Das Gegenteil von einem gelungenen Gespräch ist kein Gespräch.

Musste noch über Lars  Rensmann und unsere Auseinandersetzung neulich, die ja eigentlich gar nicht wirklich stattfand, nachdenken.

Ich kann ihn verstehen, der es offenkundig ernst meint mit dem „kosmopolitischen Blick“, dass er keine Lust hat, sich von einem anonymen Blogger ans Bein pissen zu lassen. Er gibt schließlich seinen eigenen Namen für seine eigenen Thesen preis, versucht, publizistisch und wissenschaftlich Karriere zu machen.

Ich kann ihn verstehen, der es offenkundig ernst meint mit dem Wunsch nach Sachlichkeit in der Diskussion, denn die im „deutschen“ Kontext sich abspielende Debatte um Israel-Palästina entbehrt leider nicht einem Übermaß an Emotionalität und Lagerdenken.  Es dominiert allzu oft in der Tat der blanke Schmittianismus, die Logik des Krieges. Wie merkte Isolde Charim in der taz unlängst nicht unzutreffenderweise an:

Diese Logik hat etwas Unentrinnbares. Den Standpunkt des anderen einbeziehen gilt ihr schon als Parteinahme und Verrat – darin unterscheiden sich Palästinenserfreunde nicht von Israelfreunden.

Es sind bestimmte Beweggründe, die es mir, was seinen Beitrag und seine Rolle als Akteur im hiesigen Nahostdiskurs angeht, schlichtweg nur rudimentär möglich gemacht haben, mit ihm in Dialog zu treten:

Das, was ich über Rensmann gelesen habe, hat mich schaudern lassen. Dabei räume ich ein, dass ich mich nicht bemüht habe, auch anderslautende Darstellungen der entsprechenden Ereignisse und Vorgänge in Betracht zu ziehen: Ich las von (angedrohten) juristischen Auseinandersetzungen um die Art und Weise, wie Rensmann Zitate benutzt und Autoren mit  offensichtlich unliebsamen Positionen zu Israel-Palästina nicht immer fair behandelt. Ich las von Fragwürdigkeiten bei einer Antisemitismus-Anhörung im Jahr 2004 – was da los war, würde ich nur allzu gern wissen.

– Das Umfeld, aus welchem Rensmann heraus operiert bzw. das er bedient, ist mir persönlich, der sich nicht als israelfeindlich ansieht, aber doch auch auf den Rechten der Palästinenser beharrrt, nicht sehr sympathisch. Wenn Philipp Gessler –  laut Perlentaucher –  Rensmanns Untersuchung  Demokratie und Judenbild als opus mit dem „Zeug zum Standardwerk“ preist und sich ausgerechnet ein Matthias Küntzel auf die ihm eigene Weise stark macht für den jungen Wissenschaftler und auch die Achse des Guten Rensmann offensichtlich auf ihre Liste der coolen Leute gepackt hat,  bin ich – mea culpa – durchaus geneigt, meinen Vorurteilen nicht grundsätzlich in Bausch und Bogen als  Wahnvorstellungen abzutun.

Andererseits: Was kann Rensmann dafür, wenn er von geifernden Pro-Likudniks gelobt wird? Ein Norman Finkelstein wird von seinen Fürsprechern auch immer entsprechend in Schutz genommen, wenn ihm Kritiker vorwerfen, von Antisemiten positiv rezipiert zu werden. Tony Judt hat es so formuliert:

You cannot help it if idiots and bigots share your views for their reasons.

Diesen Einwand will ich nun auch in Bezug auf Rensmann gelten lassen, und ich muss über Rensmanns Zusammenarbeit mit Andrei S. Markovits wahrlich nicht begeistert sein.  Und es ist Rensmanns ureigene Angelegenheit, wie er mit den Lorbeeren, die ihm von Seiten der Gesslers und Küntzels dieser Welt zugeworfen wurden, umgeht – und wie nicht.

Ich gestehe Rensmann seine Position zu, er hat ein Recht darauf, „deutsche“ Palästinasolidarität zu kritisieren. Der Hintergrund und der Kontext, in dem er sich bewegt und aus dem heraus er ebendiese Kritik in der taz formuliert hat, machen ihn allerdings kaum zu einem für mich  geeigneten Gesprächspartner.  Vor dem Hintergrund all dessen, was ich über Rensmann erfahren habe, muss ich mit ihm nicht in Kontakt treten. Ich bin mir im Klaren, dass mein Urteil lediglich auf Eindrücken bezüglich seiner Rolle als antiantisemitischer Akteur beruht, aber auch darum geht es: Dialog und Diskurs können nur geschehen, wenn von sämtlichen Seiten aus Vertrauen in die Fairness und Integrität des jeweils Anderen aufgebracht werden kann. Sobald auch nur der Hauch einer Ahnung des Verdachts besteht, dass die jeweils eigenen Aussagen von der jeweils anderen Seite für welche Zwecke auch immer gebraucht und missbraucht werden, ist Vorsicht geboten.

Als Person mag mir, der ich die Anonymität gewählt habe, Lars Rensmann für jemanden halten, mit dem sich sicher zurecht kommen lässt. Als Akteur innerhalb der „Debatte“ um Israel-Palästina ist er mir unsympathisch. Ich bin hier unfair, aber meine Befürchtung, von ihm oder einem jener Kohorten, die den Kampf gegen Judenhass einerseits und Wissenschaftlichkeit andererseits dazu benutzen, missliebige Meinungen bzw. die dahinterstehenden Personen zum Verstummen zu bringen, war und ist stärker.

Ich bin für Diskurs und Dialog. Nur so lassen sich Konflikte beilegen. Diskurs und Dialog können nur im Rahmen einer bestimmten Ethik betrieben werden.  Empathie und Vertrauen sind Grundvoraussetzungen für ein gelungenes Gespräch. Sind sie nicht vorhanden, gebieten es Ehrlichkeit und Anstand, dies deutlich zu machen. Das Gegenteil von einem gelungenen Gespräch ist kein Gespräch.

Also: Lars Rensmann hat jedes Recht, von ihm für richtig befundene Auffassungen in der Öffentlichkeit zu propagieren.  Er hat auch jedes Recht, Positionen zu verteidigen und auf ihrer Richtigkeit zu beharren, wenn andere – z.B. meine Wenigkeit nicht von derselben überzeugt sind. Kein Recht hat er , der Wissenschaftler und Publizist, indes darauf, dass man ihm auch wirklich glaubt.

Soll er sich von Gessler, Küntzel und Konsorten – einer Klientel, die in ihrem Zelotentum bereit ist, über Opfer zu gehen  –  loben lassen, ich persönlich halte es spätestens bei Lars Rensmanns Aussagen etwa zur Lage der Palästinenser im Gazastreifen wie die Autorin einer Amazon-Rezension von Demokratie und Judenbild: „Mit Vorsicht genießen“.

Ein Gedanke zu “Das Gegenteil von einem gelungenen Gespräch ist kein Gespräch.

  1. Auf dieses Zerrbild muss ich dann doch noch einmal reagieren: Also doch ein festgezurrtes Weltbild—bei ihre höchst selektiven Google-Suche lassen Sie alle wissenschaftlichen Seiten und Quellen außen vor. Und beziehen sich mit offenbar feindseliger Absicht eifrig positiv nur auf die einzigen zwei negativen Websiten (und eine anonyme Amazon-Besprechung), die sie im Netz finden konnten. Sie verweisen in gradliniger Parteilichkeit auf

    A) Einen umstrittenen Publizisten, der in den 1990er Jahren die “Neue Rechte und ihre “selbstbwusste Nation” feierte (was die Grünen löblicher Weise zu einer Kleinen Anfrage im Bundestag veranlasste), in Rainer Zitelmanns Buch gegen “Westbindung” gegen die multikulturelle Gesellschaft schrieb und später den Antisemiten “Israel Shamir” am liebsten als Experten zum Antisemitismus in den Bundestag eingeladen gesehen hätte.
    B) Eine Webseite, die ständig Israel mit Nazis gleichsetzt und z.B. Jürgen Möllemann (und den besagten Publizisten) als Opfer einer Hetzjagd durch ein mächtiges “Netzwerk” sieht
    C) Und eben eine anonyme (sic!) Amazon-Besprechung (die einzige negative, andere interessieren Sie nicht) eines Buches von mir, in der der anonyme Schreiber ohne jeden Beleg behauptet, man hätte ihn nicht richtig wiedergegeben—wie gesagt, anonym und belegfrei. Jemand setzt ohne eine Quelle zu nennen, ohne einen Namen, ohne jeden Beleg ein bösartiges Gerücht ins Internet und die Welt, das man weder verifizieren noch widerlegen kann. Aber irgendwas bleibt schon haften, und sie finden das–auch anonym–gut, denn es ist ja gegen Rensmann, und den finden sie auch unsympathisch. Was für eine Diskussionskultur! So wollen Sie Vertrauen schaffen und Brücken bauen?

    Anstatt zu argumentieren und diskutieren, geht es bei ihnen also um Sympathiepunkte auf empiriefreier Gerüchtebasis. Und ihre Sympathien sind klar verteilt, da lassen Sie keine Zweifel aufkommen—auf Seiten dieser drei höchst dubiosen Quellen. Die Israelgegner ins Töpfchen, alle anderen ins Kröpfchen. Es ist wirklich bedauerlich, ich dachte in der Tat, sie seien trotz ihrer anfänglichen Polemik mit falschen, nicht belegbaren Unterstellungen (“Rensmanns Rezept”) diskussionsoffen, d.h. an Rechten von Israelis und Palästinensern interessiert.
    Wer sich ernsthaft für meine Forschung und Publizistik interessiert:

    http://sitemaker.umich.edu/lars.rensmann/home
    http://www.uni-potsdam.de/db/mmz-potsdam/index.php?ID_seite=83&sprache=2

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