„Verstandortung“

Hurra, ich habe ein Wort erfunden – oder stimmt das gar nicht? „Verstandortung“? Egal, ich fange mal anders an:
Ich fand einen äußerst lesenswerten, autobiographisch angehauchten Artikel über Nahost-Berichterstattung von dem britischen Journalisten Jonathan Cook, der seine Beiträge seit Jahren von Nazareth aus schreibt. Gleich am Anfang finde ich mich als Leser gut verstanden:

In the mid-1990s, I arrived in Jerusalem for the first time–then as a tourist–with the potent Western myth at the front of my consciousness: that of Israel as “a light unto the nations,” the plucky underdog facing a menacing Arab world. A series of later professional shocks as a freelance journalist reporting on Israel would shatter those assumptions.

Ging mir genauso! Als ich 1996 nach Israel kam, hatte ich als deutscher Israelfreund sogar Vorbehalte gegen palästinensische Taxifahrer. Der erste Israeli, den ich substantiell kritisierte, war ein Fremdenführer, der uns (Kolpingjugend) nach dem Besuch von Yad Vashem auf ein Bier einladen wollte. Erstens, zeigte er nicht genügend Pietät und war augenscheinlich unserer Betroffenheit, ja wohlfeilen Erschütterung gegenüber, nicht sensibel genug eingestellt. Zweitens, war es gerade mal 15.30 Uhr. Jeder weiß doch: Kein Bier vor vier, respektive, 6 Uhr abends.
Heute schreibt Cook Bücher über die Israel Lobby und wie Israel den Kampf der Kulturen ausnutzt – vielleicht sogar befeuert. Zuweilen begibt er sich dabei auf schlüpfriges Terrain , und dem ansonsten geneigten Leser bleibt der Eindruck: Hier will jemand frühere Haltungen korrigieren. Wäre Cook Deutscher – ich wäre versucht, einen Satz mit „Buße tun“ über ihn zu schreiben.
Wir sind alle nur Menschen. Und dennoch: Dass gegenwärtige Haltungen oft mindestens genausoviel mit Kompensation von- nach eigenen Begriffen – falschen Annahmen der Vergangenheit zu tun haben wie mit ihrer inhaltlichen Substanz – diese Idee greift auch Moshe Zuckermann in seinem Gespräch mit dem Hintergrund auf. Er geht mit einigen Bedenkenträgern in der hiesigen Debattenlandschaft hart ins Gericht. Besonders drastisch seine -von der ihn interviewenden Susann Witt-Stahl initiierten – Mutmaßungen über Annetta Kahana, antiantisemitische Antirassistin mit mutmaßlich sozialistischer Einheits-Vergangenheit:

H.: Beispielsweise die Leiterin der Amadeu Antonio Stiftung, die sich die Bekämpfung von Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus auf die Fahnen geschrieben hat, aber auch Bündnisse unter Titeln wie „Freiheit statt islamische Republik“ – wohl nicht rein zufällig eine Anlehnung an die alte Dregger-Parole – mit „antideutschen“ und anderen bellizistischen Neocons eingeht, meint: „Derzeit wird oft behauptet, die Islamophobie hätte den Antisemitismus abgelöst. Das halte ich für reine Polemik.“ Eher im Gegenteil: Durch den 11. September, so die Stiftungsleiterin weiter, sei der in der DDR kodierte Antisemitismus unter ihren ehemaligen Bürgern offen zur Entfaltung gekommen: „Gerade dieser Anschlag in New York hat den Ostdeutschen suggeriert, dass es nicht alles falsch war, was sie im Staatsbürgerkundeunterricht über die bösen Zionisten, die bösen Amerikaner und überhaupt die Ursachen aller Probleme auf der Welt gelernt haben.“

M.Z.[Moshe Zuckermann]: Ich bitte Sie, wozu sich überhaupt damit befassen, was die Leiterin der Amadeu Antonio Stiftung unbeschwert in die Welt setzt? Ich weiß nicht, wer diese Frau ist. Aber wenn ich dem folge, was Sie von ihr berichten, habe ich das Gefühl, es handelt sich um eine ehemals stramme SED-Anhängerin, vielleicht sogar noch mehr, die heute versucht, ihre Vergangenheit so zurechtzurichten, dass sie mit der Ideologie des gerade in Deutschland wehenden Zeitgeistes vereinbar ist. Ich könnte mir denken, sie war selbst mal eine dezidierte Antizionistin, die jetzt versucht, ihre „Jugendsünden“ wiedergutzumachen. Das sei ihr auch psychologisch zugestanden – ich weiß nur nie, warum diese Leute immer meinen, ihre lebensgeschichtlichen Defizite und die damit einhergehenden „Reuen“ in allgemeine Kategorien fassen und durch hanebüchene Ideologien kompensieren zu sollen. Bitte sehen Sie mir nach, dass ich nicht meine, mich mit den Auslassungen der Leiterin der Amadeu Antonio Stiftung befassen zu müssen.

Ein weiterer Grund, warum die gesellschaftlich goutierte Erinnerung an die Shoa und der Kampf gegen Judenhass einen so widerlich heruntergekommenen Eindruck (ich sag nur: Finkelstein bei blogsport.de) macht: Auf dem Rücken der Ermordeten wird Karriere gemacht. Die Opfer werden wieder zu Opfern. Solidarität fungiert als Ticket, sich dem jeweils herrschenden Trend anzudienen. Religiös gewendet: Die Opfer werden wieder geopfert, damit „wir als Deutsche“ gut werden können. Entweder an der Seite der Juden, d.h. israelische Juden, die weit weg von uns leben und die Wüste grün machen. Oder aber als geläuterte Deutsche, die Palästinasolidarität mit Herrenmenschentum gegenüber jüdischen Gesprächspartnern verwechseln. Oder glaubt jemand ernsthaft, Zeev Avrahami bezieht Stellung gegen Israelkritik an sich, wenn er schreibt:

Germans feel that they really have moral superiority when it comes to the wall. They fucking broke down a wall. They will tell you that this is not how you solve things, that building a wall will create hundreds of more suicide bombers, that this wall is a symbol of the asymmetric conditions of the two sides of it.

And you know what? they are all right and justified arguments, but I was living in Israel, in Tel Aviv, in one of the horrible tsunami of the suicide bombers, and I recall very vividly the horrors of an everyday life experiences: going to the supermarket, sipping coffee with the daily paper, go to the movies, have a beer with a friend, get on public transportation. tik-tak, tik-tak, tik-tak. you were having beer and your heart was ticking like a fucking bomb.

So I know that it is very cool to wear a Kafiya, and identify with “Free Palestine”, and protest every fart Israel is making. But after all the protest, do you really have a better solution? Any solution at all? An alternative?

Let me be demagogic for a bit: I wonder what would be the reaction here if someone would interrupt your daily coffee and paper with an explosion. Actually, I don’t really want to wonder about it. I think that building a wall would be Dalai Lamanian compared to what would happen here.

Einem ersten Impuls folgend, meinte ich, in diese Zeilen Kritik an der von „Deutschen als Deutsche“ geäußerten Israelkritik hineinlesen zu dürfen. Mittlerweile bin ich der Ansicht, dass dies nur zum Teil wahr ist. Vielleicht geht es doch auch um das Problem der, äh, Verstandortung(endlich!) von Israel-Kritik, d.h. um die Frage, aus welcher Perspektive Israel kritisiert wird. Der Hang zum Nationalen ist möglicherweise nur ein Beispiel dafür, wie Kritik zur Profilierung eigener Interessen bzw. als öffentlich praktizierte Bußübung zur Sicherung des ganz eigenen Standorts auf dem hiesigen Markt der Möglichkeiten missbraucht werden kann.
Ob es nun um die Mauer – in Palästina oder Berlin – geht oder um die Sicherung von Fördergeldern für das je eigene politische Projekt – Humanität bleibt wo? Richtig, auf der Strecke.

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