Leitkulturalismus und das übliche Geschwätz – letzte Worte von mir

Auf Ad Sinistram findet sich wieder einmal ein durch und durch zu denken gebender Aufsatz zum Gerede vom jüdisch-christlichen Abendland. Ich fühle mich durch die Aussage, Orient und Okzident seien nicht mehr zu trennen, fast völlig bestätigt, und dieser mein erster Post nach längerer Abwesenheit (PC-Problem und Kurzurlaub auf Juist) soll als Nachtrag zur auch hier geführten Diskussion um die sog. „christlich-jüdische Leitkultur“ verstanden werden.

De Lapuente schreibt, auf Aussagen hiesiger Kulturkämpfer und Leitkulturalisten reagierend:

Jüdisch-christliche Tradition mache die deutsche Leitkultur aus, heißt es allenthalben. Der Islam habe hier keine Tradition – dass aber der Islam jüdische und christliche Wurzeln besitzt, ist kein Sujet für dieserlei Debatte. Denn als logische Konklusion könnte stehen: wenn der Islam schon nicht zur deutschen Tradition gehöre, die ja durch jüdisch-christliches Erbe beseelt ist, so ist er doch zumindest aus demselben Erbe entsprungen. Es würde den unendlichen Summen äußerer Monologe, die man optimistisch öffentlicher Dialog oder Diskurs tauft, aber großer Sprengkraft berauben, wenn man nachschöbe, dass Muhammad ein großer Anhänger des jüdischen und christlichen Monotheismus war.

Zumal:

Was jedoch interessiert ist, dass die deutsche Leitkultur für sich in Anspruch nimmt, christlichen und jüdischen Ursprung in sich zu tragen – ein Anspruch, den man dem Islam nicht absegnen mag. Anstelle von Besonnenheit, verlautbaren besonders besorgte Deutschtümler in allerlei Magazinen ihr makaberes Arsenal an Unbildung, erzählen dort von der Havarie, die diese Gesellschaft erleiden wird bei diesem Ausmaß an Überfremdung. Fürwahr ein seltsamer Satz, mit eigenartigen Worten: denn verlauten kommt von Laute, was wiederum vom Arabischen al-‚ud, das Holz stammt; Magazin vom Arabischen machzan, bebilderte Schrift; makaber von maqābir, die Gräber; Arsenal von dār as-sināʿa, für Fabrik oder Werft; Havarie von awārīya, beschädigte Ware. Menschen, die solcherlei Sätze fabrizieren, sprechen hierzulande auch gerne von den Gesellschaftsschichten, die angeblich nur Alkohol söffen, täglich zu lange an der Matratze horchten, um dann auch noch horrende Sozialtarife zu fordern, obwohl die Sozialhilfesätze bis auf die letzte Ziffer hinterm Komma gewissenhaft quergerechnet wurden. Sonderbare Worte erneut: Alkohol von al-kuhl, die Essenz; Matratze von matrah, das Bodenkissen; Tarif von ta´rifa, die Bekanntmachung; Ziffer von as-sifr, die Null.

Warum ich mich mit der Behauptung einer faktischen Untrennbarkeit zwischen Orient und Okzident aber nur fast, aber nicht gänzlich anfreunden kann: Es gibt sie ja in der Tat, diese Schneise, diese Kluft. Meine dicke Tante E. aus M. sagte neulich: „Die Palästinenser sind mir zu wild, aber sie müssen ja auch leben.“
Jedenfalls halte ich es nicht für einen Zufall, dass es sich bei vielen der in diesem Lande besonders lautstark sich zu Wort meldenden Leitkulturalisten und Kulturkämpfer um selbsternannte beste Freunde Israels handelt- Alice Schwarzer lassen wir hier außen vor: Sie mag weder Juden noch Muslime… De Lapuente  drückt es sehr schön aus: Es gibt da eine Ansammlung an äußeren Monologen, „die man optimistisch öffentlicher Dialog oder Diskurs tauft“. Gerade in Bezug auf Israel-Palästina will die Reihe von vermeintlichen Diskussionsbeiträgen, bei denen es sich in Wirklichkeit um Glaubensbekundungen und Treueschwüre handelt, kein Ende nehmen.

Religion als Begriff meint auch Unterbrechung. In Bezug auf Israel pflegen viele ein viel zu religiöses Denken und Fühlen. Die Folge: die Entstehung eines Risses, die Unterbrechung rationalen Denkens und Handelns. So areligiös sind wir, die großen Israelfreunde und Israelkritiker, geworden, dass wir dies nicht einmal merken. Entsprechend reflexhaft empört, ja politkommissarisch korrekt, reagieren wir auf Kritiker dieses unseres Kultes. So antireligiös sind wir, die großen Säkularisten und Laizisten, dass wir beispielsweise eine Iris Hefez zu jenem Teufel wünschen, an den wir uns eigentlich nicht zu glauben getrauen – eine weitere Variante dessen, was La Puente als die „atheistische Überheblichkeit“ bezeichnet:

Manchmal bin ich also auf Atheisten wütend. Sie frönen jener Ausschließlichkeit für ihr Es gibt keinen Gott!, die sie ansonsten bei den religiösen Zeloten verteufeln. Sie werden zu Missionaren ihres fast schon religiös betriebenen Nicht-Glaubens. Sie ergötzen sich an der Verbreitung ihrer Weltanschauung! Wo die einen jedermann ihren Gott überstülpen wollen, überschütten die anderen alle mit ihrem Nicht-Gott, ihrem Es gibt keinen Gott. Nicht dass ihnen das Glauben schwerfiele, die Rechtfertigung ihres atheistischen Weltbildes klingt oft banal, sie verurteilen in einstudierten Floskeln Kirche und Glaubenskriege und befürwortet einen freien Sonntagvormittag – man glaubt nicht, weil es bequemer ist, weil man keine Lust dazu hat, etwas tiefer in das natürliche menschliche Bedürfnis nach Glauben hineinzuschnuppern, in die Vereinbarkeit der conditio humana mit der Transzendenz.

Wer es hierzulande in Nullkommanix die Pole Position auf der Liste der uncoolen, weil moralisch minderwertigen, Unpersonen einzunehmen trachtet, lasse sich von einem mit allen Wassern medial goutierter Charakterzerstörungsmechanismen gewaschenen „Gesprächspartner“ als pädophiler Antisemit in die Enge treiben. Zum Thema Kinderficker finden sich ja bei Hartmut z.T. erschreckend erhellende Einsichten. Und wer in einem Atemzug mit Hitler und Himmler genannt werden will, der mache einfach den Fehler und befasse sich ernsthaft mit den Anwürfen, die nicht nur aus Liza’s Welt  oder von Entebbe her schallen – z.B. dass wer israelische Siedlungen geräumt sehen möchte, doch nur seine eigenen Ausmerzungsfantastereien gegen Juden verbalisiere.

Ich behaupte, dass Positionen, wie sie in den zahlreichen, ja zahllosen, israelfanatischen und um den Iran ja so ernstlich besorgten Blogs und Webforen vertreten werden, inhaltlich näher mit jenem Konsens, wie er von SpOn, Springer und Glotze vorgegaukelt wird, verwandt sind, als etwa Versuche von Teilen der christlich bewegten Friedensbewegung Pax Christi, das Konzept einer Doppelten Solidarität inhaltlich und praktisch mit Leben zu füllen – jenseits von entweder oder. Die Rede ist hier von der von mir wahrgenommenen faktischen Situation, nicht von irgendwelchen offiziellen Verlautbarungen, die sich hinter dem Begriff internationaler Konsens verbergen – einem Konsens, der, wenn er beim Wort genommen wird, auch nur Antisemitismusvorwürfe nach sich zieht, wie man etwa im Fall von Norman Finkelstein sieht. Dieser lässt sich bekanntlich momentan im Kino als American Radical bewundern, vertritt aber auch nichts Anderes als das, was die sog. internationale Staatengemeinschaft iin Bezug auf Israel-Palästina als oberste Devise ausgegegeben hat: Zwei Staaten! Das Problem ist nur: Finkelstein meint es ernst.

All jene, die sich in strategischer Partnerschaft zwischen Juden und Christen zur Behauptung eines nur von ihnen repräsentierten Abendlandes üben, bereiten mir Übelkeit, erstens weil sich hinter ihren Überlegungen nichts Anderes verbirgt als Kulturalismus und Neokolonialismus, zweitens weil sie die jahrhundertelange Judenfeindschaft breitester Teile in Kirche und Christenheit instrumentalisieren: Juden mussten leiden, damit ihre Nachkommen sich von den Kindern und Kindeskindern eingeschworener Antijudaisten und Antisemiten eilferitg ins abendländische Boot zerren lassen durften. Stellvertretendes Leiden de luxe. Und solange dieser Luxus als solcher nicht erkannt wird und der Staat Israel als Befindlichkeitsmülldemponie benutzt werden darf, solange wird sich nichts ändern – nichts an der Berichterstattung aus Nahost, nichts an der Substanz hierzulande goutierter Befindlichkeiten vis a vis Israel-Palästina, nichts an hiesiger Nahostpolitik – nichts in Israel-Palästina selbst.

Das Geschwätz vom jüdisch-christlichen Abendland ist nichts als eine Nebelkerze. Eine unter diesen Bedingungen praktizierte Israelsolidarität auch. Ein Staat, der sich auf solcherlei Freundschaften allein verlässt, ebenfalls.

Ein Gedanke zu “Leitkulturalismus und das übliche Geschwätz – letzte Worte von mir

  1. Das Gute an den von Ihnen so billig kritisierten Leitkultur-Verfechtern ist aber, dass sie, im Gegensatz zu ihnen, Israel nicht vernichtet sehen wollen. Nachdem ich Ihren Text gelesen habe, komme ich bei Ihnen zu keinem anderen Schluss. Israel ist und bleibt bedroht – von Hamas und Hisbolla, von Achmadinschad und Leuten wie Ihnen, die zum Israelhass aufrufen.

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