Noch ein Neuer Antisemitismus?

Vor einigen Jahren erschienen diverse Artikel und mindestens ein Buch, in denen von einem Neuen Antisemitismus die Rede war. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 trugen die Diskussionen um diesen neuen Begriff dazu bei, den Nahost-Diskurs endgültig von jeder Frage nach einem gerechten Frieden für Israelis und Palästinenser abzukoppeln. Nach meinem Eindruck handelte es sich bei dem Begriff Neuer Antisemitismus um eine, auf den Punkt gebrachte, Kritik an der Israelkritik, in deren Rahmen „Israel“ und „Kritik“ gesagt werde, aber „Juden“ und „Hass“ gemeint sei.

Feindbild Islam
Feindbild Islam


So legitim ich es damals und auch heute noch finde, all jene, die süffisant darüber klagen, „in diesem Land darf Israel nicht kritisiert“ werden, oder die Aussagen mit Vorreden beginnen wie „Man wird doch wohl noch sagen dürfen…“, „Einige meiner besten Freunde sind Juden, aber…“, sowie „Auch die Juden sollten wissen, dass…“, mal auf mögliche Folgen ihrer Sprüche aufmerksam gemacht werden – Antisemitismus war und ist virulent in unserer Gesellschaft -, hatte ich dennoch den unguten Eindruck, dass der Neue Antisemitismus alsbald zum probaten Mittel der Hardcore-Fraktion unter den „Israel-über-alles“-Verfechtern wurde, um jegliche Kritik an Israels Besatzungs-, Blockade- und Siedlungspolitik mit dem Bann des Unaussprechlichen zu belegen, gerade in Zeiten, in denen die israelische Armee besonders „ruhmreich“ agiert – Jenin, Libanon, Gaza. Der Neue Antisemitismus degenerierte zum formschönen Teppich, unter denen israelische Verbrechen gekehrt werden konnten.

Einige Autoren der amerikanischen Blogosphäre sprechen seit einigen Tagen wieder von einem Neuen Antisemitismus – diesmal im Zusammenhang mit der „Diskussion um die Errichtung einer Moschee – die Neuen Antisemiten sind in diesem Fall jene, die vehement und dabei  z.T. auf Gedankengut zurückgreifend, dass man als rassistisch bezeichnen kann, gegen den Bau eines Gotteshauses für Muslime unweit von Ground Zero protestieren.

Antisemitismusforscher Wolfgang Benz zufolge sollte man nicht den Fehler begehen, pauschal Judenhass und Muslimhass miteinander in eins zu setzen. Was aber die Konstruktion und Etablierung bestimmter Feindbilder angehe, seien Ähnlichkeiten nicht von der Hand zu weisen:

Das klassische Beispiel bietet die Konstruktion des am weitesten verbreiteten Textes der Judenfeindschaft: die „Protokolle der Weisen von Zion“. Am Ende des 19. Jahrhunderts entstand es als antisemitisches Pamphlet, das eine jüdische Weltverschwörung belegen sollte. Obwohl die „Protokolle“ in allen Details als Fälschung entlarvt wurden, haben sie dem russischen Zaren wie den Nationalsozialisten Dienste geleistet, heute werden sie im islamischen Kulturkreis verbreitet. Sie dienen der Propaganda gegen Israel als Waffe. Millionen glauben an das Bild vom Juden als Inkarnation des Bösen in der Welt, welches die „Protokolle“ suggerieren.

Wer sich, zu Recht, über die Borniertheit der Judenfeinde entrüstet, muss aber auch das Feindbild Islam kritisch betrachten (das sich zuweilen eines aggressiven, aufgesetzten Philosemitismus bedient). Es ist ein Gebot der Wissenschaft, die Erkenntnisse, die aus der Analyse des antisemitischen Ressentiments gewonnen wurden, paradigmatisch zu nutzen.

Die unterschwellig bis grobschlächtig praktizierte Diffamierung der Muslime als Gruppe durch so genannte „Islamkritiker“ hat historische Parallelen. Derzeit wird der Islam gedanklich mit Extremismus und Terror verbunden, wodurch alle Angehörigen der islamischen Religion und Kultur mit einem Feindbild belegt und diskriminiert werden sollen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich es für eine gute Idee halten will, einen bereits zu Tode gerittenen, sattsam abgenudelten Kampfbegriff wie den des Neuen Antisemitismus neu zu gebrauchen. Jene, die bisher als (alte und Neue) Antisemiten galten, wehren sich, indem sie es ihren Gegnern mit ein und derselben Münze heimzahlen? Ich weiss nicht. Aber würde sich nicht dadurch einmal mehr die Einsicht bewahrheiten – „egal ob Israel- oder Palästinasolidarität: An beiden Seiten der Solidaritätsmedaille klebt irgendeine Art von Bullshit…“?
Wie dem auch sei: Benz‘ These zur Ähnlichkeit der Feindbilder angeht, so muss man sich nur die bei MondoWeiss veröffentlichten Bilder der jüngsten Anti-Moschee-Demonstration in New York anschauen – und es fällt einem nichts mehr ein. Und dieses Video spricht ebenfalls Bände.

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