Hände, von weißem Phosphor verbrannt
Hände, von weißem Phosphor verbrannt

Wie schon angedeutet, habe ich als um Mitmenschlichkeit bemühter Zeitgenosse Verständnis für Richter Goldstone. Der Mann muss einem ungeheuren Druck ausgesetzt gewesen sein, dem er und seine Familie letzten Endes wohl nicht mehr gewachsen waren. Als bekennender Zionist und bekennender Freund Israels von anderen Zionisten zum Abschuss freigegeben zu werden – man wäre nicht aus Fleisch und Blut, all das außer Acht zu lassen, was Goldstone allem Anschein nach hat aushalten müssen. Und alles wegen Gaza! Und wegen einer „Operation“ namens „Gegossenes Blei“. Und dennoch hat Bettina Marx in ihrem Kommentar für die Deutsche Welle völlig recht:

Die Offensive mit dem zynischen Namen „Gegossenes Blei“ war ein ungeheures Kriegsverbrechen, das Israel bewusst und gewollt begangen hat. Eine schutzlose Bevölkerung wurde drei Wochen lang den Bomben und den erbarmungslosen Angriffen der israelischen Armee ausgesetzt, ganze Wohnviertel wurden in Schutt und Asche gelegt, die kümmerlichen letzten Reste der palästinensischen Wirtschaft wurden mutwillig zerstört. Auch die Raketenangriffe militanter Palästinenser können dafür nicht als Begründung herhalten. Denn, so verwerflich sie auch sein mögen, Kollektivstrafen sind nach internationalem Recht verboten. Die Zivilbevölkerung von Gaza aber, die zu mehr als 60 Prozent aus Kindern besteht, wird seit Jahren kollektiv bestraft, durch die Abriegelung, durch die Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit, und durch immer wiederkehrende Militäroperationen. 1,5 Millionen Menschen, die im winzigen Gazastreifen leben, werden von Ressourcen abgeschnitten und von medizinischer Versorgung, von sauberem Wasser und von freiem Zugang zu Bildung.

Das ist ein unverzeihliches Unrecht. Der Druck, den die Menschen von Gaza, seit Jahren aushalten müssen, ist ungleich schlimmer, als der, dem Richter Goldstone ausgesetzt war. Seine plötzliche Kehrtwende ist nicht nur merkwürdig, sie ist eine Schande.

Und hier noch zwei Leseempfehlungen: Sowohl in den Meldungen aus dem Exil als auch beim Doktor aus Galiläa finden sich zwei außerordentlich lesenswerte Reflexionen der gesamten Angelegenheit. In beiden wird die Spannung zwischen persönlich erduldetem Druck und der politischen Dimension des eigenen Handelns bei Goldstone recht deutlich zur Sprache gebracht. Nicht zu vergessen: die Tausenden von Toten, die das Massaker namens „Gegossenes Blei“ gefordert hat.

2 Gedanken zu “Bettina Marx: Goldstones „plötzliche Kehrtwende ist nicht nur merkwürdig, sie ist eine Schande“.

  1. Die extremen Formen sozialer Isolation und politischen Rufmordes, wie sie in den USA und dort insbesondere im Kontext Israel geübt werden kann man sich hierzulande kaum vorstellen.

    Man nehme nur den Beitrag des NeoCons Martin Peretz, dem ehem. Herausgeber des „The New Republic“. Peretz brandredet aktuell gegen den „Widerruf“ von Goldstone:

    „I would not allow him [to worship with members of the jewish community]. Not for one moment. Let him pray with the Hamas Islamists who he believed, or pretended to believe, in his famous Gaza war crimes report“.

    Peretz zufolge ist es demnach auch keineswegs der israelische Gazakrieg, der die Lage in Palästina weiter verschärfte, sondern das „Giftgas“ (poison gas) des Goldstone-Berichts.

    Hält man sich vor Augen, dass jemand wie Goldstone eher nicht in „linken“ Kreisen verkehrt, hat ihm der ganze Respekt für seine klaren Worte im Bericht nichts gebracht. Nur die offene und bisweilen radikale Feindschaft seiner zuvor vertrauten Umgebung. Er müsste ein Übermensch sein, hätte er auf seinem Bericht beharrt.

    Ach übrigens, Peretz war der, der letztes Jahr eine Kolumne schrieb, in der er meinte „muslim life is cheap“ und dabei der muslimischen Gemeinde in den USA das Recht auf den Ersten Zusatzartikel der Verfassung in Abrede stellte („they are worthy of the privileges of the First Amendment which I have in my gut the sense that they will abuse“) Zur Erinnerung: First Amendment: Recht auf freie Meinungsäußerung, Pressefreiheit, freie Religionsausübung.

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    1. Ich denke, was Du hier gesagt hast, gilt es eben auch zu berücksichtigen. Viele, die sich selbst als Palästina-solidarisch darstellen, haben so ein bisschen die Tendenz, die Aussage von Marx‘ Kommentar dergestalt zu verkürzen, dass es dann heisst: Was sind die Unannehmlichkeiten eines angesehenen internationalen Juristen in seinem wohlbetuchten Umfeld gegen das unendliche Leid derer, die in Gaza ausharren müssen? Mir geht es darum, Leiderfahrungen als solche zu würdigen und sie nicht gegeneinander aufzurechnen.

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