Werte, mit denen „auch Dschingis Khan einverstanden gewesen wäre“

Ein wenig demaskiert sich der Kabarettist Jürgen Becker ja selber – Karneval ist vorüber, die vorösterliche Fasten- und Bußzeit hat begonnen, da braucht es keinen Mummenschanz. Doch halt! Was er da sagt, das war noch vor Karneval:

Oft wurde ich eingeladen, auf einem Wagen mitzufahren, aber ich bevorzuge die Schull- und Veedelszöch. Dort fahre ich Trecker oder stehe auf dem Wagen. Natürlich mit Hauptschülern. Ich liebe das, wenn der Moslem „Alaaf“ ruft. Motto des Wagens dieses Jahr frei nach Sarrazin: Wir schaffen Deutschland ab!

Was hier durchschlägt – ist das nicht jener positiv diskriminierende, furchtbar sozialdemokratische Romantizismus, wie ihn die Klientel der Mitternachtsspitzen bewusst/unbewusst goutiert? Hauptschule – das letzte Abenteuer. Und so schön abseitig. Und: Man kann noch was tun. Und dann noch „der Moslem“. Wohlige Schauer wie bei der Lektüre von Karl Mays Der Schut, die einen da überfallen. Ein bewusster Blick auf die Zuschauer im Alten Wachtesaal des Kölner Hauptbahnhofs, wo Beckers Sendung mit seiner Mischung aus Hildebrandt-Kabarett und Quatsch-Comedy aufgezeichnet wird, erweckt allzu oft den Eindruck, als seien da diverse Lehrerkollegien versammelt. Gibt es schlimmere Typen als sie?

Und ob! Wie sollen wir sie nennen? Wutbürger? Sarrazin-Leser? Islam-„Kritiker“?  Broder-Zionisten? Kulturkämpfende? Ums Abendland Besorgte? Die Demokratie und zivilisatorische Mindeststandards dadurch schützen wollen, dass sie deren Abschaffung fordern? Die immerzu die Wichtigkeit von Werten betonen? Die Anstand einzufordern nicht müde werden? Ihnen schreibt der Schriftsteller Ilija Trojanow in seiner Rezension von Patrick Bahners‘ Die Panikmacher ins metaphorische Stammbuch:

Die Ereignisse der letzten Wochen haben ein weiteres Mal die Trennlinien zwischen westlich und östlich durcheinandergebracht. In Libyen sterben Menschen massenhaft für die Freiheit gegen einen Diktator, den der aufgeklärte Westen hofierte. Im befreiten Osten des Landes entstehen Bürgerkomitees und freie Radiostationen. Woher wissen diese Muslime, tönt es schon, wie man demokratisch agiert? Noch verwirrender ist der Fall Guttenberg, ein Traditionalist wie er im Gotha steht, der uns in Erinnerung rief, dass die Aristokratie eine parasitäre Einrichtung war.

Wer verteidigt nun die westlichen Werte: Tausende von Wissenschaftlern, die den Betrug beim Namen nennen, oder eine Kanzlerin, die einen Pragmatismus vertritt, mit dem auch Dschingis Khan einverstanden gewesen wäre?

Was noch hinzuzufügen bleibt über besagte Klientel: In der Mehrzahl – wir sprechen von Werten und von Mindeststandards – steht sie natürlich auf Seiten Israels. Des Staates. Was damit bezähmt und in Schach gehalten werden soll, mag ich mir lieber gar nicht weiter ausmalen. Oscar Mercator spitzt es sehr gekonnt zu:

Es ist nicht zufällig, wenn für die neue Rechte in Europa Israel das Vorbild ist, ein kleiner Staat mit einer klaren nationalen Identität und einer starken Selbstbehauptungpolitik der Israelis – auch auf Kosten der nationalen Ambitionen eines anderen Volkes.  Israel ist die Reaktion auf das, was David Ben-Gurion die „Sünde“ der jüdischen Machtlosigkeit nannte, ein Überlebensbollwerk, das unilateral im eigenen nationalen Interesse handelt, weitgehend ungebunden durch supranationale Vereinbarungen.

Auf Kosten anderer leben, dies gut finden und dafür auch noch gemocht werden. Sind es diese Werte, die auch hiesige „Islamkritiker“ vertreten? Ist dies die Welle, auf der sie zu surfen sich nicht zu fein sind? Nennt man so etwas „bürgerlich“? Darauf läuft es doch hinaus: Wenn Überleben alles ist, dann sind Werte Glückssache. Und wo Überleben zur Glückssache wird, herrscht Tyrannei. Und dagegen kann Karneval ein probates Mittel sein.

2 Gedanken zu “Werte, mit denen „auch Dschingis Khan einverstanden gewesen wäre“

  1. Jürgen Beckers Markenzeichen ist seit 20 Jahren, über „den Rheinländer“, „den Westphale“, etc. zu witzeln. Da ist „der Moslem“ eine logische Konsequenz. Ich kann da keinen Rassismus entdecken. Auch nicht positiven. Das ist Kabarett: man kann über alles lachen, nur nicht mit jedem😉

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