Die Retter des Abendlandes und ihre Opfer

"Christus ist unsere Versöhnung" - Pax-Christi-Ikone aus dem Heiligen Land (www.aphorisma.net)
"Christus ist unsere Versöhnung" - Pax-Christi-Ikone aus dem Heiligen Land (www.aphorisma.net)

Das Gerede vom christlich-jüdischen Abendland – müsste es nicht wenigstens jüdisch-christlich heißen,  um zumindest der Chronologie  die ihr gebürende Ehre zu erweisen? – bei besagtem Gerede fällt Christen die Rolle der Abendlandsverteidiger zu. Juden haben lang genug unter dieser Verteidigungsbereitschaft zu leiden gehabt. Nun heißt es: „Der Führer schenkt den Juden ein Abo fürs Abendland.“
Christliche Existenz, wenn nicht christliche Identität, erweist sich in den Augen zahlreicher Kulturalismus-Schaffender heutzutage darin, zum einen jeden propagandistischen Firlefanz israelischer Provenienz als die reine Wahrheit zu verbreiten, zweitens den Islam nicht etwa als abrahamitische Cousine von Judentum und Christentum anzuerkennen und ihn entsprechend zu verteufeln, drittens eben diesem Geschäft nachzugehen, indem man bevorzugt auf die – naturgemäß – verzweifelte Lage von Christen in islamisch geprägten Staaten und Gesellschaften hinzuweisen. Die Botschaft, das vermittelt werden soll, ist eindeutig und erinnert in ihrer Substanz an die klischeehaftesten Losungen, die über mittelalterliche Kreuzfahrer im Umlauf sind. Ausgerechnet bei Hagalil finden sich diese bedeutenden Worte eines Michael Mannheimer:

Die Juden- und Christenverfolgung durch den Islam hat eine lange Tradition und geht bis auf die Tage Mohammeds zurück. In der Geschichte des Islam gab es zwar immer wieder Zeiten einer relativ friedlichen Koexistenz zwischen Muslimen und „Ungläubigen“. Doch diese waren vom öffentlichen Leben weitestgehend ausgeschlossen und wurden mit der „Dhimmi“-Steuer, der Sondersteuer für „Ungläubige“ belegt. Dhimmis, zu denen Juden und Christen zählen, haben kein Recht, Waffen zu tragen, auch dürfen sie (bis zum heutigen Tage) die heiligen Städte Medina und Mekka nicht betreten.

Von waffentragenden Juden und Christen aber kann Mannheimer nicht genug bekommen, das unterstelle ich jetzt einfach mal so. Wer sich seinem Befund nicht ohne Weiteres anzuschließen bereit ist, was ist der? Richtig: ein „Gutmensch“, vielleicht sogar ein „notorischer Amerikakritiker“. Und Kritik ist einem Mannheimer aber ein Dorn im Fleische des eigenen Selbstverständnisses. Deshalb versteht er sich ja auch als Islamkritiker. Kritik ist böse, und weil Mannheimer auf den Islam böse ist, versteht er sich als Kritiker.

Nicht, dass das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen in ihrer gemeinsamen Geschichte nicht problematisch gewesen wäre – nur oftmals wird die „lange Tradition“ der „Juden- und Christenverfolgung durch den Islam“ aus ganz anderen Gründen heraufbeschworen denn aus aktivem Mitleid mit den Betroffenen: Wenn es um Propaganda geht, wird jede Wahrheit zur Lüge. Etwa wenn Michael Mannheimer Islamkritik übt. Da kann er üben wie er will, Michael Mannheimer geht es offensichtlich eher um Waffen als um Information, geschweige denn Solidarität, die nicht im Parteipogramm festgeschrieben ist.

Palästinensische Theologen wie Mitri Raheb, Rafiq Khoury und Naim Ateek, die seit Jahr und Tag ein völlig anderes Bild der christlichen Communities innerhalb der palästinensischen Gesellschaft(en) zu vermitteln versuchen, rennen gegen Windmühlen an. Und Nachrichten wie die folgende irritieren bloß:

Knapp 4.000 chaldäische Christen aus dem Irak dürften derzeit in der Türkei sein, schätzt Francois Yakan, Patriarchalvikar der chaldäisch-katholischen Kirche der Türkei und Leiter von KADER. Allein seit den jüngsten Angriffen auf Kirchen in Bagdad kamen mehr als 70 weitere christliche Familien mit insgesamt 300 bis 400 Personen in die muslimische Türkei. Hier können sie zumindest vorerst bleiben.

Nun würde man schon gern wissen, was genau Begriffe wie „derzeit“ und „vorerst“ zu meinen haben. Dennoch ist DYBTH zuzustimmen:

Ich habe z.B. noch nicht von einer Initiative der christlichen Parteien in Deutschland gehoert, diese Fluechtlinge aufzunehmen. Wie waere es, wenn Horst Seehofer – der einen besonderen Wert auf das “C” im Parteinamen zu legen scheint -, neben seinem Vorstoss, keine Auslaender aus dem muslimischen Raum mehr nach Deutschland zu lassen, den verfolgten irakischen Bruedern und Schwestern ein Zuhause in Bayern anbieten wuerde?

Doch das ist zu verwirrend: Einerseits reden Seehofer und Co. vom christlichen bzw. christlich-jüdischen Abendland. Andererseits gibt es unter den Bewohnern des Morgenlands Christen – die doch eigentlich dem Abendland angehören, so sagen es unsere Kulturkrieger, sowie jene auf der morgenländlichen Seite, jene, die den Mannheimers und Seehofers, den Ulfkottes und Broders ihr Einkommen bzw. Auskommen sichern – als Retter des Abendlandes. Dabei sind sie nichts anderes als falsche Propheten am Hofe jedes Herrschers.  Christlicher Orient? Undenkbar für diese Propagandisten. Und wenn überhaupt nur, damit sich die Blutrünstigkeit „des“ Islams (frei nach M. Mannheimer) an ihnen ein für alle Mal erweise. Nicht nur Juden dürfen sich bei unseren lautesten Kulturkriegern bedanken.

Mal ehrlich: Warum lassen wir den ganzen (neo-)kolonialistischen Unsinn nicht einfach bleiben? Kriegt man doch nur Kopfschmerzen von.

2 Gedanken zu “Die Retter des Abendlandes und ihre Opfer

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