Abdallah Abu Rahma

Doch doch, Grossman ist groß. Kaum einen Preis, den ich ihm nicht gönnen würde. Dass ich beim Friedenspreis des Deutschen Buchhandels so meine Probleme kriege, liegt weniger am Preisträger, Grossman, sondern eher an den Auslobenden und am Laudator.

Abdallah Abu Rahma
Abdallah Abu Rahma

Ausgezeichnet wird David Grossman vom Deutschen Buchhandel, jener Branche also, die mit dazu beigetragen hat, dass sich Deutschland nicht so sehr abschaltet, sondern neuerdings auf alten Pfaden wandelt. Wie schon gesagt: Kulturalismus is the new Rassismus, weil König Kunde nicht anders kann und will. Kaum eine Buchhandlung, wo Sarrazins opus magnum nicht an prominentester Stelle zu finden ist – gleich neben der Kasse!

Im Namen dieses Buchhandels belobigt der frühere Bundespräsidentschaftskandidat Gauck, dessen Konterfei im Wörterbuch der am meisten ausgelatschten Phrasen zweifelsohne unter der Überschrift „Patriotismus, kritischer“ zu finden sein würde, David Grossman für dessen kritischen Patriotismus:

Loyalität und Kritik sind keine Gegensätze, recht verstandene Loyalität und Kritik bedingen einander.

Jeder, dem bei der letzten Autowäsche der Aufkleber „Support Our Troops“ oder „Schwarz Rot Geil“ durchs Rost geriet, hat nun einen neuen Slogan. Und sicher auch mit Blick auf das Schicksal von Grossmans Sohn, der 2006 beim letzten größeren „kriegerischen Einsatz“ Israels im Libanon ums Leben kam, aber auch den Prämierten als Gesamtgestalt im Blick, hat Gauck sicher nicht unrecht mit diesen Worten:

Und so steht nun, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, ein Mann vor uns, dessen pure Existenz unserer ewigen Sorge, ob Leben gelingen kann, eine Antwort gibt. Darum macht uns die Begegnung auch glücklich. Denn indem wir diesem so besonderen Menschen begegnen, vermögen wir zu glauben, wozu auch wir fähig sind: Menschen sind nicht dazu verurteilt, Opfer ihrer Umstände zu sein. Menschen haben eine Wahl. Menschen können sich selbst noch angesichts von Willkür und Diktatur eine Bewegungsfreiheit schaffen.

Damit kein falscher Eindruck entstehe: Der Laudator hat absolut recht mit all dem, was er sagt – so ausgelatscht und wohlfeil sich das alles lesen mag. Grossman ist hochzupreisen. Was mir Bauchschmerzen verursacht, ist die auslobende Interessenvereinigung deutscher Sarrazinbuch-Verkäufer, denen Grossman als Romancier, Essayist und Journalist möglicherweise egaler nicht sein könnte. Was mir Unbehagen bereitet, ist der Eindruck, dass David Grossman den selben Weg zu gehen genötigt ist wie Amos Oz: Als Lorbeerblatt für die je eigene Gesinnung.

Oz und Grossman – ich bin mir sicher, die folgende Neuigkeit ließe sie, so sie es nicht ohnehin schon getan hat, aufhorchen: Es geht um den Palästinenser Addallah Abu Rahma, Organisator und Verfechter eines entschiedenermaßen gewaltlosen Protests gegen die israelische Apartheidmauer in seinem Dorf Bil’in, Westbank:

Abdallah Abu Rahmah was sentenced today to 12 months in prison, plus 6 months suspended sentence for 3 years and a fine of 5,000 NIS. In the sentencing, the judge cited the non-implementation of an Israeli High Court ruling which declared the current route of the wall on Bil’in’s land illegal as a mitigating factor.

Abdallah Abu Rahman, ein weiterer „besonderer Mensch“, der „sich selbst noch angesichts von Willkür und Diktatur eine Bewegungsfreiheit“ schaffte, und anderen gleich mit, und der sich nicht dazu verurteilen ließ, „Opfer“ seiner „Umstände“ zu werden. Und nun? Verurteilt nichtsdestotrotz. Grossman ist nicht anzulasten, dass man über Abu Rahman hierzulande nichts erfährt, sondern dass, im Gegenteil, der Chor jener, die immer wieder Krokodilstränen darüber vergießen, dass es auf palästinensischer Seite einfach niemanden gebe, der zum Frieden und zu Gewaltlosigkeit bereit sei. Gemeint ist jene Intelligenz-Kamarilla, die Grossman und Oz benutzt, um das Klima, das sie mit erzeugt, mit der nötigen Noblesse zu bemänteln.

Doch seien wir nicht ungerecht: Abu Rahman hat nach heutigem Kenntnisstand halt noch nie ein Buch geschrieben.

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