„…dass so einer nicht mal fuer ein paar Wochen bei einer Palestinaenischen Familie im Westjordanland einzieht“

Einer der interessantesten Aspekte, die in dem Buch Gefühlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbewältigung der Historikerin Ulrike Jureit und dem Psychoanalytiker Christian Schneider zu ebendiesem Thema geltend gemacht werden, betrifft den Umstand, dass bei der Frage nach dem Wie einer angemessenen – nicht nur öffentlichen – Erinnerung an die Shoa viel zu oft religiöse Motive – Wünsche und Bilder – in ganz und gar säkulare Zusammenhänge eine besondere Rolle spielen. Sehr verkürzt könnte man sagen, die AutorInnen kritisieren eine Haltung, nach welcher man sich nur oft genug schuldselig an die eigene Brust klopfen müsse, um Vergebung und Sühne für historische Schuld auf sich zu nehmen. Wer oft genug (sich) erinnert, wird selig, und „das Geheimnis der Erlösung ist die Erinnerung“.

Der menschliche Drang zum Bekenntnis spielt bekanntlich in Fragen des richtigen Umgangs mit Ereignissen und Entwicklungen in Nahost eine wichtige Rolle. Wenn Eberhard Straub für das bürgerliche Segment unserer Gesellschaft konstatiert, dieses habe die sog. „Werte“ an die Stelle von Religion gesetzt, so muss das in eher linken Kreisen für Solidarität gelten. Wo Jureit und Schneider mehr oder weniger direkt die Erinnerung an die Shoa zur Ersatz- und Zivilreligion küren, halte ich dafür, dass dies auch auf die Obsession mit dem Staat Israel zutrifft. Religiosität hat etwas mit Tabu zu tun, und mit Tabu würde ich jenes umschreiben, das unbedingt unbeschädigt bleiben soll. Ob es sich nun um bestimmte Glaubenssätze zu Israel handelt – „Israel ist die einzige Demokratie im Nahen Osten“, „Zionismus ist Rassismus“, „Israel ist ständig äußerer Gefahr ausgesetzt“, „Boykottiert israelische Waren!“ – oder um die Funktion, die der Staat Israel für „uns Deutsche“ seit seiner Gründung gespielt hat – wer kann das noch unterscheiden?

Auch dem österreichischen Autoren Stephan Grigat scheint es in der Jungle World schwer zu fallen, noch klar zu sehen. Soviel ideologischer Nebel, in den er sich freilich selbst hüllt. Die einfachsten Sachverhalte scheinen ihm Schwierigkeiten zu bereiten – etwa die Antwort auf die Frage, „warum diese [israelischen] „Checkpoints in der Westbank existieren“. Dabei bleibt klar: Grigat spielt nur, und er weiss ganz genau, was er als treuer Verehrer des israelischen Siedlungsprojektsan israelischen Checkpoints, sowie arabischen Diktatoren,  hat. In Schmoks Worten:

Denn Leute wie er unterstützen den Kampf gegen repressive Regime immer nur, wenn es ihrer Projektionsfläche dient. Andernfalls ist ihnen ein Regime, das nicht nur Linke und Kommunisten unterdrückt, wie das Mubaraks oder jenes der Sauds sehr willkommen, wenn es bloß den gleichen Zweck erfüllt: Israel die Stange zu halten. Kotzt so ein widerlicher nationalistischer, rassistischer und auch antisemitischer Dreck eigentlich keinen der Käufer des Berliner Schmierblatts an?

Kommentator „Staphanos Mavros“ schlägt für Grigat daraufhin eine Rosskur der besonderen Art vor:

Jedenfalls finde ich es schade, dass so einer nicht mal fuer ein paar Wochen bei einer Palestinaenischen Familie im Westjordanland einzieht und mit ihnen das Drama erlebt, was sie da seit ueber 40 Jahren mitmachen muessen.

Ähnliches dürfte dieser Tage auch an einem israelischen Gericht besprochen worden sein. Vielleicht sollte Grigat es einfach jenen Israelis nachtun, die er mit seinen Texten zwangsläufig zu den einzig wahren Israelis stilisiert. Einer IMEMC-Meldung zufolge, muss eine palästinensische Familie in Ostjerusalem ihr Haus teilen mit jüdischen Siedlern:

The court decision followed an 11-year legal battle between the Hamdella family and Irving Moskowitz, renowned to be an American-Israeli billionaire and settler patron. Moskowitz purchased the property in 1990 from Chabad and the Volhynia Hassidic dynasty, a Jewish group who claims to own the land from before 1948.

The Hamdallahs are expected to evacuate a room and their yard, on Monday, to make way for right-wing Israeli settlers who are likely to hamper their neighbors‘ daily routine.

Dimitry Delyani, member of the Fatah revolutionary council, was quoted by Ma’an News agency saying: „The home will be turned into an outpost, the settlers will bring in armed guards in order to make life for the Hamdellas unbearable,“

The Palestinian family has lived in the home since 1952.

Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es auch an „unserer“ Art, Vergangenheit zu bewältigen, liegen könnte, dass Meldungen wie diese nicht für einen Aufschrei rund um die Welt sorgen. Oder dass Leute wie Grigat überhaupt gelesen werden. Und kommentiert.

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