Über Solidarität, dummes Gesprächsverhalten, Ehrenmorde und Diskurshoheit

In diesem Blog geht es oft um Solidarität, und vielfach wird Kritik geübt am hiesigen Meinungsmainstream, der den Staat Israel zum alleinigen Beurteilungsmaßstab bezüglich aktueller Entwicklungen und Ereignisse vor Ort zu machen. Kritik an Israel und Solidarität mit den Opfern der seit 1948 andauernden Nakba führen einen oftmals in Versuchung, über Missstände auf arabischer bzw. palästinensischer Seite hinwegzusehen.

Bei MondoWeiss wird in letzter Zeit ernsthaft darüber diskutiert, ob es denn statthaft sei, etwa die Verantwortlichen für den Mord an vier Israelis kürzlich unweit Hebron überhaupt zu kritisieren. Nun mag man einwenden(bei aller Wertschätzung für die Arbeit von Phil Weiss), dass wo die wirren Ideen eines Jeff Blankfort dankbare Abnehmer finden, man sich nichtallzu sehr wundern sollte, dennoch:

Wenn Mord nicht als solcher bezeichnet werden darf, weil man sich ansonsten des Verdachts aussetzen könnte, nicht genug Solidarität mit den Palästinensern zu zeigen, ist es letzten Endes egal, mit wem man sich nun mehr verbunden fühlt – Israelis oder Palästinenser? „Hauptsache ist, es macht dich glücklich“(Farin Urlaub).

So unfair es unter den gegebenen Kräfteverhältnissen auch sein mag – Palästinasolidarität muss, soll sie mehr bewirken als temporäre Befriedigung im entsprechenden Fanlager, besser sein als jene Solidarität, der auch ich viel zu oft schon – obzwar m.E. nicht zu Unrecht – Bigotterie und Herzlosigkeit vorgeworfen habe. Auf den Punkt gebracht: Solidarität mit Palästinensern und Arabern muss kritisch sein. Aus dieser Solidarität heraus müssen Fehlentwicklungen unter den Palästinensern als solche benannt werden können. Warum ich mich aus diversen Solidaritätskontexten hierzulande praktizierter Palästinasolidarität verabschiedet habe, hat u.a. damit zu tun, dass „deutsche“ Solidarität mit den Palästinensern oftmals aus enttäuschter Liebe zu den vormals gefeierten Israelis geübt wird. Ich will mich in keiner Weise hier ausnehmen.

Auch wenn es aus ebendieser Solidarität mit Palästinensern problematisch sein mag, diese mit Syrern in einen Topf zu schmeißen: Die ablehnende Haltung gegenüber sorgsam gehegten und gepflegten Hasbara-Klassikern wie „Israel ist umgeben von Feinden, die auf seine Vernichtung hinarbeiten“, sollte nicht dazu führen, gegenüber Israels Nachbarstaaten eine unkritische Haltung einzunehmen. Zusammen mit Che bin ich fassungslos, wenn ich Bilder wie diese (Danke, Alsharq) sehe, in denen syrische SchülerInnen von acht bis höchstens zehn Jahren mit Gusto von ihren Lehrerinnen misshandelt werden.

Neulich erwischte ich mich dabei, dass ich in einer eher lockeren Unterhaltung „die“ Muslime verteidigte, bloß weil mein Gesprächspartner darauf beharrte, dass hierzulande das Grundgesetz über jedem religiösen Glaubenssatz zu stehen habe. Ich ärgere mich noch jetzt, dass ich mich selbst in diese Falle manövriert habe, dass ich sogar noch anzumerken nicht unterließ, Ehrenmorde und Zwangsheiraten seien lange Zeit auch hierzulande bzw. im Christentum Gang und Gäbe gewesen. Robert Fisk, einer der wenigen westlichen Journalisten, denen zu trauen ist, wenn es um die Beschreibung jüngerer und älterer Entwicklungen in der arabische Welt zu gehen hat, hätte für mich nur Hohn und Spott übrig gehabt:

I know what’s coming next. Didn’t we Westerners used to treat women the same way? „In Europe, they used to burn women for adultery.“ Yes, it’s true. And not long ago, unmarried British women who were pregnant were locked up in lunatic asylums. Anyway, didn’t „honour“ matter to European men in the Renaissance?

And back in Beirut, I open my old copy of Shakespeare, to that most bloody of plays, to Titus Andronicus. The hero’s daughter Lavinia has been raped and mutilated, and Andronicus is contemplating her „honour“ killing.

Fisk berichtet in diesem Artikel auch davon, wie in Abu Ghraib Massenvergewaltigungen von Frauen und Mädchen Routine gewesen seien, zu jener Zeit, als sich alle Welt über die herabwürdigende Behandlung männlicher Gefangener durch eine Lyndie England empörte. Sein Punkt ist aber ein anderer: Hören wir auf damit, Massenvergewaltigungen und „Ehrenmorde“ zu verschweigen, bloß weil diese nicht zu unserer eigenen Weltanschauung bzw. unserem Verständnis von Solidarität passen:

Mr Najdawi agrees. „We have just had an amendment to the law – it gives equality to men and women over ‚honour‘-related issues. It says that a woman must be treated the same way if she kills her husband. But either way, if a husband kills his wife, this is regarded as murder with intent and he cannot receive less than 10 years. However many mitigating circumstances, the crime was still intentional.“ And it’s true that Amman courts have now been handing out 14-year sentences to men for „honour“ crimes and intend to make the guilty serve their full sentences.

Lima Nabil tells a story that I hear from three other journalists and NGOs in Amman. The details are the same – and the story is true. In the town of Madabad, a wife left her husband for a lover and they went to the tribal leader to prevent family „honour“ being invoked. „The tribal leader gave the husband a divorce and ordered the wife to marry her lover,“ she says, „Then he ordered her lover’s sister to marry the abandoned husband. Thus if the lover claimed he’d stolen another man’s wife, the husband could say he was sleeping with his sister!“ But each time I heard this tale, I asked myself the same question. Tribal „law“ may have prevented violence – but what about the sister who was forced to marry the divorced husband?

Seien wir aber auch so gut und entheben wir beschriebene Vorgänge nicht ihres Kontextes. Hören wir auf damit, kulturalistisch zu argumentieren. Bei „Ehrenmorden“ etwa geht es, so Fisk, vielfach gar nicht um religiöse/kulturell/ tribalistische Reinheit, sondern um etwas ganz Anderes:

I found no one who could understand the origins of this sadism; especially as many „honour“ crimes – particularly among Palestinians – appeared to be provoked by arguments over money and inheritance. The Mediterranean sloshes away outside the Gaza coffee house where Naima al-Rawagh and I meet. She oversees what she calls the Women’s Empowerment Programme, a petite woman in a scarf who speaks polished English. „From my experience, it’s not a religious issue, it’s a cultural one,“ she says. Like „tribal“, I’m getting a bit tired of hearing about „culture“ in this context. Why not build a heritage trail between the sites of famous „honour“ killings? But Naima brings me up short.

Schon klar – die Rede ist hier von Gaza und Palästinensern. Scheint mir ja sehr gelegen zu kommen, was? Aber zur Abwechslung geht es mir nicht (nur) um die Palästinenser, sondern um die Art und Weise, wie „wir“ mit „unseren“ Befindlichkeiten mit Gewalt im Nahen Osten umgehen und diese bewerten.

Es ist immer von einer linksliberalen Meinungshoheit in unserem Lande die Rede. Wenn das stimmen würde, hätte ein Sarrazin keinerlei Chance, mit seinen als Thesen verkleideten Ressentiments auch nur angehört zu werden, ohne dass man ihn auslachte. Alice Schwarzer und Henryk M. Broder, Ralph Giordano und Necla Kelek hätten keine Chance mit dem von ihnen betriebenen Extremismus der Mitte. „Politisch unkorrekt“ wäre vielleicht kein Euphemismus für Rassismus der respektierten Leute.  Theo Van Gogh stünde nicht da wie ein Märtyrer, sondern würde als das betrachtet, was er wirklich war: ein Mensch, der sich verrannt hat, ermordet von einem gewöhnlichen Kriminellen. Westergaart bekäme keinen Preis für Pressefreiheit.“Migrationshintergrund“ wäre im wahrsten Sinne des Wortes ein Fremdwort.

Vom Konjunktiv zum Indikativ – denn die Realität sieht anders aus: Nicht nur genießen die genannten Autoren und Akteure relativ hohes Ansehen. Nicht nur bleiben jene Vertreter von Feuilleton und veröffentlichter Meinung diskursmäßig unbehelligt, wenn sie diese Namen mit den höchsten Weihen ausstatten und sie als mutige Kämpfer und engagierte Stimmen der Vernunft hochleben lassen. Nicht nur der Perlentaucher, die FAZ, Springer, Stern und Bild sind schuld…

Weil ich mich selbst nicht ausnehmen will von Kritik,  komme ich auf meine „lockere“ Unterhaltung zurück, die ich oben kurz erwähnte. Was hätte ich im Nachhinein nicht alles anders gemacht! Aber: Ich begab mich willentlich, ja willig, in die kulturalistische Ecke, als ich einerseits kritisierte, wie es heute üblich geworden sei, „den“ Islam zu kritisieren, ohne auch nur kurz die Humanität im Blick zu haben, und andererseits mich auf sehr dünnes Eis begab und „unser“ „christliches Abendland“ samt und sonders als „auch nicht besser“ verdammte. Wie hatte Hilal Sezgin es unlängst brillant ausgedrückt: „Identität ist eine Schablone, die man Menschen aufdrückt, mit denen man sich nicht von Mensch zu Mensch unterhalten will.“ Doch das war mir schnurz. Ich wollte „den“ Islam verteidigen.

Erste Diagnose: Dumm gelaufen, dumm gesprochen. Zweite Diagnose: Sarrazin hat gewonnen.

Nachtrag: Ich begann, an diesem Beitrag gestern um ca. 17. 30 Uhr zu basteln. Ein etwaiges Bedürfnis, mich hiervon abzulenken, bestand in keiner Weise. Ich betone: In keiner Weise!

6 Gedanken zu “Über Solidarität, dummes Gesprächsverhalten, Ehrenmorde und Diskurshoheit

  1. Das mit der Übersetzung des Blankfort-Artikels habe ich nicht vergessen. In letzter Zeit bin ich einfach sehr beschäftigt.

    Übrigens, was die Tötungen der vier Siedler betrifft, ist nicht einmal klar, ob das Wort ‚Mord‘ der juristisch richtige Ausdruck wäre, denn ob schwerbewaffnete, paramilitärisch organisierte illegale Siedler, die in enger Abstimmung mit den israelischen Streitkräften (die ihre Straf- und Vergeltungsfreiheit mit Gewalt garantieren) Terroranschläge und Pogrome (O-Ton Ehud Barak über einen solchen Anschlag, der mal von den internationalen Medien NICHT ignoriert wurde) an möglichst hilflosen Palästinenser (kleine Mädchen und alte Hirte sind ihr Tätigkeitsschwerpunkt) verüben, nach den allgemeingültigen Bestimmungen der Genfer Abkommen als Zivilpersonen überhaupt gelten können. Ich arbeite gerade an einem Artikel über die juristische Qualifikation der paramilitärischen Siedler.

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  2. @Mondoprinte:
    1. Ich würde die Tötung der vier israelischen Siedler Mord nennen, unabhängig davon, was irgendwelche rechtlichen Texte dazu sagen – es sei denn, es geht um eine juristische Diskussion, in der wir uns aber selten bewegen. Ich würde auch immer zwischen Recht und Moral unterscheiden. Moralisch ist die Ermordung von Unbewaffneten Menschen zunächst einmal zu verurteilen.
    2. Ich stimme zu, dass wir uns nicht schützend vor Straftaten derer stellen dürfen, mit denen wir sympathisieren. Im Prinzip ist Sympathie auch der falsche Begriff, denn Sympathie ist emotional und muss – um rational zu sein – mit Gerechtigkeit in Verbindung bleiben. Die Rechtfertigung eines Mordes durch einen mir sympathischen Menschen bedeutet, dass ich nicht gerecht war. Der Prophet Muhammad – und ich argumentiere hier natürlich als Muslim – legte den alten (und ungerechten) Spruch aus „Steh deinem Bruder bei, sei er der Ungerechte oder der ungerecht behandelte.“ im Sinne eines Beistands, der dem Ungerechten stets Einhalt gebietet, auch wenn das bedeutet, deinem „Bruder“ Einhalt zu gebieten.
    Mehr verlange ich ja auch nicht von einem Pro-Israeli: Man kann ja gerne mit Israel sympathisieren und man kann Freunde dort leben haben und und und. Aber wenn es darum geht, Gerechtigkeit auszuüben, dann muss man einsehen, dass Israel im Umgang mit den Palästinensern nicht gerecht handelt – also zu verurteilen und Einhalt geboten gehört.
    3. Das stimmt natürlich genauso für das Verbergen von Straftaten der Leute, mit denen ich sympathisiere. Dementsprechend kann es nicht sein, dass man etwa Ehrenmorde (o.A.) willentlich verbirgt, um die Menschen besser darzustellen. Auf der anderen Seite muss man sich bewusst sein, dass durch die Berichterstattung nicht selten auch eine Diffamierung stattfinden soll. Dementsprechend kann ich es verstehen, tu ich auch manchmal, wenn man durch Vergleiche anderer Straftaten aufzeigt, dass diese Morde unter Arabern etwa nichts Besonderes, Araber dementsprechend keine andersartigen Menschen sind. Derzeit glauben viele Menschen (in Europa), dass Araber besonders gewalttätig, besonders wenig tolerant und besonders frauenfeindlich sind. Das stimmt nicht (vor allem aber das Gewalttätige stimmt nicht) und sollte deshalb herausgearbeitet werden.
    4. Zuletzt muss man untrscheiden, wo die Berichterstattung stattfindet und was man sich von ihr erhofft: Während die Berichterstattung in Ägypten etwa über sexuelle Belästigung auf der Straße sinnvoll erscheint, da sie eine konstruktive Debatte im entsprechenden Land – also da, wo das Problem zu lösen ist – auslösen kann, ist dieselbe intensive Berichterstattung in Deutschland vollkommen unsinnig, da es lediglich von den eigenen Problemen ablenkt.

    So, jetzt muss ich los…

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    1. @ Omar
      In aller Kürze – Dein Kommentar atmet jene Humanität, die ich sehr oft, allzu oft bei der Analyse bzw. der Berichterstattung von Ereignissen und Entwicklungen in Israel-Palästina schmerzlichst fehlt. Vielleicht liegt hier die wahre Rolle von Glauben: Immer wieder an die Humanität des jeweils Anderen zu erinnern.

      @ Elise
      Danke für Deinen Hinweis – und siehe da: Dein Artikel, scheint mir, ist ja schon längst (stimmt’s?) fertig! Respekt!

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  3. „Der Prophet Muhammad – und ich argumentiere hier natürlich als Muslim – legte den alten (und ungerechten) Spruch aus „Steh deinem Bruder bei, sei er der Ungerechte oder der ungerecht behandelte.“ im Sinne eines Beistands, der dem Ungerechten stets Einhalt gebietet, auch wenn das bedeutet, deinem „Bruder“ Einhalt zu gebieten.“

    Das ist spannend, alles, was Omar schreibt, weil es zum einen hervor hebt, daß „Recht“, „Moral“, „Religion“ und „Kultur“ einfach je unterschiedlichen Rationalitäten darstellen; um Sachverhalte in diesem ganzen Getöse und Gedröhne insbesondere in dem Gegeneinanderausspielen von „westliche Werte“ gegen „vormodernen Islam“ (eine Oppositionsbildung, die ich für Blödsinn halte) überhaupt sinnvoll diskutieren zu können, muß man die Ebenen einfach auseinander halten, weil eine Vermengung fatal ist. Und in dem, was Omar über Muhammed schreibt, steckt ja der Kategorische Imperativ mit drin, eben eine Abstraktion von Individualinteressen im Sinne eines rational reflektierten Grundsatzes formaler Gleichheit, der auch die Begründung der Menschen- und Grundrechte folgt und der selbst weder kulturell noch religiös, sondern vernünftig ist. Was sehne ich mich immer nach solchen Beispielen in den Diskussionen! Identitätsfragen spielen da auch allenfalls sekundär eine Rolle. Da aber eine große.

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    1. Und auf dieser Ebene – von Omar beschritten und von Dir auf den Kategorischen Imperativ gleichsam übertragen – ist Gespräch möglich.
      Vor einiger Zeit schriebst Du mir ins Stammbuch, dass Bloggen den Austausch von unterschiedlichen Standpunkten ermögliche – Austausch auch in jenem Sinne, vorhandene Differenzen auch mal stehen lassen zu können -, die Posts in diesem Thread zeigen, dass es möglich ist, aus verschiedenen Richtungen kommend, zu einer Übereinkunft zu kommen.
      Ich kann Dir gar nicht sagen, wie beglückt ich mich fühle.

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  4. Natürlich muss Kritik erlaubt sein. Der Mord an den Siedlern war ein eben solcher und ist zu verurteilen. Gewalt an Zivilisten ist immer zu verurteilen.
    Und was Sarrazin angeht muss ich natürlich auch zugeben, dass er neben all dem Unfug auch existierende Probleme anspricht. Das haben andere vor ihm aber auch getan; ganz ohne seinen Genetikmist.

    Bei Robert Fisk muss man jedoch ebenfalls etwas vorsichtig sein. Er ist ein Jumblatt und Hariri Groupie, der außerdem kein Arabisch spricht was es durchaus erschwert komplexe politische Analysen der arabischen Welt zu liefern. Das hat schon zu den ein oder anderen Missinterpretationen seinerseits geführt.
    Es gibt sicher schlechtere Journalisten aber eben auch bessere.

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