw. europäisch geprägte Juden und Jüdinnen den Massenmord aus deutscher Hand an ihrem eigenen Volk erinnern.

Und mir geht es, wie so oft, darum, der irrigen Annahme, dass Zionismus in eins zu setzen sei mit Judentum und Judenheit, eine Absage erteile – als Nichtjude. Und weil es „den“ Zionismus auch so nie gegeben hat, sondern verschiedene Strömungen, die letzten Endes dem staatenbildenden und  staatstragenden Zionismus eines David Ben Gurion und einer Golda Meir bzw. einem revisionistischen Zionismus eines Menachem Begin und eines Ariel Sharon u.a. auch zum Opfer gefallen sind, spitze ich es lieber noch weiter zu: Der Staat Israel ist nicht identisch mit Judentum und Judenheit. Hier folge ich, wie so oft, dem großen jüdischen Denker Marc H. Ellis.
Kürzlich war auch in meinem Blog die Rede von einem weiteren Hilfsschiff für Gaza – einem, das in besonderem Maße organisiert und verantwortet wird von Jüdinnen und Juden aus Deutschland. Die Besatzung dieses Schiffes stammt aber auch aus anderen Staaten, z.B. den USA, wie etwa die New Yorkerin Lilian Rosengarten, die hier in bewegenden Worten davon berichtet, was es für sie bedeutet, den Versuch zu unternehmen, per Schiff nach Gaza zu gelangen:

So why the German Jewish ship? For it could have been any ship or another form of active resistance. It is important to tell you, I am one of those assimilated Jews with no affiliation to organized religion. I have always been more political than religious, a sixties hippie and active war resister. I don’t believe in wars and am a pacifist. I believe in dialogue and speaking to the enemy as a way to understand the “other” through listening and compassion. I believe in engaging in conflict resolution through peaceful means. In Israel where violence is met with violence we witness a cycle of hate that deepens with each generation, a circle of hell and endless suffering.

Ganz klar – Perlentaucher bzw.  Jungle World würden Rosengarten nicht einmal ansatzweise verstehen:

I believe there is a strong distinction between Zionism and Judaism. This cannot be overemphasized and helps to explain my strong desire to make that distinction by joining a Jewish ship to Gaza. That it is a German Jewish ship is significant because of my background but more important for me, is an opportunity to speak out against human rights abuses as a Jew who is not a Zionist. Not all Jews are Zionists. I did not always know this. To assume that every Jew supports the Israeli Zionist vision is an unfortunate misperception. Judaism is an age-old, compassionate humble way of life and opposes the idea of a political state for Jews on grounds of religious beliefs. The Zionist ideal is to form a religious state, a Jewish state and to oppress the population of Palestinians. The hallmark of Zionism is harsh nationalism that imposes itself in a completely illegitimate and amoral way on the local population. Through consistent collective punishment, the Zionist state continues to crush the spirit and freedom of the Palestinian people and now the Bedouins.

Wenn nun – in gleichsam katholisch anmutender Umnachtung – behauptet wird, die politischen Realitäten in Israel-Palästina seien im Namen des jüdischen Volkes geschaffen worden, so hat Rosengarten eine gänzlich andere Auffassung:

I want to say to the world I am a Jew and not a Zionist, and therefore the actions of the Israeli Zionist government are not in my name.

Wer bin ich, dass ich – zumal als Nichtjude – „richtige“ von „falschen“ Juden zu scheiden trachten wöllte? Dieses Geschäft erledigen leider schon jene, die sich – vermeintlich im Namen Israels – daran gemacht haben, Kritik am Staate desselben Namens unter Antisemitsmus-Generalverdacht zu stellen und dabei selbst vor jüdischen Kritikern nicht halt machen – in ihrem irrigen Monopolanspruch auf Darstellung und Deutung jüdischer Geschichte und Wirklichkeit.  Verbroderung der Sitten hat das mal jemand genannt. Aber wer hat da nicht alles mitgemacht – außer besagter Broder? Unbescheiden merke ich an: Dem  Ziel des Zionismus‘, die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts jeder Jüdin und jedes Juden, sind die entsprechenden Akteure jedenfalls so kaum nähergekommen.

– Dieser Beitrag findet sich auch in meinem Freitagsblog.

3 Gedanken zu “Lilian Rosengarten: „I want to say to the world I am a Jew and not a Zionist“

  1. Bitte verzeih mein Deutsch. Du fragst: „Wer bin ich, dass ich – zumal als Nichtjude – ‚richtige‘ von ‚falschen‘ Juden zu scheiden trachten wöllte?“ Wenn es nur um Judaismus handelt, also gut. Vielleicht nicht. Aber man darf — besonders als Deutscher — nationalistische Bewegungen beurteilen. Wie gesagt und gezeigt, Zionismus hat gar nichts mit Judaismus zu tun, moechte ich als Jude auch sagen.

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  2. Der Zionismus hat natürlich nichts mit dem Judaismus zu tun. Schließlich waren die meisten Zionisten der ersten Stunde, inklusive Herzl, nicht gläubig. Es hat aber auch „Judentum“ nicht unbedingt etwas mit „Judaismus“ zu tun, denn schließlich gab und gibt es sehr viele säkulare Juden, die ihr Judesein nicht aus der Religiosität ableiten.
    Des Weiteren möchte ich hier herausstellen, dass es antizionistische Juden ebenso gibt, wie es Deutsche gibt, die Deutschland nicht mögen oder sogar hassen. Auch solche Gedanken und Emotionen gehören zur Normalität eines Volkes. Aus dem Vorhandensein von antideutschen Deutschen wird aber kaum jemand die Forderung ableiten, Deutschland aufzulösen. Die antizionistischen Juden arbeiten aber, wenn auch oft gegen ihren Willen, denjenigen Hassern von Israel und DEN JUDEN in die Hände, die lieber heute als morgen Israel auslöschen würden.
    Ich selbst stehe den Bundisten ideell sehr nahe und bedauere es sehr, dass es den Bund heute nicht mehr gibt. Marek Edelmann habe ich 1981 in Danzig kennengelernt, als einen mutigen Kämpfer der Gewerkschaft Solidarnosc.
    Die Bundisten strebten eine Identität als Angehörige des jüdische Volkes in der Diaspora an, es ging ihnen um die Anerkennung als jüdische nationale Minderheit innerhalb der Mehrheitsvölker. Das schloss aber keineswegs einen Respekt vor Zionisten aus, die es ihrerseits für notwendig erachteten, für das jüdische Volk einen jüdischen Staat zu schaffen. Ich bin der Meinung, dass beide Wege ihre Berechtigung hatten und haben. Wenn für mich der von Bundisten angestrebte Weg der richtige ist, schließt es nicht aus, dass ich die nichtjüdische Umgebung vor Gefahren der weltweiten Delegitimierung Israels mit dem Ziel seiner Vernichtung warne. Angesichts der permanenten Bedrohungslage, in der sich Israel vom Anfang seiner Existenz an bis heute befindet, ist es naiv oder geheuchelt, von Israel eine „Normalität“ in der Politik, besonders gegenüber seinen Nachbarn, zu verlangen, wie sie für uns in dem seit 1945 ( bis auf den Balkan) friedlichen Europa selbstverständlich ist.
    Ich weiß, dass ich eingefleischte Israelgegner nicht überzeugen kann, weil für sie die Ablehnung Israels zu einem Glaubensatz erstarrt ist. Dennoch sollte es für jeden denkenden Menschen von Vorteil sein, sich nicht nur mit Menschen zu umgeben, welche die vorgefasste eigene Meinung bestätigen.

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