Einfach elefantös: Bundesinnenminister Friedrich in Israel

Große Personen erzeugen große Worte. Niemand braucht Quellennachweis oder Fußnote, um zu wissen, dass einem John F. Kennedy die Worte „Ich bin ein Berliner“ zugerechnet werden dürfen. Und dass Martin Luther King Jr. „I have a dream“ bekannte, ist common, wenn auch conventional knowledge.

Würde jener Moment, da der hiesigen Öffentlichkeit der Name des Nachfolgers von Thomas de Maiziere im Amte des Bundesinnenministers mitgeteilt wurde, jemals in einem Comic wiedergegeben werden –  der Sprech- und Denkblasen, die nichts enthalten als ein, zwei… viele Fragezeichen wären viele. Hans-Peter Friedrich wird sich ob der Ignoranz, die ihm an jenem Tag entgegenschlug, geärgert haben, anders ist nicht zu erklären, warum er sich Anfang März bemüßigt fühlte, jene Worte auszusprechen, die fortan in keinem Zitatelexikon fehlen dürfen:

„Um das klar zu sagen: Die Leitkultur in Deutschland ist die christlich-jüdisch-abendländische Kultur. Sie ist nicht die islamische und wird es auch nicht in Zukunft sein.“

Letzte Woche weilte Deutschlands innenpolitisch mächtigster Religions- und Kulturtheoretiker im Land, wo Milch und Honig fließen, zumindest wenn man nicht Palästinenser ist. Und er sah, dass alles sehr gut war. Ulrike Winkelmann berichtet:

Und welche Botschaft sandte er von dort nach Haus? Deutsche, lernt von den Israelis: So wie in Israel die gesamte Bevölkerung gegen Anschlagsgefahren sensibilisiert sei, wünsche er es sich auch für Deutschland. „Der internationale Terrorismus greift überall um sich“, sagte er. Die deutsche Bevölkerung habe noch gar nicht gemerkt, dass die Schüsse Anfang März am Frankfurter Flughafen auf US-Soldaten der erste vollendete islamistische Anschlag in der Bundesrepublik gewesen seien. Nun brauche es – wie in Israel – die Aufmerksamkeit der Bevölkerung und auch das Bewusstsein, „von Terrorismus bedroht zu sein“.

Nicht nur, dass Friedrich das Spiel „Terroralarm in Deutschland“ seines Amtsvorgängers weiterspielt. Nicht nur dass auch die Masche, nach welcher Fremdenangst bzw. -feindlichkeit als Ausdruck besonderer Solidarität mit dem jüdischen Volk, vulgo dem Staat Israel, praktiziert und weißgewaschen wird.

Man fragt sich wirklich, was hatte Bundesinnenminister Friedrich in Israel zum Mittagessen? Es muss die Hasbarasuppe gewesen sein, die ihm besonders gemundet hat. Da wird einerseits der golden oldie „Das kleine Israel ist von Feinden umzingelt“ aus der Jukebox gezerrt, und andererseits gewünscht, hierzulande mögen israelische Verhältnisse herrschen. Was das für in diesem Lande lebende Muslime bedeuten mag, darüber spekuliere ich lieber erst gar nicht.

Was mir jedoch endgültig die Sonntagsruhe verdorben hat, ist der Umstand, dass Friedrich die Schnulze von der Bedrohung des unschuldigen Israels offenkundig auch noch als Soundtrack benutzt hat, um seinen eigenen Hit in den Charts unterzubringen: Deutschland ist bedroht. Deutschland ist unschuldig.

Der Herr Friedrich, vom elefant in the room zum Elefant im Porzellanladen. Und jetzt ist er auch noch Historiker!

7 Gedanken zu “Einfach elefantös: Bundesinnenminister Friedrich in Israel

  1. Dieses Geseire von Christlich-Jüdischer Kultur ist dermaßen geschmacklos, nicht nur in Hinblick auf die Vergangenheit der christlich-jüdischen Geschichte in Deutschland, die im nationalsozialistischem Völkermord gipfelte, aber auch danach das Pogrom durch Amts-Schikanen gegenüber jüdischen Bürger und Opfer der Nazis fortführte. Jetzt eine vermeintliche christlich-jüdische Kultur als Brandbeschleuniger zur Vorbereitung einer neuen Pogromstimmung zu nutzen ist in einem Maße degoutant, der jeder Beschreibung trotzt. Warum um alles in der Welt, müssen wir solche Politiker ertragen? Hilfe!

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  2. Jo, guter Text. Aber eine kleine Korinthenkackerei habe ich trotzdem wegen deiner Rede von „Fremdenangst bzw. -feindlichkeit“, weil diese Begrifflichkeit genau von der Grundannahme ausgeht, die zu kritisieren wäre: dass die von solcher Feindlichkeit Betroffenen eben „fremd“ sind, also nicht zu „uns“ dazugehören. Das Wörtchen Rassismus trifft´s einfach besser.

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