Comedy, die auf keine Vorhaut geht: Oliver Polak in Osnabrück

Aus verschiedenen Gründen habe ich mich zu Anfang des Jahres entschlossen, mein Leben zu ändern. Essen und Trinken sind mein Leben. Ich habe meine Ernährung umgestellt, und Alkohol trinke ich so gut wie kaum noch. So gut wie! Seit jeher bin ich ein Verehrer diverser Produkte des irischen Brauereiwesens. Ein Grund, warum mir die Osnabrücker Lagerhalle als Ausgeh-Location zusagt, liegt neben der zentralen Lage und dem ansprechenden Veranstaltungsprogramm nicht zuletzt in dem Umstand begründet, dass man entsprechende Biere, frisch gezapft, einnehmen kann.  In Osnabrück ist so etwas, abgesehen vom Grünen Jäger, nicht mehr selbstredend machbar. Am Freitag, den 11. März 2011, besuchten meine Süße und meine Wenigkeit die Lagerhalle, um einem Auftritt von Oliver Polak beizuwohnen. Wir hatten noch etwas Zeit und verspürten Lust darauf, ein bißchen herumzusitzen, Händchen zu halten, Leute anzugucken – und kein Guiness zu trinken.  Letztere Aktivität fiel mir nicht gerade leicht, besser gesagt: Als ich an der Theke stand und darauf wartete, zwei Milchkaffees bestellen zu können, war ich froh, dass mich niemand fragte, wie es mir mit meiner Ernährungsumstellung denn so ginge. Die auch von mir viel zu häufig und viel zu euphorisch gegebene Antwort, „Super! Ich fühle mich so frisch und sehe alles so klar!“ – sie hätte mich an diesem Abend endgülig zum Heuchler gemacht. (Kurze Randnotiz: Wer ein Blog betreibt, in welchem es schwerpunktmäßig um Israel-Palästina geht, tut man m.E. nicht schlecht daran, die eigenen Heuchelpotentiale zumindest nicht kleinzureden.)

Wir besahen das sich anlässlich von Polaks Auftritt in der Lagerhalle einfindende Publikum. Neben einigen Alternativversionen des gängigen Quatsch-Comedy-Publikums – also eher grün angehaucht und Bionade trinkend als FDP-sonnenbankgegerbt – interessierten sich auch einige ältere Semester für den ersten emsländischen Komiker jüdischer Herkunft. Besagte Herrschaften gehörten, ihrem Outfit und Habitus nach zu urteilen, unzweifelhaft jener politisch engagierten Menschenketten-Schicht, die bis heute in Lehrerkollegien und Alternativgottesdiensten nicht einfach nur zu finden sind, sondern prägend wirken etc. Möglichweise irre ich mich, aber kurz bevor der Star des Abends, von diversen, sicherlich ausschließlich jahreszeitbedingten, Krankheitssymptomen  schwer gezeichnet, die Bühne betrat, mischten sich u.U. auch Mitglieder seiner eigenen Kernfamilie unter die Anwesenden. Ob auch seine Mutter dabei war?

Meine Frau und ich waren uns auf dem Heimweg einig: ein netter Abend, aber keine Offenbarung. Oliver Polaks Performance war so wie er selbst an diesem Abend gewesen: von Krankheit gezeichnet. Die Krankheit nennt sich Comedy, und sie schleicht sich unweigerlich in sämtliche Ansagen und Aussagen, in die Art und Weise, wie Witze erzählt, Pointen vorbereitet und abgefeuert werden, sie vergiftet Betonungen und äußeres Auftreten. Comedy – und damit meine ich die hierzulande seit Mitte der 1990er Jahre grassierende Quatsch Comedy – kann durchaus angesehen werden als die falsche Freundin des guten alten Humors. Letzten Endes lässt sie ihn auf der Strecke, pleite, abgebrannt und krude.

Polaks Pointen sorgten für beides, für Fassungslosigkeit und ein Gelächter, wie man es kennt von damals, aus der Harald-Schmidt-Show. Ein Gelächter, dass tadelt und doch auch goutiert. Ein Gelächter, das Herren- und Randgruppenwitze quittiert.: *hohoho*. Und wir saßen mittendrin. Im Angesicht eines ehemaligen Raab-Praktikanten, den ich übrigens immer dann interessant fand, wenn er von seiner emsländischen Heimat-Region mit ihren skurillen Gesprächskonventionen („Na, Du Gesicht?“) nachgerade liebevoll erzählte und wenn er sich lustig machte über Comedy-Kollegen und die Sperrspitzen dieser Bewegung imitierte. Der aber kaum erträglich war, wenn er – Ironie-hihihi – Katholiken-, Islam-, Nutten- und Fäkalwitze vom metaphorischen Stapel fallen ließ.  Und das alles unter der programmatischen Überschrift: „Jud süßsauer“. Um das in diesen Phasen der Show  angedeutete Niveau auf den Punkt zu bringen: Das ging auf keine Vorhaut.

Möglicherweise konnte man froh sein, dass Polak nicht weiter auf Israel-Palästina einging, abgesehen von seinem offenbar erotischen Abenteuer mit einer israelischen Soldatin. Die habe so viel Power gehabt, die hätte ihm glatt eine Siedlung in den Garten gebaut. Von einem, ähem,  solidaritätstheoretischen Standpunkt aus betrachtet also eine eher unergiebige Angelegenheit, jedenfalls nichts, was Palituchträger oder Antideutsche aufgebracht haben könnte. Das hätte auch noch gefehlt.

Ein Land, in dem Oliver Polak gefeiert wird, muss etwas falsch gemacht haben mit der Art und Weise, wie es seinen Mord an Juden, Sinti, Roma, Russen, Homosexuellen, Christen, politischen Gegnern und Muslimen erinnert. Wenn Polaks Comedy als scharfzüngig, seine Parodien als treffend und seine Themen als treffend apostrophiert werden, spricht dies dicke Bände über den geistigen Zustand eines sich national definierenden Kollektivs, das sich an religiösen Begrifflichkeiten vergreift, um den Anschein zu erwecken, irgendwie weitergekommen, vielleicht sogar davongekommen, wenn nicht entronnen zu sein: „Das Geheimnis der Erlösung ist die Erinnerung.“ *hohoho*

Bis vor einigen Jahren wohnte ich, studienhalber, in Münster, Osnabrücks Schwester im Range der Friedensstadt. Als kritisch engagierter Theologiestudent bewegte ich mich oft in Kreisen, die sich vorzugsweise im politisch schwer korrekten Cafe Milagro einfanden. Dieses wurde und wird bis heute von der Münsteraner Katholischen Studierendengemeinde betrieben. Als Singer/Songwriter, als der ich mich hie und da versuchte, gelang es mir, dort erste Bühnenerfahrungen zu sammeln. Aus Solidarität mit dem zuständigen Kulturreferenten des Hauses trug ich zudem ein ums andere Mal dazu bei, die Zahl der Zuhörenden und Zuschauenden bei weiteren Veranstaltungen zu erhöhen. Zu den widerlichsten Erfahrungen als anwesender Zuhörer zählt bis heute das Konzert, das ein Mitstudent von mir zu geben sich erdreistete. Weil ich ansonsten durchaus Sympathien hege für den Menschen, nenne ich keine Namen. Persönlich will ich ihm nicht das Geringste. Der Künstler, ein angehender katholischer Diplomtheologe mit starkem Interesse für Metz‘ Politische Theologie („nach Auschwitz“), sang zur Gitarre Lieder in jiddischer Sprache. Seine Ansagen waren gekennzeichnet durch das, was in den Kulturspalten besonders provinzieller Lokalblätter gern als „feinsinnig“ und „melancholisch“ bezeichnet wird. Um es kurz zu machen: Geboten wurde ein Programm, das vor christentümlichem Philosemitismus nur so triefte. Er machte dem Publikum den (seiner Meinung nach) perfekten Juden. Und die Anwesenden dankten es ihm mit tränenfeuchten Augen und stehenden Ovationen. Ich konnte gar nicht so viel Pinkus-Bio-Bier trinken, wie es für mich nötig gewesen wäre, um das aufgestiegene Ekelgefühl zu bekämpfen. Noch vor der Pause verließ ich den Ort des Grauens und radelte ratlos gen Studentenghetto. (*hohoho*). Ich fühlte mich beschmutzt, auf eine ähnliche Weise angeranzt, als hätte ich in einem walisischen Fish-and-Chips-Imbiss die nicht vorhandene Gästetoilette besucht.

Oliver Polak war zu jener Zeit noch nicht bekannt. Viele Jahre habe ich nicht mehr an das Münsteraner Fiasko mit dem philosemitischen Juden-Imitator gedacht. Gegen die beinahe schon religiöse Andächtigkeit, die dessen musikalische Beiträge beim Publikum offenkundig erzeugten, gegen die versammelte Gutmenschlichkeit und das gemeinsame „Ja“ zur Greisenhaftigkeit im Alter von 24 Jahren, gegen all die Anmaßung und Leichenfledderei, gegen das im Konzertraum des Cafe La Tienda offenbar werdende Grauen – gegen all diesen Unrat wäre Oliver Polak bei Zeiten eine wahre Wohltat gewesen. Und so setze ich mich in meine Zeitmaschine, drehe die Uhr zehn Jahre zurück und lasse Oliver Polak im Bord-CD-Spieler laufen:

 

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