Zwischen Jenin, Haifa und dem Kibbuz Ramot Menashe: Julianos letzter Tag

Dem Hinweis einer mir nur per Email-Kontakt bekannten Palästinasolidaritätsaktivistin – was für ein Wort -, folgend, habe ich Tsafrir Cohens Bericht von der Bestattung Juliano Mer Khamis‘. Ohne zynisch sein zu wollen, die folgende Passage verbindet auf so wunderbare Weise Trauer, Utopie und Wirklichkeit, dass sich die Worthülse „zum Sterben schön“ förmlich aufdrängt:

Es waren bedrückende Momente, als sich am Vormittag Tausende vor dem Al Midan Theatre in der israelischen Hafenstadt Haifa versammelten. Julianos Stadt. Die Menschen strömen hinein ins Dunkle des Bühnenraums, da ist der Sarg aufgebahrt, dann hinaus. Geblendet von der Frühlingssonne bilden sie Menschentrauben. Es sind israelische Palästinenser – manche nennen sie israelische Araber -, jüdische Israelis und mehrere Dutzend Palästinenser aus der Westbank, die eine Sondergenehmigung für den Tag erhalten hatten. Größen der Theater- und Filmbranche, Aktivisten, Nachbarn, die alte Garde der israelischen Kommunisten. Der einzigen Partei, die sich als Heimat beider Völker verstanden hatte und sich dies zum zentralen Slogan machte. In dieser verschlafenen nordisraelischen Stadt gibt es manche Straßen, in denen Juden und Palästinenser selbstverständlicher miteinander leben als anderswo. Und jetzt, eine kurze Momentaufnahme, scheinen diese überschaubaren Koexistenz-Kieze sich auf die zentrale Straße auszubreiten. Da hissen mehrere Aktivistinnen die palästinensische Fahne. Doch die Polizei greift nicht ein und kümmert sich lediglich um den Verkehr, und die Teilnehmer wispern unbeeindruckt weiter auf Hebräisch und auf Arabisch. Immer wieder brechen Menschen in Tränen aus, vor allem die Schauspielschüler und die Mitarbeiter des Freedom Theatre Jenin wissen nicht wohin mit ihrer Trauer, in dieser fremden Stadt ihrer Besatzer, die sie größtenteils zum ersten Mal sehen. Als Jenny, die Witwe kommt, in Schwarz, ihr von blonden Haaren umrahmtes Gesicht kreidebleich, hochschwanger, beherrscht sich kaum noch jemand.

Von Haifa fährt ein Korso nach Jalame, dem berüchtigten Checkpoint nahe Jenin, der Israel von den besetzten Gebieten trennt. Palästinenser aus der Westbank und Gaza erhalten kaum Genehmigungen Israel zu betreten, folglich können viele Wegbegleiter dem Begräbnis nicht beiwohnen. Auf der anderen Seite können jetzt Freunde aus Jenin und der restlichen Westbank um seinen Leichnam trauern. Ein Sonderkorridor wird für den Sarg eröffnet. Es sind israelischen Soldaten und Offiziere, nicht die gewohnten unverschämten Kräfte der privaten Sicherheitsfirmen, die uns empfangen. Mit Respekt. Wir können nicht mit auf die andere Seite, die Sicherheitsprozeduren wären zu umfangreich, wir kämmen nicht rechtzeitig zurück. Zu Hunderten stehen wir am Zaun, schauen auf die andere Seite, auf die Westbank. Das Gefühl der Ohnmacht steigt. Doch als der rote Leichenwagen Juliano und einige Begleiter auf die andere Seite bringt, gibt es stehende Ovationen. Juliano hat diese unüberwindbare Grenze überschritten.

Der rote Leichenwagen kommt zurück, und wir fahren weiter zum Kibbuz Ramot Menashe. Dort ist Arna, Julianos Mutter und Gründerin des Freedom Theatre begraben. Eine Grenzgängerin, Jüdin und Kommunistin, verheiratet mit einem Palästinenser. Da gab es kaum einen Friedhof, der sie aufgenommen hätte. Ein idyllischer Ort, besonders jetzt, während des kurzen Frühlings. Wildmohn, Margariten, Narzissen, sattes Grün der Wiesen wechselt sich ab mit blühendem Mischwald. Hier wird Juliano zu Grabe getragen. Es ist spät am Nachmittag, und die Menschen sind gefasst. Kaum einer bricht noch laut in Tränen aus. Es soll eine richtige Feier sein, keine Trauerfeier, wir sollen klatschen wie nach einem geglückten Theaterabend. Die Reden werden in Arabisch, dann Hebräisch gehalten. Ein jüdischer Aktivist und Holocaustüberlebender spricht, ein palästinensischer Theatermacher, ein israelischer Filmemacher, ein palästinensischer Widerstandskämpfer bzw. Ex-Terrorist. Es klingt selbstverständlich, eine Übersetzung ist irgendwie nicht nötig. Es war ein palästinensisches Ereignis, und es war ein jüdisch-israelisches Ereignis. Und beide Elemente gingen ineinander über, und es war ein Moment selbstverständlichen Zusammenseins. Es wurde Abend, und wir gingen auseinander, jeder an seinen Ort.

Zwischen Jenin, Haifa und dem Kibbuz Ramot Menashe: Was da an Mitgefühl und selbstverständlicher Mitmenschlichkeit erzählt wird bzw. durch die Worte und Bilder transportiert wird – musste dafür einer wie Juliano Mer Khamis sterben? Mussten sich erst Mörder seiner annehmen, dass man sich der Tragweite dessen, was gelebtes, ausgelebtes Leben in Israel-Palästina bedeuten kann, bewusst wird? Wer kannte ihn denn, diesen Luft- und Theatermenschen, diesen Araber und Juden, diesen Palästinenser und Israeli? Bevor er ermordet wurde?

Ich hörte, dass Viola Raheb und ihr Mann Marwan Abado, die kürzlich mit „Zugvögel“ ein auf CD gebanntes Hörerlebnis aus Wort und Klang veröffentlicht haben, das einen sprachlos macht, von einigen besonders beredten VertreterInnen hiesiger Palästinasolidarität dafür kritisiert worden sind, dass sie „ideologisch nicht relevant“ genug seien. Palästinenser, die Kultur betreiben? Palästinenser, die das Leben und die Schönheit besingen? Die das Leben lieben? Die darauf bestehen mehr zu sein als ausschließlich Opfer?

Und nun Juliano Mer Khamis, dessen momentan auf eine Weise gedacht wird, dass man meinen könnte, seine Heiligsprechung stehe kurz bevor. Auch er ein Lebensliebender, ein Kulturschaffender, kein Kulturkämpfer. In gewissem Sinne musste doch auch für ihn gelten: „Ideologisch nicht relevant“. Oder schlimmer. Jedenfalls sahen es, so steht zu befürchten, seine Mörder so oder so ähnlich.  Wer spricht ihn heilig? Und wieviel schlechtes Gewissen und Hilflosigkeit soll damit kompensiert werden?

Ob Jude oder Nichtjude – muss erst sterben, wer hierzulande zur Kenntnis genommen werden will?

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