Wenn für „unsere Genossin“ Jawaher Abu Rahmah richtig Gas gegeben wird

Fürwahr- der Ynet-Artikel, auf den mich Ghassan aufmerksam gemacht hat, ist ärgerlich. Jawaher Abu Rahmah fällt israelischenTränengasgranaten zum Opfer, und was macht der Autor des erwähnten Artikels: Jawaher Abu Rahmahs Tod ist deshalb schlimm, so stellt er die  Lage dar, weil nun Israel wieder Angst haben muss vor der Rache, die Palästinenser geschworen haben. Wie nannte das Edward W. Said einst? Ach ja: Blaming the Victims.

Ärgerlich – wenn auch auf einer anderen Ebene – ist ebenfalls die Art und Weise, wie einige besonders, ähem, israel-„kritische“ Blogs versuchen, politisches Kapital zu schlagen aus oben genannter Causa. Was bewegt Blogger dazu, eine solche Überschrift zu setzen: „Israel hat Jawaher Abu Rahmah vergast“?

In Anbetracht allein dieser Überschrift schwillt mir da so manch andere Frage im Gebeiß: Ganz Israel? Oder nur das Israel hinter der Grünen Linie? Welches Israel ist gemeint? Das Gottesvolk? Oder eine Person namens Israel? Oder Eretz Israel? Oder Medinat Israel?

Im dazugehörigen Text werden die Fragen dann erschöpfend (im Sinne von *gähn*) beantwortet: Es geht um „Kräfte des zionistischen Schurkenstaates“ aka Staat Israel. Blättert man ein wenig im Blog „Mein Parteibuch“ herum, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren: Es geht um ganz intime Dinge, um Identitätsfragen, um Herzens-  und Glaubensangelegenheiten. Dem Betreiber des Blogs und allen, die dort posten, scheint es ganz besonders wichtig zu sein, den Staat Israel als Schurkenstaat darzustellen. Dabei geht es nicht um Erkenntnisgewinn, sondern um das Ausleben eines Vorurteils. Und so sucht man sich, so will es mir scheinen, förmlich Anlässe, um Israel die Bezeichnungen „Schurkenstaat“ und „Unrechtsregime“ anzuhängen. Nachrichten über Akte der Gewalt und Unterdrückung, verübt an Palästinensern, werden zu freudigen Anlässen. Endlich darf sie wieder angeworfen werden, die ach so kritische und ach so wahrheitsgemäße anti-israelische Nebelmaschine.

Auf der rechten (*kicher*) Banner-Seite der Website heisst es „Boycott Apartheid Israel“. Nach Durchsicht des Blogs will mir scheinen: Warum nur „Apartheid Israel“? Warum von Israel nicht samt und sonders die Finger lassen? Die Bewohner Israels wird es nicht stören, wender die jüdischen, noch die nicht-jüdischen. Falls Letztere, nennen wir sie: Palästinenser, nicht „vergast“ werden. So wie Jawaher Abu Rahmah. „Vergast“ von israelischen Nazis. Muss ich noch mehr sagen? Es spricht Bände, dass dieser Artikel zur Stunde die Pole Position bei Google Deutschland (Suchwort: Jahawer Abu Rahmah) besetzt.

Dass Israel genauso schlimm ist wie Nazi-Deutschland, diesen Eindruck zu erwecken – darum scheint es dem Autor des Artikels außerdem zu gehen. Die Palästinenser als Opfer der Opfer. Die Opfer der Deutschen sind die Täter. Blaming the Victims. Es sind solche Assoziationen, die befördert werden sollen – allein durch den Gebrauch der Vokabel „vergast“. Warum es nicht gereicht hätte, statt dessen Wörter wie „getötet“, vielleicht sogar „ermordet“, zu benutzen, ist offensichtlich. In einem Leser-Kommentar für die Linke Zeitung – dort wurde der Parteibuch-Artikel, mit geringfügigen Änderungen versehen, übernommen – fasst „Francis“ die zweifellos antizipierte, wenn nicht erhoffte, Leserreaktion in Worte:

Was für eine Ironie! Juden VERGASEN Menschen die etwas gegen ihr (Apartheid-)Regime haben!
Dreckige faschistoide Zionsten!
Und dann kommen hier in Deutschland so hirnlose „Antideutsche“ auf die Idee sich mit den Zionsten zu solidarisieren, die sind wahrscheinlich der Meinung die „armen“ Juden dürften jetzt auch mal Völkermord und Terror machen!

Und so wird Jahawer Ahu Rahmah mit einem Mal zu „unsere[r] mutigen[n] Genossin“ – man beachte dabei „unsere“. Interessant auch, dass der eigentliche Autor ebendieses Beitrags offenbar die Website der deutschsprachigen Freunde der PFLP betreibt. Schlechtere Werbung für linke, säkularistische Palästinasolidarität kann man einfach nicht machen.

Neulich beklagte Ghassan, dass  die Palästinasolidarität hierzulande trotz der von Israel in hellem Tageslicht begangenen Verbrechen denkbar kleine Brötchen büke. Nach der Lektüre von Parteibuch, Linke Zeitung und Freunde der PFLP mag ich dies nicht allzu sehr bedauern.

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