Der Spiegel auf dem Couchtisch

Aus beruflichen Gründen hat sich meine Frau die aktuelle Ausgabe des Spiegel geholt – für das Fach Geschichte kommt ihr die Aufgabe zu, mit ihrem Leistungskurs – meine Frau ist, wie ich, im Lehrberuf tätig – u.a. auch die Geschichte Chinas zu behandeln. Nächste Woche geht in NRW die Schule wieder los!

Kulturkämpferisch wie eh und je kündet schon das Titelblatt („Die Rivalen“), dass es um den Wettstreit um die Weltmärkte zwischen „uns“ (Deutschland) und „denen“ geht. Bei einer Tasse Kaffee wollte ich mich gestern nachmittag von der Lektüre des – für Englisch-Grundkurs momentan leider obligatorischen – Romans Falling Man von Don De Lillo erholen. Auf dem Couchtisch vor mir: besagte Spiegelausgabe. Nachdem ich mich ausreichend über Norbert Röttgens Karrierepläne, Dirk Niebels miesen Führungsstil innerhalb des von ihm geführten Ministeriums und Andrea Nahles‘ neue Reserviertheit („Schatz! Die Nahles ist schwanger!“) informiert hatte, wurde ich auch eines Artikels über den „Moscheestreit“ in den USA gewahr, den ich allerdings fürs erste überblätterte. Ausgerechnet im Kulturteil dann, ich wähnte mich schon am Ziel aka „Hohlspiegel“, serviert uns der Spiegel in dieser Woche Auszüge aus Thilo Sarrazins epochaler Denkschrift Deutschland schafft sich ab. Allein die dick gedruckten Aussagen, die der Setzer anscheinend als Teaser, wenn nicht Auflockerung, konzipiert haben mag, lassen erkennen: Hier hat jemand etwas ganz Großes geschaffen: „Ich möchte nicht, dass das Land meiner Urenkel in weiten Teilen muslimisch ist“ (S. 137); „Fabriken und Dienstleistungen müssen wandern, nicht die Menschen“ (S. 138) – darüber ein Bild mit türkischen Gastarbeitern in Bochum 1974; unter einer Abbildung des Innenraums der Moschee in Duisburg-Marxloh: „In den USA bekämen sie keinen müden Cent. Deswegen sind sie auch nicht dort„(S. 139); unter einem Bild, das auf eie Weise, die klischeehafter kaum sein könnte, Migrantenfamilienien in Berlin zeigt: „Der Weg in den deutschen Sozialstaat darf nicht ohne ‚Wegezoll‘ möglich sein“(S. 140).  Noch Fragen?

In einem Blatt, dessen Leser die Texte eines Henryk M. Broder mit den Worten loben:

Danke, Herr Broder! Ihre Beiträge sind immer lesenwert, sind ohne Scheuklappen geschrieben – und menschlich! (S. 10)

– in so einem Blatt ist es wahrlich kein Thema, einem Thilo Sarrazin ein Forum zu bieten.  Ohne Scheuklappen, versteht sich. Dieser Typ von Spiegels und Springers Gnaden gehört eben zu jener Sorte Tabubrecher, die im Gestus des tapferen Kritikers doch nur sagen, was man von ihm hören will. Ein richtiger Extremist der Mitte. Man kann solch einem aufrechten Dissidenten schließlich viel vorwerfen, aber: Er ist kein Gutmensch. Sarrazin und Konsorten sind vielmehr politisch unkorrekt – was nichts Anderes bedeutet, als dass sie für ihren Rassismus auch noch gelobt werden wollen, nur eben nicht von Rassisten.   Zum Thema Gutmensch schreibt flatter:

Der Begriff “Gutmenschen”, eine gern gebrauchte Vokabel in rechtsradikalen Kreisen, belegt schon alle diejenigen, die sich nicht der Hatz gegen einzelne Bevölkerungsgruppen anschließen mögen. Verklammert wird er stets mit Stereotypen von naiven, verweichlichten und völlig weltfremden Figuren, die selbst Kinderschänder liebhaben, wenn man denen nur ansieht, daß sie einer ‘Fremdrasse’ angehören.

Es mag dementgegen aber durchaus eine Form des Gutmenschentums geben, dem vor allem Linke (wenn auch wahrlich nicht alle) anheim gefallen sein dürften, ein Phänomen, das gewisse Vorstellungen und Denkprozesse erschwert: Es ist die völlige Unfähigkeit, die Lust an der Verfolgung von Menschen nachzuvollziehen. Der elementare Sadismus, der nach Strafe giert und ‘Täter’ braucht, um ‘schuldige’ Opfer quälen zu dürfen.

Doch auch ein Gutmensch hat nicht für alles Verständnis, flatter, Betreiber des Feynsinn-Blogs kommt zu dem Schluss,

daß alles Argumentieren im Umkreis dieser Spielform der Aggression vergeblich bleiben muß. Einer Aggression, der sich jeder spontan anschließen kann, der ähnliche Neigungen hegt. Alles, was es braucht, ist die halbwegs funktionierende Definition einer Gruppe von Menschen und eine Schuld, die man ihnen zuweist. Damit geht alles, von verbal geäußerter Verachtung bis zum Genozid. Da hilft dann auch kein Lamentieren mehr, da gibt es nur noch ein unbeugsames “Nein!”, ein kultiviertes Tabu. Wer daran rüttelt, will zurück zur Barbarei.

Nichts mehr hinzuzufügen!

Dennoch bzw. gerade deshalb: Mir bereitet es Unbehagen, wenn sich ein Sarrazin u.a. auch dadurch eine treue Fangemeinde sichert, dass er sich auf diverse Opfer-Erfahrungen berufen kann. Für seine mutigen Thesen hat der arme Kerl schon viel Prügel einstecken müssen. Ein richtiger Märtyrer! Konkret geht es mir um diese Protestnote gegen Sarrazins Auftritt Ende September im Berliner Haus der Kulturen. Mir ist schon klar, dass es ekelerregend ist, wenn am nächsten Tag in der Zeitung steht: „Sarrazin streckt Hand zum Dialog mit Migranten aus.“ und so das Haus der Kulturen schlichtweg benutzt wird – aber was ist mit Zensur gewonnen? Erkläre mir das mal einer?

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