„In diesem Milieu hält sich jetzt schon erstaunlich lange eine Spielart der Ausländerfeindlichkeit, die so genannte Islamkritik.“

Die Rede ist von den sog. „Wutbürgern“. Warum ich hier über Zeitgenossen poste, deren Lebensäußerungen eine „Mischung aus Angst, Wut und Zynismus“(Wilhelm Heitmeyer) offenbaren? Christian Schlüter schreibt:

In diesem Milieu hält sich jetzt schon erstaunlich lange eine Spielart der Ausländerfeindlichkeit, die so genannte Islamkritik. Seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 erfreut sie sich größter Beliebtheit und dient nach dem Untergang des Sowjetreichs all jenen Kalten Kriegern als neue Heimstatt, denen es nicht so sehr auf Erkenntnisgewinn, aber dafür umso mehr auf klare Freund-Feind-Unterscheidungen ankommt. Die größte Klappe hat hier zweifelsohne der Journalist Hendryk M. Broder, er bietet deftige Unterhaltung, ist gewissermaßen der Ballermann im Debattenbetrieb.

Broder. Broder! Und weiter:

Ein typischer Witz geht dann etwa so: Terror verhält sich zu Terrorismus wie Islam zu Islamismus. Mit schlafwandlerischer Sicherheit formuliert Broder seine rustikalen Pointen – selbstverständlich immer in der Pose des furchtlosen Tabubrechers. Doch bedenklicher ist, dass unser Kämpfer für die westliche Freiheit seine Hemdsärmeligkeit durch das mordsgefährliche Feindbild des Islam auch gerechtfertigt sieht. Dessen menschheitsbedrohliches Ausmaß, das er immerzu beschwört, schafft somit erst den Grund für seine polemische Existenz. Anders gesagt, Broder redet sich in Rage, damit es Broder überhaupt gibt. Entsprechend erfahrungsunabhängig ist sein Auftreten.

Und schließlich:

In dieser Hinsicht erweist sich das Bürgertum seit seinem großen antisemitischen Wutausbruch auch in seinen islamophoben Ausfällen als wenig einfallsreich – die Muster ähneln sich. Die hier geltend gemachte Überlegenheit gründet auf einem ganz bestimmten, nicht weiter hinterfragten Begriff des historischen Fortschritts, der vor allem dazu dient, den eigenen kulturellen, dabei als einheitlich und geschlossen verstandenen Rahmen der kritischen Auseinandersetzung zu entziehen. Ahnengalerien werden herbeizitiert, egal was, Hauptsache alt und einschüchternd.

Noch Fragen? Hinzufügen wäre noch, dass Antisemitismus auch im Zeitalter des Islamhasses mitnichten perdu ist. Bernhard Schmid erinnert   mit seinem hervorragenden Artikel über neuere Tendenzen von Fremdenhass innerhalb der extremen Rechten in Europa  alle Menschen guten Willens daran: Das Problem besteht noch immer.

Aber wer innerhalb des Bürgertums darauf Wert legt, eben nicht als unbelehrbarer Hassprediger aufs wohlverdiente Abstellgleis zu gehören, überlegt sich sich genau, gegen welche Personengruppe er seine Abneigungen in Stellung bringt. Aus der eigenen beruflichen Praxis weiß ich sehr wohl: In hiesigen Lehrerzimmern und Kulturforen möchte man nicht als Antisemit gehandelt werden. Ein „pfiffig-ironischer“ Seitenhieb auf die ungebildeten Menschenmassen des Orients aber wird desöfteren goutiert und als „köstlich“ befunden. Ich arbeite an einer Schule, wo sich das „Problem“ mit Schülern mit „migrantischem Hintergrund“ und noch dazu „muslimischem Background“ auf genau fünf (5!!!) Schülerinnen und Schüler konzentriert. Ausspruch einer Kollegin in einer Zeugniskonferenz: „In der Klasse 9f gibt es ein Mädchen muslimischem Glaubens. Aber sie ist sehr nett.“

Dank an Feynsinn.

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