Alfred Grosser: „Auschwitz ist die Grundlage dafür, dass man an den anderen denkt“

Ist es Erleichterung oder doch eher Enttäuschung, die den hiesigen Blätterwald hat rauschen lassen: Alfred Grossers Frankfurter Paulskirchen-Rede am 9.11. hat zu keinem Eklat geführt. Dabei hat Alfred Grosser keinesfalls gekniffen, wie die Zeit zu berichten weiß, und auch dies den anwesenden Kultur(alismus)-Schaffenden ins Stammbuch geschrieben:

»Nun komme ich zum Brenzligen«, sagt Grosser und spricht über Horst Köhlers Rede vor der Knesset im Jahr 2005. Köhler habe von der Würde des Menschen gesprochen, die unantastbar sei. »Ich habe damals gedacht, Köhler rede über die Palästinenser, die auch Menschen sind«, aber sie habe er gar nicht gemeint. »Unsere Werte sind Werte für alle, und sie gelten für alle«, sagt Grosser. Wie könne man von einem Palästinenser verlangen, »dass er die Schrecken der Attentate versteht, wenn man nicht ein großes Mitgefühl hat, um die Leiden im Gaza-Streifen zu verstehen«? An den anderen zu denken, diene dem Frieden. »Auschwitz ist die Grundlage dafür, dass man an den anderen denkt«, spannt er den Bogen von der Vergangenheit in die Gegenwart.

Um nichts Anderes geht es. Um gar nichts Anderes. Nicht um die Frage, wer was sagen darf, hat es zu gehen – gerade nicht nach Auschwitz. Das Leid des Anderen, darin besteht die eigentliche Herausforderung. Die Art und Weise, wie breite Teile der hiesigen Meinungsmacher mit dem Juden Alfred Grosser umgegangen ist  – das  ist nicht einmal mehr beschämend. Hinter Israelsolidarität verschanzen sich immer häufiger Rassisten, Kulturkrieger und Abendlandverteidiger, denen der Blick auf den Anderen nicht schwerer fallen könnte. Alfred Grossers Worte waren überfällig. Und so verstehe ich die Einlassungen Micha Brumliks nicht.

Wohlgemerkt: Mir geht es bei meiner Parteinahme für Grosser nicht so sehr darum, etwa einem nicht-zionistischen Philosemitismus das Wort zu reden. Auch will ich Juden nicht in der ewigen Opfer-Rolle sehen. Aber vor 72 Jahren ereignete sich nun einmal einmal ein fulminanter Akt an Gewalt gegen jüdische Menschen durch die Hand nichtjüdischer Deutscher. Das ist so. Ich stimme im Übrigen nicht mit Avraham Burg überein, der vor einem Jahr mit seinem Buch Hitler besiegen reüssierte, worin er forderte, wir, die wir uns Sorgen machen um Israel (und Palästina), sollten die Shoa vergessen. Ich bin ganz der Meinung Marc H. Ellis, der es auf den Punkt bringt:

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die meinen, der Zionismus habe Judentum und Judenheit unterwandert oder dass der Holocaust, als wäre er lediglich irgendein Trauma, vorüber sei.  Es bestehen gute Gründe für ein Fortbestehen eines Zionismus und für eine immer tiefere Beschäftigung mit dem Trauma des Holocaust. Die Oberflächlichkeit, mit der diese Themen verhandelt werden, ist oft kaum zu fassen. Wir müssen viel tiefer gehen, viel tiefer.

Und noch etwas: Der Versuchung, Mitglieder des Zentralrates der Juden über gebühr zu kritisieren, habe auch ich ein ums andere Mal nachgegeben. Aber hat es ein Dieter Graumann wirklich nötig, im oben verlinkten Zeit-Artikel Zeilen wie die folgenden über sich lesen zu müssen:

Alfred Grosser hat mit seiner Rede gehalten, was er vorher versprochen hat: zehn Minuten zu Israel und einen »Vortrag über die Vergangenheit, die positiv verwandelt werden soll, in Mitverantwortung für die Zukunft«. Der Saal schenkt ihm lauten Applaus. In der ersten Reihe klatschen Petra Roth und auch Salomon Korn, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt und Grosser-Kritiker. Als Graumanns Ehefrau das sieht, stupst sie ihren Mann in die Seite und deutet Richtung Korn. Nun applaudiert auch Graumann.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s