Israelische Geschichtspolitik

Dem Denken eines Marc H. Ellis in diesem Punkt nicht unähnlich, erkennt Alfred Grosser, so hat er am 9.11. deutlich gemacht, im Erkennen fremden Leids – und welches Leid könnte fremder sein als das der Palästinenser, wäre man mit Blick auf hiesige Geschichts- und Erinnerungspolitik versucht zu sagen – eine der größten Herausforderungen für Juden und Christen nach Auschwitz. Schmok hat nicht unrecht, wenn er die Bedeutung des Auftritts Grossers in Frankfurt folgendermaßen einordnet:

Und wenn ich mir die Rede Grossers so ansehe, hat der Druck auf ihn sicherlich auch seine Auswirkungen hinterlassen. Ohne die Drohungen von Korn und Kramer wäre sie vielleicht doch heftiger ausgefallen. Aber Grosser hat hier ausserordentlich besonnen reagiert. Dennoch: alles in allem war dies ein großer Sieg für Grosser und jeden innerhalb und ausserhalb der Gemeinden, der nicht einverstanden ist mit der Politik des Zentralrates in Bezug auf Israel. Die Öffentlichkeit hat zumindest für einen kurzen Moment eine anderes jüdisches Gesicht gesehen, als das vom Zentralrat präsentierte kritiklose Solidarisieren mit Israel.

Wie es um die Rezeption auf der „anderen“ Seite bestellt ist, darüber gibt der Beitrag von Andreas Moser – er hat in diesem Blog ja an reichlich seltsamen Stellen Werbung für seinen Beitrag betrieben – beredt und möglicherweise repräsentativ Auskunft. Erstens, wer am Tag der Erinnerung an die Reichspogromnacht Israel kritisiert bzw. an das Unrecht, das Palästinensern widerfährt, erinnert, setzt Israel und Nazi-Deutschland gleich. Zweitens, Palästinenser leiden doch gar nicht, ihnen geht es unter israelischer Herrschaft besser als allen anderen Arabern. Drittens: Ein Mensch ist als Individuum nichts wert. Sein Wert ist nur zu bemessen an den Leistungen von Repräsentanten des Kollektivs, zu welchem er sich zählen mag – oder auch nicht, und sei es, besagte Anführer sind längst tot. Mit anderen Worten: Die Palästinenser hatten Hadj Amin al Husseini, und der hat sich mit Hitler verbündet, ergo: Palästinenser sind samt und sonders, bis heute und für immerdar, nicht berechtigt, auch nur den Mund aufzutun, wenn Israel in sattsam bekannter Weise Herrschaft ausübt über sie. Was für ein kaltblütiger und doch auch vor Angst schlotternder, in der Zwangsjacke eigener Befindlichkeiten schier platzender, Nonsens.

Überhaupt:  Geschichtspolitik. Wer nicht aufpasst, bekommt es mit dem Zorn des offiziellen Israel zu tun. Sei es, wenn Alfred Grosser von – kein Witz! – diplomatischer Seite aus als sich selbst hassenden Juden beschimpft, sei es, wenn die israelische Armee gegen eine palästinensische Grundschule in Hebron vorgeht, weil diese das Gedenken an Yassir Arafat einfach nicht unterlassen mag.

Wie sprach Adorno in seiner berühmten Radiorede „Erziehung nach Auschwitz“:

Die Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen Gestalt – und wohl seit Jahrtausenden – beruht nicht, wie seit Aristoteles ideologisch unterstellt wurde, auf Anziehung, auf Attraktion, sondern auf der Verfolgung des je eigenen Interesses gegen die Interessen aller anderen. Das hat im Charakter der Menschen bis in ihr Innerstes hinein sich niedergeschlagen. Was dem widerspricht, der Herdentrieb der so genannten lonely crowd, der einsamen Menge, ist eine Reaktion darauf, ein Sich-Zusammenrotten von Erkalteten, die die eigene Kälte nicht ertragen, aber auch nicht sie ändern können.

So ist das eben – wenn die Diskurshoheit in Gefahr zu geraten scheint und all die schönen Worte der Adornos, Hannah Arendts und Walter Benjamins nicht folkloristisch und erbaulich – als Ausweis unbedingter Verlässlichlichkeit und bedingungslosem Gehorsam gegenüber der ausgegebenen Losung – verwandt und missbraucht werden von Sonntagsrednernals Deckel überm Morast, kommt ebendieser zum Vorschein.

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