Sollte sich die Deutsch-Israelische Gesellschaft über diese Israelsolidarität wirklich freuen?

Ich muss weiter ausholen.

Micha Brumlik hat in der Frankfurter Rundschau (via Arne Hoffmann) sich mal wieder von seiner Schokoladenseite gezeigt. Manchmal wird einem richtig kalt, etwa wenn der Mann die – in seinen Augen – unlauteren Motive jüdischer Gaza-SolidaritätsaktivistInnen filettiert.  Auch seine Anmerkungen zur Frankfurter Grosser-Rede am 9.11. waren so überzeugend nicht. Doch wenn Brumlik den Nagel auf den Kopf trifft, dann auch richtig:

Dass er es gewagt hat, Islamophobie und Antisemitismus auch nur miteinander zu vergleichen, hat dem hochverdienten Zeithistoriker Wolfgang Benz, der im April sein Amt als Direktor des Berliner Zentrums für Antisemitismusforschung aus Altersgründen abgibt, eine hierzulande nur selten zu beobachtende Feindseligkeit eingetragen. Zumal die Blogosphäre, also jene Internetseiten, die sich wie „Politically incorrect“ oder die „Achse des Guten“ dem Kampf gegen eine angebliche Islamisierung verschrieben haben, entfesselten ein regelrechtes Kesseltreiben. Mit Gründen? […]

Für eine Strukturidentität von Antisemitismus des späten Kaiserreichs und heutiger Islamophobie, für semantische Überschneidungen in den Äußerungen Treitschkes und Sarrazins und auch Helmut Schmidts liegen so viele Indizien vor, dass eine vergleichende wissenschaftliche Konferenz, wie sie Benz organisiert hat, nicht nur zulässig, sondern geradezu geboten war.

Neben der offenkundigen Fremdenfeindlichkeit und dem kaum  versteckten Rassismus vieler Islam-„Kritiker“ muss immer auch auf das Feigenblatt hingewiesen werden, mit welchem sie ihren Hass salonfähig machen zu wollen: Passend dazu ein Heise-Bericht über die Reise einer illustren Menschenschar ins Heilige Land. Prominente Mitglieder der neugegründeten „Die Freiheit“ besuchten mit Seelenverwandten aus der internationalen Nachbarschaft Israel-Palästina:

Wichtig sei ihm vor allem die Haltung seiner Mitreisenden zu Israel, erklärte Stadtkewitz auf einer Pressekonferenz auf dem Flughafen Tegel. Zudem hätten sie alle das Ziel, die Ausbreitung des politischen Islam einzudämmen.

Und sogleich liefert besagter Herr Stadtkewitz eine fundierte Analyse der Lage im Westjordanland:

In den Gebieten im Westjordanland habe er gesehen, dass der Islam Rückschritt bedeute, keinerlei wirtschaftliche Entwicklung zulasse und die Menschen in ihrer freien Entwicklung hindere.

Was ihn zu einer ganz eigenen Vision für die Zukunft des Nahen Ostens führt:

Aus diesem Grund warnt Stadtkewitz auch vor einer Zweistaatenlösung im Nahost-Konflikt. Das Westjordanland würde als eigener Staat nur dann funktionieren, wenn er keine militärische Autonomie hätte. Dass das nicht geht, weiß laut Stadtkewitz jeder, der sich mit der Ideologie des fanatischen Islams auseinandergesetzt hat.

Zumal – wie Marc Doll zu Bedenken gibt:

In Jerusalem gebe es 400.000 Moslems. „Wenn man nun verlangt, dass die Israelis Land abgeben, dann kann man natürlich, wenn dasselbe hier irgendwann mal in Deutschland geschehen sollte, sich natürlich auch nicht dagegen stellen“, so Doll, der damit mit der Angst vor einer Islamisierung in Deutschland spielt.

Dieser Mensch redet solches Zeug, weil er solches Zeug nun einmal reden kann und darf. Ghassan beschreibt in seinem Blog die momentane Gemengelage in Sachen Nahost-Solidarität in diesem Land:

Die ursprüngliche Propagandageschichtsschreibung von bösartigen Arabern und herzensguten Israelis ist spätestens in den Achtzigern mit den so genannten „Neuen Historikern“ widerlegt worden.
Seit Auswertung zuvor geheimer, israelischer Armeedokumente kann heute jeder die tatsächlichen Geschehnisse in Geschichtsbüchern nachlesen.
Die palästinensische Geschichtsvariante von Vertreibung und Enteignung, die vorher als Propagandamärchen abgetan wurde, ist heute gut belegt und wird selbst von eisenharten Zionisten nicht mehr geleugnet.
Was also vorher als Kampf Davids gegen Goliath die Sympathien für Israel weckte, gilt heute historisch als Fehldarstellung.

Aber – und jetzt kommt’s:

Hält man sich diese Fakten vor Augen erscheint es wirklich erstaunlich, dass die Solidarität mit Israel weiter zunimmt, während die Parteinahme für die Palästinenser stetig schrumpft.

Der Deutsch-Israelischen Gesellschaft müsste dennoch angst und bange werden. Muss sie doch mit ansehen, wie Gruppierungen, Platformen und Einzelpersonen die vorderen Plätze bei der öffentlichen Selbstdarstellung hiesiger Israelsolidarität beanspruchen, die verbal-gewalttätiger und gefährlicher kaum sein könnten – von antideutschen konkreten Bahamas-Okkupatoren, über christliche Eiferer, bis hin zu Rassisten und Muslimfressern. Alles für Israel?

Ghassan überzeugt in seiner Analyse, wenn er etwa feststellt, dass es pro-israelischen Lobbygruppen gelungen ist, den Nahostkonflikt gewissermaßen als Religionskonflikt darzustellen:

Als der Konflikt noch als Kampf gegen Imperialismus und Neokolonialismus gesehen wurde, boten die Palästinenser wesentlich mehr Fläche für Sympathien. Islamisten jedoch, die überall auf der Erde Terror verbreiten verdienen nun einmal keine Parteinahme von vernünftigen Menschen. Und die pro-israelischen Gruppen lassen keine Chance aus den Nahost-Konflikt genau so darzustellen: als Kampf von muslimischen, religiösen Wahnsinnigen gegen weltoffene, friedliche Juden, Christen und Atheisten.

Insofern nehmen sich Negativschlagzeilen für Muslime besonders ungünstig für Palästinenser aus. Die Legende von den tanzenden Palästinensern am 11.9.2001 sei hier als nur ein Beispiel genannt. Zu kurz greift Ghassan indes, wenn es um Erklärungsversuche für eine scheinbar schier unerschütterliche Israel-Begeisterung hierzulande geht:

Es sind die einfachen und stumpfen Ideen, die die Rechten und einfältigen Linken anziehen.
Doch so einfach wie sie sind, so gefährlich sind sie auch.

Meiner Ansicht hätte Ghassan, anknüpfend an seine Überlegungen zur Darstellung des Nahostkonflikts noch weiter zur Entfaltung bringen können: Israelsolidarität funktioniert hierzulande, weil sich jene, die sie zu praktizieren vorgeben, oftmals Gewinne für ihr eigenes Propaganda-Konto versprechen können. Jede Schweinerei, jede Art von Gewalt kann mittlerweile gerechtfertigt werden mit dem Hinweis auf „Sorgen um Israel“. So etwas ist möglich, weil es möglich sein kann. Israelsolidarität – floriert – so ist mein Eindruck – oft nicht so sehr aufgrund einer realen Verbundenheit mit dem Staat , sondern weil sie so herrlcih und einfach zu benutzen ist. So sind es nicht nur die Stumpfen, sondern auch die besonders Grausamen bzw. die Eiskalten, jene also, die menschliche Existenz danach bemessen: „Aus wem lässt sich das meiste Kapital ziehen?“ – sie sind es, die einer hiesigen Israelsolidarität die Quoten verschafft haben.

Schon früh im Text schwant dem guten Ghassan:

Man kann es drehen und wenden wie man will: die Zeiten der Solidarität mit den Palästinensern ist vorbei, bevor sie richtig begonnen hat.

So überraschend ist das nicht.

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