„Es ist ruhig und wir fühlen uns unter den Menschen sicher.“- Gabriele Webers Brief aus Gaza

Hauptsache, es herrscht keine Hungersnot! Während Micha Brumlik schon der Gedanke daran, dass Menschen aus Solidarität mit der dortigen Bevölkerung nach Gaza reisen, schlichtweg anzuwidern scheint, so dass er nicht auf Gedanken kommt, ein Besuch in Gaza könnte die Not der von außen aufgezwungenen Quarantäne für die dort „lebenden“ Menschen lindern, hat sich die Palästina-Aktivistin Gabriele Weber mit ihren drei Kindern aufgemacht, das Unaussprechliche zu tun: Seit einer Woche befindet sie sich in Gaza. 

„Es ist ruhig und wir fühlen uns unter den Menschen sicher. Nach allem, was in Deutschland berichtet wird, erwartet man Brigaden von Hamas-Kämpfern in den Straßen, die das Volk in Angst und Schrecken versetzen. Dem ist in keinerlei Weise so.“ Im Folgenden ihr Reisebericht in Briefform – ein Zeugnis der Humanität und Solidarität. (Vielen Dank an Ellen Rohlfs für die Zusendung!)

Liebe Alle,
seit Samstag befinde ich mich im Gaza-Streifen und habe entschieden, dass ich versuchen möchte, anstatt meiner üblichen Palästina-Rundmails, eine Art Reisebericht zu verschicken, um meine Eindrücke von hier an Sie weiter zu leiten. Dies werden vielleicht nur einzelne Begebenheiten sein, oder Beobachtungen, die ich mache. Auf jeden Fall ist es eine persönliche und damit subjektive Einschätzung der Situation hier vor Ort.
Da ich keine Journalistin bin, somit professionelles Schreiben nicht gelernt habe, bitte ich, eventuelle stilistische Fehler zu entschuldigen.

Nachdem schon Herr Minister Niebel den israelisch-palästinensischen Grenzübergang in Erez nicht passieren durfte, ging ich davon aus, dass die einzige Alternative – nach Kairo zu fliegen und von dort mit einem Taxi über den Sinai zur ägyptisch-palästinensischen Grenze in Rafah zu fahren – die Klügere sein würde. Am Ende haben meine drei Kinder und ich es auch tatsächlich geschafft, doch kann man den Weg in den Gaza-Streifen über Rafah durchaus als eine moderne Form der „Via Dolorosa“ betrachten – Hitzschlag, Mutlosigkeit und völliges Unverständnis über die Auswüchse „menschlichen“ Zusammenlebens und menschlicher Unmenschlichkeit – inbegriffen (dies wohlgemerkt nur von ägyptischer Seite her).
Die ersten Eindrücke bei der Fahrt vom palästinensischen Rafah nach Gaza sind sehr bedrückend: zerstörte Häuser, halbfertige Gebäude, Einschusslöcher, Abwasser, das in manchen Straßen fließt, viel viel Schmutz.
Vor zehn Jahren waren wir zum letzten Mal hier – im Vergleich zu damals fehlen heute die hochbewaffneten israelischen Soldaten und Checkpoints, die ein permanentes, latentes Angstgefühl hinterlassen haben. Außer einem palästinensischen Polizeifahrzeug direkt am Grenzübergang, haben wir bis heute noch keinerlei Polizei oder Militär gesehen. Es ist ruhig und wir fühlen uns unter den Menschen sicher. Nach allem, was in Deutschland berichtet wird, erwartet man Brigaden von Hamas-Kämpfern in den Straßen, die das Volk in Angst und Schrecken versetzen. Dem ist in keinerlei Weise so.
Ich habe gestern begonnen, mit ganz unterschiedlichen Menschen zu sprechen und ihre Einschätzung der jetzigen Situation wieder zu geben. Wie überall auf der Welt sieht jeder die Dinge anders. Das macht die Vielfalt der Menschen ja aus. Was mir bei allen meinen Gesprächspartnern bis jetzt als Gemeinsamkeit aufgefallen ist, ist eine abgrundtiefe Traurigkeit, die hinter allem steckt. Ja, die Menschen in Gaza können trotzdem lachen, doch dieses Lachen hat einen sehr bitteren Beigeschmack. Die wirtschaftliche Lage der Meisten ist sehr schlecht. Es stimmt, dass es im Moment wieder viele Waren hier gibt, die vor allem über die Tunnel hereingebracht werden. Doch sind diese Dinge für den Großteil der Bevölkerung sehr teuer (ich persönlich finde, dass gerade wir Deutschen uns über auf die Waren auferlegte Steuern nicht aufregen sollten! Sie sind doch ein bewährtes Mittel von Regierungen, das Geld, das für (un)nötige Investitionen ausgegeben wird, beim Volk einzutreiben). Die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Armut wächst, so dass immer mehr Menschen betteln müssen.
Katastrophal sind Abwasser-, Wasser – und Stromversorgung: Abwasser steht auf freien Flächen und strömt bei dieser Hitze einen bestialischen Gestank aus. Wasser ist knapp – wenn man mit warmem Wasser duschen möchte, muss man sich dieses auf dem Herd erst erhitzen und dann in einem Eimer mit kaltem Wasser mischen. Dann nimmt man ein Gefäß und „duscht“, immer mit der Vorgabe, so wenig Wasser wie möglich zu verbrauchen, um nicht verschwenderisch mit diesem kostbaren Gut umzugehen. In Gaza ist tägliches Duschen ein Luxus, den sich kaum einer leisten kann.
Im Moment gibt es Strom, doch spätestens heute Nachmittag wird er ausgestellt hier in unserem Wohngebiet. Jede Region hat zu einer anderen Zeit keinen Strom. Wenn es keinen Strom gibt, gibt es auch kein fließendes Wasser aus dem Hahn, da beides aneinander gekoppelt ist. Kein Wasser, keine Toilettenspülung (sofern solch eine Toilette überhaupt vorhanden ist), keine Möglichkeit mit einem Ventilator die Hitze erträglicher zu gestalten – und dies über Stunden hinweg.
Meistens kommt der Strom kurz vor Sonnenuntergang wieder. Man sitzt beim Essen ( es ist Ramadan ) und plötzlich gehen die Lichter wieder aus. Hier in Gaza ist deshalb jedes Handy und jedes Feuerzeug mit einer kleinen Lampe ausgestattet, mit der man dann eine Art Notbeleuchtung hat.
Die in diesem Jahr auch im Nahen Osten bestehende Jahrhundert-Hitze hat natürlich, was die kleinen „unangenehmen Haustierchen“ angeht, zur Hochkonjunktur geführt: tausende winziger Ameisen überall, lästige Fliegen und 5cm große Kakerlaken begleiten unseren Alltag.
All dies und vieles andere macht das Leben der Menschen hier wirklich schwer. Doch die eigentliche Schwierigkeit auch für mich persönlich besteht in der latenten externen Bedrohung, die man ständig spürt. Ich bin immer mit einem kleinen Kloß im Magen nach Gaza gekommen, aufgrund dieser Bedrohung der Menschen durch das israelische Militär. Nun, nachdem die jüdischen Siedler den Streifen vor einigen Jahren verlassen haben, fühlt man sich ausgeliefert, da man weiß, dass, ohne Rücksicht auf „wertvolles israelisches“ Leben nehmen zu müssen, „unwichtiges palästinensisches“ Leben einfach ausgelöscht werden kann. Wie die letzte Militäroffensive gezeigt hat, wird von allen Richtungen mit den entsprechenden abscheulichen Waffen gezielt und getötet. Eine Fluchtmöglichkeit gibt es nicht.
Mein Kloß im Magen ist seit gestern größer geworden: vier jüdische Siedler wurden in der Westbank getötet, anscheinend hat sich Hamas dazu bekannt. (Ich möchte ausdrücklich erwähnen, dass ich jede Form von Gewalt ablehne!). Nun besteht also durchaus die Chance, dass die nächste Vergeltungs-Aktion bevorsteht. Ein gefangener israelischer Soldat rechtfertigte im vergangenen Jahr Hunderte von Toten ( 1400), welche Dimension könnte dann die Racheaktion für vier getötete israelische Siedler annehmen? Ich mag es mir gar nicht vorstellen – ganz ehrlich – ich habe heute Angst – obwohl meine einheimischen Gesprächspartner dies im Moment eher gelassen einschätzen. Sie meinen, dass das Augenmerk zur Zeit auf die anderen „Feinde“ Libanon, Iran und Syrien gerichtet ist. Ich wünsche den Menschen in diesen Ländern um Himmels willen keinen Krieg, doch bin ich im Augenblick froh um diese „Ablenkung“.
Da sieht man wieder, wie sehr uns das eigene Wohlbefinden doch am Herzen liegt!

Das war´s für´s Erste! Drücken Sie uns die Daumen, dass es zu keiner Katastrophe kommt!

Wie immer grüße ich Sie alle herzlich – heute aus dem Gazastreifen!

G. Weber

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