Nach dem US-Veto spricht Ha’aretz aus, was sich Focus wohl nicht traut?

Einerseits stinkt es gewaltig zum Himmel, dass die USA, angeführt von ihrer UNO-Botschafterin Susan Rice, durch ihr Veto eine Resolution gegen das israelische Siedlungsprojekt verhindert haben. Verhindert worden ist die einhellige internationale Verurteilung von Landraub, Vertreibung, Häuserzerstörung, Apartheid und der Zerschlagung einer irgendwie realistischen Grundlage für die Umsetzung der sakrosankten Zwei-Staaten-Lösung – eine Ächtung von Israels Fortführung der Nakba. Und sicher packt man sich an den Kopp, wenn man liest, wie der demokratische Kongressabgeordnete Jerry Nadler die UNO als „Brutstätte des Antisemitismus“ zu bezeichnen wagt. Doch mal ehrlich: Was will man von Leuten wie Nadler erwarten? Was von Rice? Und: Wie oft soll man sich denn noch überaus enttäuscht zeigen über das Komödiantenduo Clinton und Obama? Anders gefragt: Kann man von einem Apfelbaum erwarten, dass er Birnen abschlägt? Und: Wäre das Zustandekommen einer Resolution wirklich mehr gewesen als ein (sicherlich) schöner PR-Erfolg für die Palästinensische Autonomiebehörde?

Und überhaupt – und hier äußert der Focus – dessen Chefredakteur Weimer ja den Spiegel ernsthaft als linksliberales Blatt beschrieben hat – ausnahmsweise einen echten Gedanken, wenn auch in Frageform: Ist das US-Veto nicht etwa ein „Beleg für die Isolierung Israels?“ Nur die Ruhe, der Focus wäre nie das Nachrichtenmagazin, das es heute noch in dieser Form gäbe, würden in seiner Redaktion bestimmte Reflexe nicht funktionieren. Besagter Gedanke, das macht Focus flugs deutlich, ist gar kein eigener, sondern entspringt dem Hirn des palästinensischen Präsidentenberaters und Unsympathen Nabil Shaath. Die Eigenleistung des Focus besteht in der Hinzufügung eines Fragezeichens. Zeichen und Wunder, jaja.

In Israels bester Tageszeitung, Ha’aretz, gibt sich der Verfasser des Editorials nicht ganz so furchtsam. Er unterstreicht die These, dass seit dem letzten US-Veto Israel in der Tat allein stehe. In Anbetracht des besonderen Verhältnisses, das ja u.a. auch zwischen Amerika und Israel besteht, könne das Verhalten der USA auch als Warnung verstanden werden:

The Palestinians lost the vote, but achieved their goal: They exposed for all to see the international isolation of Prime Minister Benjamin Netanyahu’s administration and embarrassed the U.S. administration by revealing it as two-faced.

Schließlich hätten sich die US-Delegation im UNO-Sicherheitsrat erst im allerletzten Moment dazu entschlossen, das von den Palästinensern initiierte Vorhaben einer internationalen Verurteilung des israelischen Siedlungsprojekts nicht mitzutragen. Zudem hätte man auch in den USA sehr wohl zur Kenntnis genommen, dass Israels Siedlungspolitik around the globe negativ beurteilt wird.

The world’s patience over continuing construction in the settlements is wearing thin. The Palestinians are making suspension of building a prerequisite for negotiations, a position which has international support. Netanyahu’s efforts to blame Abbas for the absence of peace talks is received with skepticism in light of the settlement building.

Für die israelische Seite konstatiert Ha’aretz nicht unbekannte Beißreflexe – mit Reflexen hab ich’s heute:

Netanyahu is now calling for a new arms race in response to the revolution in Egypt. („The defense budget will grow,“ as he told the cabinet yesterday.)

Zeit für Netanyahus Israel, endlich im Hier und Jetzt anzukommen:

Instead of fanning the flames in the region and further heightening Israel’s isolation he should work to defuse tension, to listen to the international community and to present a practical program for ending the occupation and the conflict.

Instead of acceding to the demands of right-wing cabinet members and approving major building plans in the West Bank, he should recognize the diplomatic damage that the settlements cause Israel, and renew the construction moratorium.

That would be Israel’s contribution to shaping the new reality in the region and preserving the status of the United States, which was injured by Friday’s veto in the Security Council.

Und die Karikatur passt auch ganz gut dazu:

So eine Blase ist sehr fragil, und auch dem Platz, den sie bietet, sind enge Grenzen gesetzt. Letzten Endes sind es doch nur Dösköppe wie der „liberal“ Jerry Nadler, in Richtung Nordatlantik gewendete FDJ-Mädels wie Angela Merkel oder aber religiöse Eiferer und Hassprediger wie jene, die im unteren Teil des oben verlinkten Focus-Artikels für den „christlichen Zionismus“ Werbung machen dürfen – solche Freunde also, die Netanyahu mit hineinpassen in diese Blase. Oder habe ich noch wen vergessen? Hm?

2 Gedanken zu “Nach dem US-Veto spricht Ha’aretz aus, was sich Focus wohl nicht traut?

  1. In der Tat ist das Veto eines einzigen und damit allein stehenden Staates eine klassische Ohrfeige für Israel. Wenn man zudem bedenkt, dass dieses Veto von einer Nation ausgesprochen wurde, die selbst nur dank menschenverachtender Ausrottung der Ureinwohner sich breit machen konnte und Platz auf dem Erdteil Amerika beanspruchte, dann müsste Israel vor Scham rot anlaufen. Vielleicht lehrt USA womöglich beispielhaft anhand der eigenen Geschichte und hilft Israel bei der Gründung der Vereinigten Staaten Judäas. Es gibt noch genug Platz für Gestrandete und Abenteuerlustige aller Nationen soweit sich jüdische Abstammung herleiten lässt. Israel wird zum Bollwer gegen den Islam stillisiert. Wir brauchen mal wieder einen richtigen kalten Krieg. Aber mehr darf es nicht sein, schon wegen des Öls. Ach ja, mit den Menschen in Gaza hat die USA auch sicherlich Empfehlungen aus der eigenen Geschichte, für die ziellosen bäuerlichen Araber Palästinas werden Reservate geschaffen.

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