Ovadia Josef „entgleist“ – na und?

Mal ehrlich, soll man sich denn ernstlich wundern über Leute wie Ovadia Josef, den Parteigänger der israelischen Shas offenbar als ihr „geistiges Oberhaupt“ ansehen? Und soll man all den Käse, den dieser Typ vom Stapel lässt, wirklich noch vornehm als „Entgleisungen“ titulieren? Ich meine – hallo?!-:

Seine Anhänger nennen ihn »unseren Meister«, seine Gegner verächtlich einen »jüdischen Ajatollah«: Ovadia Josef, der geistliche Führer der sephardischen, ultra-orthodoxen Schas-Bewegung polarisiert – und bestimmt seit mehr als zwei Jahrzehnten die Geschicke des Nahen Ostens maßgeblich mit.

Im Vorfeld der Friedensverhandlungen zwischen Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu und Palästinenserpräsident Mahmmud Abbas hat er sich nun gewaltig zu Wort gemeldet: »Mögen all die Bösen, die Israel hassen, wie Abu Masen und alle Palästinenser, von unserer Welt verschwinden. Möge die Pest sie befallen«, sagte er nach Angaben des israelischen Militärrundfunks Galei Zahal. Seine Entgleisung sorgte für viel Unmut in der arabischen Welt. Auch Ministerpräsident Netanjahu ließ eiligst durch seinen Sprecher verlauten, dass dies keine Äußerung sei, die mit der Meinung der israelischen Regierung etwas zu tun habe.

Es ist wahrscheinlich im Wesentlichen dem offensichtlichen Bemühen der Macher von Al-Sharq bzw. Zenith geschuldet, als seriös und respektabel angesehen zu werden, dass man in Bezug auf Josef nicht von einem pathologischen Dummschwätzer redet. In der Tat: In den letzten Jahren ist diese Eisenbahn namens Ovadia Josef schon ein ums andere Mal „entgleist“.

Dennoch: Die Aufregung über Josef bringt nichts. Einerseits bedient Josef offenbar die Befindlichkeiten eines von zahllosen Segmenten des von Parallelgesellschaften nur so wimmelnden israelischen Gemeinwesens. Andererseits dürfte der Umgang mit Spinnern wie Josef, diesem Otto Rehagel der Shas – Rehagel hatte sich einst als spiritus rector von Werder Bremen bezeichnet -, ähnlichen Maximen folgen wie die Rezeption diverser weiterer Gewaltakte verbaler und physischer Natur aus dem Mund bzw. durch die Hand israelischer „Interessenvertreter“: Entweder, sie werden totgeschwiegen, oder ihnen wird attestiert, dass es sich bei ihnen um Einzelfälle, saure Äpfel, hässliche Entlein oder eben Züge, die zuweilen entgleisen. Irgendjemand wird noch Verständnis aufbringen, denn die Palästinenser, so ihnen überhaupt eine eigene politische Identität zugebilligt wird, sind ja auch samt und sonders Mörder und Halunken. Insgesamt sieht man die Sache jedenfalls nicht so eng, denn: Israel ist nun einmal auf „unserer“ Seite. Und wer wen mit dem Tode bedrohen darf, das entscheiden immer noch „wir“, die Guten.

Übrigens kann der Philosoph Markus Tiedemann auch nur vor eben diesem Hintergrund Muslime in Deutschland wie folgt kritisieren:

Auf muslimische Massenkundgebungen gegen Terror und militanten Islamismus oder die Diskriminierung von Christen in arabischen Staaten wartet die europäische Öffentlichkeit bis heute.

Ich habe es aufgegeben, mich über einen Knallkopf aus Überzeugung wie Ovadia Josef einer ist, aufzuregen. Und nicht wegen seines Jobs als „Mentor“ von Shas und auch nicht obwohl sich Premierminister Netanyahu nach Josefs jüngsten Äußerungen reflexartig von ihm distanziert hat, sondern weil er es getan hat, darf Josef permanent und immer wieder entgleisen.

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