Solidarität oder Humanität?

Ich kann nicht umhin, auch die Siedler von „Itamar“ als Verbrecher zu bezeichnen. Sie sind Kriminelle, auch wenn das israelische Rechts- und Regierungswesen auf ihrer Seite steht. Sie sind Diebe, die ihr Werk nicht im Dunkeln zu verrichten brauchen und die bei strahlendem Sonnenschein den Tag zur Nacht werden lassen. Ich kann nicht umhin, diese Leute als das zu bezeichnen, was sie sind: Gewaltbereite religiöse Fanatiker und Banditen. Doch auch sie sind Menschen. Auch sie haben Familie. Und ihr Leben, und das ihrer Kinder, ist heilig. Weil sie Menschen sind. Wie Palästinenser auch. Wie andere Menschen auch. Die Ermordung des Siedlerehepaares Fogel und der meisten ihrer Kinder ist eine Katastrophe. Dass solche Morde auch an Palästinensern verübt wurden und werden – dazu muss ich nicht „Today in Palestine“ lesen, um dies sehr wohl zu wissen.

Wer auch immer für diese Bluttat verantwortlich ist, muss mit  Mitteln des Rechtsstaats verfolgt werden. Mittlerweile scheint die Spur gen Asien zu führen. Scheint! Noch ist nichts definitiv.  Beschuldigungen und Bezichtigungen, die am Sonntag reflexartig an die palästinensische Adresse gerichtet wurden – auch meine eigenen Schlüsse -, sie müssen einstweilen als vorschnell abgebucht werden.

Was nicht abgebucht werden kann, ist die Tatsache, dass Ministerpräsident Netanyahu, unter dem Eindruck des Blutbads, nichts Besseres zu tun hatte, als eine „zionistische Reaktion“ anzukündigen: „They shoot, we build.“ Da kann sich die israelische Regierung noch so ärgern über CNN, die in vorauseilender Servilität meinte, von einem „Terroranschlag“ berichten zu müssen –  wer verübt in der Wahrnehmung treuer Freunde Israels denn Terroranschläge? Jedenfalls nicht asiatische Billiglohnarbeiter! Gesagt ist gesagt, und genehmigt ist genehmigt: 500 weitere Wohneinheiten in den Besetzten Gebieten als Antwort auf den Mehrfachmord von „Itamar“.

Möglicherweise waren es ganz eigene Befindlichkeiten, die mich dazu veranlasst haben, mein Erschrecken über das in „Itamar“ Geschehene auszudrücken. Möglicherweise spielte aber auch die Einsicht eine Rolle, dass ich immer wieder gern den Mangel an Mitmenschlichkeit beim Umgang mit Israel-Palästina beklage., ohne selbst zu veranschaulichen, worum es mir konkret bestellt sei.

Palästinenser und Israelis existieren nicht, damit es Israel- und Palästinasolidaritäten geben kann. Solidarität mit wem auch immer sollte nie den Blick vernebeln auf jenen, auf dessen Kosten diese Solidarität gehen könnte. Gemünzt auf Palästinasolidaität, erhebe ich zunehmend verzweifelt den Anspruch, dass es nicht nur um ein Glaubensbekenntnis gegenüber bestimmten Projektionsflächen in Menschengestalt gehen kann. Es kann nicht darum gehen, ausschließlich auf der richtigen Seite stehen zu wollen.

Palästinasolidarität muss auch im Hinblick auf die eigene Praxis bzw. die erhoffte Reichweite einen qualitativen Sprung etwa gegenüber Israelsolidarität darstellen. Letzterer wurde immer – größtenteils zurecht – vorgeworfen, Realitäten vor Ort, in Israel-Palästina, stünden bei ihr im Hintergrund, so dass das Leiden der Palästinenser seit 1948 höchstens achselzuckend hingenommen worden sei: Ausschlaggebend sei die Versöhnung der deutschen Seele mit der Geschichte gewesen.

Jetzt heißt es genau hinzugucken: Palästinasolidarität in diesem Land ist  auch als eine Konsequenz absolut berechtigter Kritik an der institutionalisierten und staatlich geförderten und bezuschussten Israelsolidarität zu verstehen. Man beachte die von mir kursiv gesetzten Wörter. Einige Reaktionen auf „Itamar“ atmen diesen Geist, als ob ebendiese Wörter bei einigen Palästinasolidarisierern nicht vorkommen würden. Im Klartext: Palästinasolidarität bleibt auf demselben Niveau wie Israelsolidarität.Und die Palästinenser als real lebende menschliche Wesen, sie tangieren einen eher peripher.

Ich kann es kaum erwarten: Honestly Concerned 2.0: Für die Sache Palästinas. Und alle Palästinenser, die  nicht mitmachen wollen beim neuen Opferkult – sie werden als Opfer des eigenen Selbsthasses denunziert. Leute wie etwa Viola Raheb, die auf ihrer CD „Zugvögel“ (zusammen mit ihrem Ehemann Marwan Abado) in einem gesprochenen Text die Hamas scharf kritisiert – sie werden als „ideologisch minderwertig“ eingestuft. Wenn Palästinasolidarität nur eine umgedrehte Israelsolidarität ist – welches Bild vom „Anderen“ herrscht dann vor?  Welche Rolle übernehmen dann jüdische Israelkritiker, zumal jenen, die sich selbst als Zionisten bzw. Israelis beschreiben? Welche Treueschwüre und Bekenntnisformeln wird man ihnen abverlangen? Muss ein Jeff Halper dann, um angehört zu werden, zunächst mal seine eigene Staatsangehörigkeit quittieren und, mit der Hand auf dem Herzen, bekennen: „Zionismus ist Rassismus“? Wo Solidarität zum Dogmenkatalog degeneriert, lugen Romantik und Folklore, die beiden guten Freunde, bereits aus der dunklen Ecke herüber.

Nicht nur, aber gerade in einem Kontext, in welchem es schwer ist, das Wort deutsch nicht zu verwenden, kann Palästinasolidarität nicht funktionieren ohne den Blick auf die jüdischen Akteure in Nahostkonflikt und -diskussion. Weil echte Solidarität nur dann ihren Namen verdient, wenn Mitmenschlichkeit an erster Stelle steht – und nicht Cui bono? oder kaltblütiger Pragmatismus -, verschließt sich Solidarität auch nicht dem Wohl und Wehe des jeweils Anderen.

Das in „Itamar“, einer von Verbrechern und ihren Kindern bewohnte Kolonie auf geraubtem Land in der Nähe von Nablus, Geschehene – es hätte nie passieren dürfen. Die Taten jüdischer Siedler, wie jener, die in „Itamar“ glauben, wohnen zu müssen, sind verabscheuuungswürdig. Aber: Es sind Morde geschehen. Punkt.

3 Gedanken zu “Solidarität oder Humanität?

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