„Durch Berlin zu laufen empfand ich deshalb, als wäre ich in einen Pornofilm geraten, der im Dritten Reich spielte.“

Endlich ist sie zu Ende – diese z.T. nur unter Todesmühen zu ertragene taz-Serie, in welchem verschiedene Autoren sich im Großen und Ganzen überlegen, was „wir Deutsche“ mit Israel anzufangen haben und was nicht. Zu den positivsten Beiträgen neben dem von Daniel Bax und jenem des israelischen Palästinensers Aref Hajjej gehört die „Bilderreise“ des zwischen Berlin und Israel immer mal wieder hin und her pendelnden Israeli iranischer Herkunft Zeev Avrahami.

Welch eine Wohltat, nachdem man Stefan Reineckes verdruckste, aber dennoch im  Duktus des staatstragenden Leitartilers vorgetragenen, Hinweise zu einer bitteschön immer sachlichen Israel-Kritik endlich zuende gelesen hat, Unsachlichkeiten wie diese gesagt bekommt:

Als Kind in Israel gab es nur zwei Orte, an denen man der deutschen Sprache begegnen konnte. Durch Berlin zu laufen empfand ich deshalb, als wäre ich in einen Pornofilm geraten, der im Dritten Reich spielte.

Oder oder oder…:

Manchmal laufen Maya und ich auf einer unserer endlosen Suchen nach einem anständigen Hummus durch die Straßen von Berlin. Bald wird sie mich fragen, wofür diese Stolpersteine stehen. Ich hasse es, wenn ich auf Wikipedia keine Antwort finde auf ein Warum von Maya.

Poetisch und auf eine wunderschön schnoddrige Art authentisch (*knirsch*), was Avrahami da schreibt. Aber so war es schon oft: Während Autoren Reinecke mit einer ganz eigenen Form von Tantenhaftigkeit den bundesrepublikanisch-konservativen Israelismus des Bürgertums lediglich reproduziert, sind es oft Stimmen aus dem Nahen Osten, die uns Mores lehren. Mir hilft ein Zeev Avrahami um einiges mehr, in der ganzen verkopften Analysiererei den Kern, die Humanität der unter dem Konflikt leidenden Personen, nicht aus dem Blick zu verlieren als die zuletzt in ihrer theoretischen Finesse doch auch ziemlich schauerlichen, professoralen Verdikte eines Micha Brumlik.  Vielleicht mache ich mich hier und jetzt eines für den einen oder anderen Leser unerträglichen Mix‘ aus Orientalismus, Philosemitismus und einer sehr paternalistischen Onkelhaftigkeit schuldig ; vielleicht zurre ich mein ohne festgezurrtes Weltbild noch eine Spur enger; zudem hat  Brumlik sich  gar  nicht an der taz-Reihe zu Israel beteiligt, aber trotzdem…

Mehr von Avrahami übrigens in dessen eigenem taz-Blog. Die Verkehrssprache dort ist Englisch – und es findet sich manche Perle, so wie diese hier über die Katastrophe bei der Love Parade in Duisburg:

I didn’t and still don’t have much to say about the terrible deaths at the Love Parade a few weeks ago. It is sad on its own and it is sad that an event that started the way the Love Parade started and stood for some hope, ended like that.

But I am just wondering: how come revelers who gather to dance, get high, and be loved were treated like this? How come NPD and Nazi parades are never diverted into tunnels that can’t hold the number of marchers?

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