„Identität ist eine Schablone, die man Menschen aufdrückt, mit denen man sich nicht von Mensch zu Mensch unterhalten will“

Die sogenannte „Einwandererdebatte“ ist doch eigentlich nichts Anderes als eine großangelegte Verkaufsveranstaltung zu Gunsten des Buches Deutschland schnallt sich ab von Thilo Ihrwisstschonwer. Und trotzdem wirft auch diese Kampagne so manche Perle ab, beispielsweise einen großartigen Artikel von Hilal Sezgin in der Zeit – es geht darum, was es für Sezgin bedeutet, mit einem Mal zum Objekt unterschiedlicher Begierden und Befindlichkeiten zu mutieren. Wie sie Haltungen, mit denen sie „als Muslimin“ mitunter konfrontiert und reduziert wird, beschreibt, ist erhellend und erschreckend zugleich:

Und es sind ja nicht nur die Verbitterten, die Rentner, die Eiferer, die einen mit diesem Sammelsurium von Vorurteilen konfrontieren. Durch fast alle Milieus zieht sich das, auch bei Leuten mit höherer Bildung ist man davor nicht sicher. In den letzten Monaten riefen mich unabhängig voneinander zwei langjährige, links-liberale Freunde an und verlangten, ich solle mich bitte endlich einmal eindeutig von familiärer Gewalt und Terrorismus distanzieren. Aus dem Nichts heraus nehmen mich Menschen zu frauenfeindlichen Versen im Koran und zum Kopftuch ins Kreuzverhör. Auf einer Gartenparty kommt eine Buchlektorin aus dem Staunen nicht heraus, als ich ihr von meinem kleinen Gnadenhof für Schafe und Hühner erzähle: Das sei aber ungewöhnlich, denn »die Orientalen« liebten doch keine Tiere. Ich versichere ihr, es gebe Tierfreunde auch unter »den Orientalen«. Mir zuliebe sage ich dann auch etwas zu kriegerisch klingenden Versen im Koran und ein, zwei, drei Sätze über das Kopftuch. […]

Als Frau wird man nicht geboren, zur Frau wird man gemacht, schrieb einst Simone de Beauvoir als Credo des Feminismus. Laut herkömmlicher islamischer Auffassung wird jeder Mensch als Muslim geboren. Meine Erfahrung ist allerdings anders: Auch zum Muslim wird man gemacht. Egal, ob man will, egal, was man gelernt hat. Wenn man einen bestimmten Teint hat, eine »typische« Nase, einen »einschlägigen« Namen, Eltern aus einem der verdächtigen Länder. Von einem Prozess der Ethnisierung sprechen Soziologen: Eine ursprünglich religiöse Kategorie wird zur ethnischen Beschreibung. Ich nenne es: Muslimifizierung.

Mir kommt das alles sehr bekannt, weil sehr „deutsch“ vor – Typisierung, Kategorisierung, Ausschließung aus dem nationalen Kollektiv. Und schon erwische ich mich dabei, meine Haltung zu einem neuen Neuen Antisemitismus zu überdenken, zumindest ansatzweise.

Hätte ich einen Hut, ich würde ihn vor Momorulez ziehen, bei dem ich den Hinweis auf Sezgins Text gefunden habe und bei dem sich eine interessante Kommentar-Debatte anzubahnen scheint.

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8 Gedanken zu “„Identität ist eine Schablone, die man Menschen aufdrückt, mit denen man sich nicht von Mensch zu Mensch unterhalten will“

  1. Und kaum scheint diese Diskussion abzuschwellen, befürchte ich die nächste Auflage. Frau Schwarzer hat ein neues Buch angedroht. Und da sich Feminismus anscheinend nicht mehr so gut verkauft, nicht mehr SO provokant ist, gehts mal wieder gegen Muslimas… laut Titel, jedenfalls, der hat wieder mit Schleiern zu tun. Argh!

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  2. Dazu passt dieser vorzügliche Text (auch wenn ich den Schluß über die Eugenik vollkommen anders sehe):

    http://www.perlentaucher.de/blog/153_die_muster_des_kulturalismus

    Was den Rest angeht:
    „In den letzten Monaten riefen mich unabhängig voneinander zwei langjährige, links-liberale Freunde an und verlangten, ich solle mich bitte endlich einmal eindeutig von familiärer Gewalt und Terrorismus distanzieren.“ ist Gelaber…: „Hallo Hilal, hier ist Peter, distanziere Dich bitte mal von familiärer Gewalt und Terrorismus“… wer’s glaubt. Und dann noch das: „Aus dem Nichts heraus nehmen mich Menschen zu frauenfeindlichen Versen im Koran und zum Kopftuch ins Kreuzverhör.“ Also, ich finde es immer wieder spannend, mit Moslems über dieses Thema zu sprechen. Genauso stehe ich drauf, mit Christen über Pädophilie zu reden.

    Darüber hinaus: Ich bin Kommunist und permanent werde ich gefragt, wie ich es mit „politischer Gewalt und Terrorismus“ halte. Sind die Leute ein wenig belesen, konfrontieren sie mich mit Phrasen aus dem Kommunistischen Manifest (Diktatur des usw.), sind sie es nicht, kommt die DDR oder die „alle Menschen sind gleich“-Sache ins Spiel. Das ist ein normales Vorurteil und ich sage den Leuten nicht, dass sie absolut unrecht haben; die DDR hat soviel mit Marx zu tun wie der Koran mit dem Islamismus – sie haben recht und unrecht zugleich. Ich ziehe mich nicht gekränkt auf meine zugeschriebene Identität zurück, sondern komme den Leuten entgegen, weil sie recht haben. Der Realsozialsimus hat sich auf Marx berufen und berufen können – und dennoch lag er (der Realsozialismus) falsch und somit auch seine Kritiker, die meinen, den Kommunismus auf diesem Weg komplett ad acta legen zu können. Nicht anders beim Islam: Der Terrorismus/Islamismus beruft sich auf den Islam und ist dabei näher am Wort des Korans als der Rest; sie können sich auf ihn berufen, ohne zu lügen. Was fehlt ist eine laute (!), historisch-kritische Auslegung des Korans; eine Bewegung, die Sarrazin den ihm gebührenden Vorwurf des Rassisten macht und gleichzeitig der islamischen Community zuruft, dass es was zu ändern gibt.

    Eine solche Selbstkritik gibt es überall, seis im Marxismus, seis im Christentum, nur im Islam ist sie nicht vernehmbar und wirkungslos; weil sich ‚Intellektuelle‘ und intellektuelle wie Hilal Sezgin auf die Rolle des/der Gekränkten zurückziehen, anstatt zu sagen: Fick dich Sarrazin, Fick dich Hamas!

    Es ist zwar nervig, sich ständig vom ML-Marxismus zu distanzieren; und genauso nervig ist es bestimmt, sich permanent vom Islamismus zu distanzieren. Die Frage ist aber doch, wie man damit umgeht. Wenn ich schon, wie Hilal Sezgin, an die Öffenltichkeit gehe und gehen kann, dann packe ich es doch richtig an. Ich als Kommunist habe ein größeres Problem mit den Ewiggestrigen MLern als mit Antikommunisten, denen ich die Sache erklären kann. Dass gleiche gilt für den Islam bzw. müsste gelten. Aber Leute wie Hilal Sezgin kritisieren allein die Kritik, und so macht man sich in der Tat zum Helfershelfer des Islamismus.

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    1. Die Sache mit der Distanzierung von irgendwelchen Idiotien – in der Tat, da zeigst Du Ähnlichkeiten zwischen einem Kommunismus, wie Du ihn betreibst, und einer religiösen Grundprägung, wie sie bei Leuten wie Sezgin vorzufinden ist, und die sie auf, wie ich finde, vorzügliche Weise beschrieben hat. Und da hört es schon wieder auf mit den Ähnlichkeiten: Anders als nach der Lektüre des oben verlinkten Sezgin-Artikels, bin ich mir bei Dir – und das ist nicht abwertend gemeint – nicht sicher, ob Du Deinen Kommunismus als religiöse Prägung verstehst. Ich verkneife mir mal die Frage, ob Deine Eltern antideutsche Aktivisten waren…;-).
      Und warum sich Sezgin zur Helfershelferin des Islamismus gemacht haben soll – das versteh ich nicht so ganz. Und was diese Pasage angeht:
      „Der Terrorismus/Islamismus beruft sich auf den Islam und ist dabei näher am Wort des Korans als der Rest; sie können sich auf ihn berufen, ohne zu lügen. Was fehlt ist eine laute (!), historisch-kritische Auslegung des Korans; eine Bewegung, die Sarrazin den ihm gebührenden Vorwurf des Rassisten macht und gleichzeitig der islamischen Community zuruft, dass es was zu ändern gibt. “ – Du meinst, DIR fehlt eine solche Auslegung. Es gibt sie durchaus – genau wie Palästinenser, die sich von Hamas UND AUCH von Fatah lossagen, zu gewaltlosem Widerstand ermuntert haben – und mittlerweile die nahöstlichen Radieschen von unten sehen bzw. in israelischen Knästen sitzen. In anderen Worten: Bloß weil DU entsprechende Traditionen nicht zu sehen vermagst, heißt es nicht, dass es sie NICHT gibt. Hier argumentierst Du nicht, hier lässt Du Dich nach meinem Eindruck zu orientalistischem Paternalismus hinreißen.

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