Ägypter wollen kein Breitband. Sie wollen frei sein und ihre Armut abschütteln.

Letztes Jahr war es der Iran. Diesmal Tunesien, Algerien und Ägypten. Vielleicht ist es Hilflosigkeit bei der Analyse der eigentlichen Ursprünge und Anlässe, vielleicht bringt der Begriff der sog.  „Facebook-Revolution“, wie er von Medien wie dem stern in Umlauf gebracht wird, auch einfach nur soziale Indifferenz und Ignoranz zum Ausdruck. Davon, dass mit dem Loblied auf social networks auch die Errungenschaften des Westens lobgepriesen werden, will ich gar nicht erst reden.

Der indische Filmemachter Parvez Sharma sitzt in seiner New Yorker Wohnung  und twittert sich schier um den Verstand. Ausgerechnet er, ein Verfechter besagter sozialer Netzwerke stellt klar: Was gerade abgeht in Ägypten hat weniger mit Facebook, Twitter und Co. zu tun als etwa eine Cilja Harders meint:

The majority of the 80 million people of Egypt live in abject poverty. They do not even have cell-phones let alone smartphones like the iPhone or the Droid. They go to kiosks to make calls. A pretty substantial number of them have NEVER used the internet and do not have email accounts: the complicated mechanisms of self-promotion and information gathering and sharing on social networks is not a part of their lives.

Anstatt also die Ereignisse der letzten Tage als inoffizielle Werbung für soziale Netzwerke und die entsprechenden Anbieter zu interpretieren – „die ägyptische Regierung hat das Internet abschalten lassen, huh!“, sollte man sich lieber an die schlichte Tatsache halten: Die Menschen haben ihre Armut satt. Und sie wollen sich nicht länger den Mund verbieten lassen. Sie wollen kein Breitband. Und sie wollen auch nicht den Anbieter wechseln. Sie wollen frei sein und ihre Armut abschütteln.

4 Gedanken zu “Ägypter wollen kein Breitband. Sie wollen frei sein und ihre Armut abschütteln.

  1. Natürlich wollen sie auch Breitband und das nicht nur zur reinen Unterhaltung: Telemedizin, online-Shopping (in Ägypten sind spezialisierte Geschäfte gerade außerhalb der Großstädte selten), Wetterinformationen und Marktpreise in der Landwirtschaft, landwirtschaftliche Verbesserungen (z.B. via der Food and Agricultural Organization/FAO) oder Methoden des Hausbaus.

    Besonders Gesundheitsgruppen schwören auf das Internet, da via diesem Medium Spezialisten in den Metropolen die Ärzte in der Peripherie unterstützen und online-Diagnosen stellen können. Die Untersuchung macht der Arzt vor Ort, die Diagnose und Therapie stellt der Spezialist.

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    1. Schon 2009 war das ein bewährter Weg, die Proteste im Iran gewissermaßen zu entmenschlichen. Da waren reale Menschen mit entsprechenden Neigungen und Wünschen, die einfach genug davon hatten bzw. haben, unterdrückt zu werden – und worauf wurde sich in Mainstreammedien viel zu oft konzentriert? Auf die schönen Augen hipper Kopftuchträgerinnen mit „echten“ Mobiltelefonen. Ich überzeichne ein wenig, aber da war hier und da definitiv Erstaunen mit im Spiel, dass im Iran Menschen leben, die von Ahmadinejad und seiner Junta genug hatten/haben. Auch ein Grund, warum es diversen „IranbefreierInnen in spe“ nicht mehr so leicht über die Lippen zu gehen scheint, dass der Iran bombardiert werden soll…

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