Ägypten und „unsere“ Befindlichkeiten

Okay, ich weiß, dass ich meinem irrationalen Hang zur Verallgemeinerung hier viel zu häufig freien Lauf lasse, aber was diese Typen zum Ausdruck bringen, wenn sie sich über die sich abzeichnende Revolution in Ägypten äußern, ist auch nicht besser.

Ich rede von jenen ach so kulturbeflissenen Abendländlern, die besorgt über ihre Halbbrillengläser hinwegzublicken pflegen, weil „der Araber an sich“ so gar nicht „geht wie ein Ägypter“, sondern – so will man es wohl sehen – Kulturschätze „plündert“. In der Wahrnehmung dieser Kulturschaffenden ist aber jeder ein Plünderer, der im Theater sitzt, ohne Eintritt dafür gezahlt zu haben.

Irgendwie machen diese Menschen eine recht paradoxe Haltung geltend: Einerseits mokieren sie sich oftmals über die Tatsache, dass es in arabischen Ländern demokratische Defizite zu verzeichnen gibt. Andererseits ist ihnen Demokratisierung auch nicht recht.  Dabei erinnern sie an gentrifizierte Bionade-Bourgeoisie, die sich eines irgendwie linken Bewusstseins lediglich als Masche und Statussymbol bedienen ( – obwohl: Bewusstsein als Symbol?)

Und ohne dass sie es zugeben wollen – außer wenn es sich um gentrifizierte Antideutsche handelt… -, ähnelt ihre Haltung der Sichtweise des früheren israelischen Verteidigungsministers Moshe Arens. Einerseits:

Hätte sich jemals die Gelegenheit geboten, Israel hätte selbstverständlich auch mit Demokratien verhandelt – allerdings sind die in unser unmittelbaren Nachbarschaft eher selten anzutreffen.

Andererseits lautet die vielsagende Überschrift desselben Beitrags:

Demokratien sind unsicher

Die Frage ist nur: Für wen sind sie unsicher? Jenen besorgten Seelen, die so gar nichts anfangen können damit, dass „der Orient“ eben kein kolonial angehauchtes Operettchen (mehr) ist, liefert die Islamwissenschaftlerin Muriel Asseburg gewisslich Unliebsames. In ihrem jüngsten taz-Kommentar geht sie ein auf westliche Befürchtungen wie: „Agypten versinkt im Chaos“, „Die Islamisten übernehmen die Macht“, „Ägypten 2011 ist wie Teheran 1979“.

Was mich in der Berichterstattung hierzulande besonders fasziniert ist der Umstand, wie reflexartig einige Kommentatoren Begriffe wie „Unruhen“, „Chaos“ etc verwenden, wenn es um einen veritablen Aufstand der Bevölkerung geht Der Umstand , dass eine der Strategien des Mubarak-Regimes darin bestand, so Asseburg,

für öffentliches Chaos zu sorgen, damit die Bevölkerung nicht mehr nach Freiheit, sondern nach seiner ordnenden Hand ruft,

scheint von anderen Experten und Kommentatoren  kaum Kenntnis genommen, geschweige denn eingeräumt, worden zu sein. „Unsere“ Befindlichkeiten. Es gibt einen Unterschied zwischen einer abwartenden Haltung, die einen eben nicht gleich in Jubel ausbrechen lässt, wenn ein Phil Weiss (oho: genau wie der Perlentaucher) von einer Revolution redet, und bewusster Ignoranz, gepaart mit kolonialistisch-imperialistischen Affekten, wenn nicht gar blankem Antiarabismus.

2 Gedanken zu “Ägypten und „unsere“ Befindlichkeiten

  1. was m0she arens schreibt ist die übliche israelische rechtfertigung. immer das muster „wir sind klein, unser herz ist rein“. so hat peres auch die zusammenarbeit mit apartheid-südafrika gerechtfertigt.

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