Kissinger über Juden in der Sowjetunion

Eine in diesem Blog gelegentlich aufgegriffene Fehlentwicklung besteht darin, dass der Kampf gegen Antisemitismus instrumentalisiert und die vermeintliche Solidarität mit Juden/Jüdinnen zur Rechtfertigung für neues Unrecht missbraucht werden. Dass dies auf der weltpolitischen Bühne in großem und furchterregenden Maße praktiziert wird, ist eine Binsenweisheit. Die Schlagworte „War on Terror“, Irak, Iran und nicht zuletzt Israel-Palästina sind vielsagend genug.
Die Versuchung, sich nach jenen Zeiten zu sehnen, da die Antiantisemitismus-Industrie noch nicht florierte und weder von Politikern, Militärs oder fehlgeleiteten „Freunden Israels“ gefördert und benutzt wurde, diese Versuchung ist groß. Das folgende Zitat Henry Kissingers aber sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen. Im Zuge eines Besuchs der damaligen israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir und im Zusammenhang mit der Frage einer wirksamen Unterstützung der Juden in der Sowjetunion verlieh Kissinger am 1. März 1973 dem Desinteresse der US-Regierung in dieser Frage auf äußerst drastische Weise Ausdruck:

“The emigration of Jews from the Soviet Union is not an objective of American foreign policy,” Mr. Kissinger said. “And if they put Jews into gas chambers in the Soviet Union, it is not an American concern. Maybe a humanitarian concern.”

„Und wenn sie die Juden in der Sowjetuntion in die Gaskammern schicken – das ist kein Thema für Amerika.“, dies aus dem Munde eines Politikers, der heute in konventionellen Geschichtsbüchern als US-Außenminister und Friedensnobelpreisträger zumeist lobend erwähnt wird. Was lernen wir daraus? Gute Frage! Im letzten Post habe ich mich ja noch stark gemacht für die Einbeziehung einer von Humanität geprägten Perspektive.
„Humanitär“ im realpolitischen Sinne – und Kissinger wird seit jeher gern als der Realpolitiker schlechthin dargestellt – heißt nichts Anderes als „Schade, aber nichts zu machen.“ Erst die Aussicht auf politisches Kapital lässt Opfern von Gewalt zu würdigen Opfern von Gewalt werden – jedenfalls in den Augen des „weißen Mannes“ (Ghassan).

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